Das Gen der Bescheidenheit

Medienmädchen IV: Maren Niemeyer verwandelte „Liebe Sünde“ in ein Frauenmagazin, besorgte Willemsens Gäste und ist heute Chefin von Enie van de Meiklokjes beim Arte-Magazin „Lola“

Maren Niemeyer kann gut zuhören. Sie sitzt einem dann gegenüber, guckt und lächelt und raucht gelegentlich, und an den Antworten merkt man, dass sie nicht nur freundlich guckt und an ihr Auto, ihre Termine oder ihre Handtasche denkt.

Sie hat während einer satten und abwechslungsreichen Medienlaufbahn gelernt, gut zuzuhören, um abwägen zu können: Als Chefin muss man die meisten Entscheidungen treffen, und eine Redaktion leiten ist kein Zuckerschlecken. Zuhören allein reicht dafür noch lange nicht. Und wenn das Ganze auch noch in Kooperation mit der französischen Partnerredaktion passieren soll, schon mal gar nicht. Die Arte-Sendung „Lola“, das „einzige europäische Frauenmagazin“, das neuerdings in Deutschland mit einer nicht unbekannten Moderatorin (Rotschöpfchen Enie van de Meiklokjes) daherkommt, fordert von Maren Niemeyer, ihrer Leiterin und Producerin in Berlin, viel Arbeit, viel Zuhören, Abwägen, Betreuen, Entscheiden.

Niemeyer hat keine Angst vor Konfrontationen: „Chefin sein ist eben nicht nur lustig, man muss ertragen, dass man Feinde hat – mit typisch weiblicher Harmoniesucht kommt man nicht weit und wird auch nicht ernst genommen.“ Die gebürtige Bremerin, frische 39, blond, bestimmt, groß, oft im Anzug anzutreffen, wurde bereits in einer ganzen Menge Jobs ernst genommen: Sie war Chefin vom Dienst bei der Talksendung „Willemsens Woche“, Redaktionsleiterin bei „Liebe Sünde“ (und hat die Erotik-Sendung „heimlich zu einem Frauenmagazin gemacht“, denn die lief damals immer gegen Fußball am Mittwochabend, am Ende von Niemeyers Redaktionszeit hatte „Liebe Sünde“ 65 Prozent Zuschauerinnen). Sie hat Dokumentarfilme gedreht, Beiträge für den Kulturreport, das Morgenmagazin, hat bei Sabine Christiansen und Maybrit Illner in der Redaktion gearbeitet.

Seit zwei Jahren macht sie „Lola“, leitet die halbstündige wöchentliche Sendung aus den Redaktionsräumen in einer Parterre-Fabriketage in Berlin oder fährt zur Abstimmung nach Paris. Und füttert damit ein eigentlich anachronistisches Format: Sollte man nicht lieber daran arbeiten, die Welt so zu verändern, dass Frauenmagazine nicht mehr nötig sind, weil die so genannten typischen Frauenthemen überall anders genügend vorkommen?

„Wir verstehen uns nicht als Interessenvertretung der geprügelten und allein erziehenden Frauen, sondern als Special-Interest-Format“, sagt sie und weist darauf hin, dass Magazine, die vor allem von Männern geguckt werden (wie zum Beispiel Autosportsendungen) auch nicht als „Männermagazine“ tituliert werden. Recht hat sie: „Wir stellen spannende Frauen mit ungewöhnlichen Biografien vor“, erklärt Niemeyer, weil die in der Berichterstattung immer noch fehlen – „wenn es darum geht, Experten zu Wort kommen zu lassen, sind es fast immer Männer“. Obwohl es jede Menge Expertinnen – sei es in Politik, Kunst oder Wirtschaft – gäbe, denn „Frauen sind mit einem Bescheidenheitsgen ausgestattet, was die eigene PR betrifft“.

Frauen müssen also lauter trommeln. Und zwar weiterhin: Trotz der relativ starken Präsenz eloquenter Frauen auf dem Bildschirm (Illner, Christiansen, Maischberger, Bauer) sind sie da, wo es wichtig ist, in den schon tausendmal zitierten und immer noch zur Eroberung ausstehenden Chefetagen, nach wie vor kaum vorhanden. „Kluge Frauen auf dem Bildschirm hat es immer gegeben. Aber wie viele meinungsbildende Kommentare wurden im letzten Jahr von Frauen geschrieben?“, gibt Niemeyer, der man sofort abnimmt, dass sie kein Problem mit Meinungsäußerungen hat, zu bedenken.

Dass auch kluge Bildschirmfrauen nach wie vor mit einem etwas anderem Maß gemessen werden als ihre Kollegen, merkt man, wenn man sich Vorzeige- und auch Hinterbänkler-Moderatorinnen mal in einer Reihe vorstellt. Und daneben eine Reihe Moderatoren: Ist das ein Zufall, dass die Männer mindestens doppelt so alt und charaktergesichtig sind?

Bei „Lola“ arbeitet Niemeyer in einem weiblichen Team. „Ich merke im TV-Alltag momentan darum keine Gender-Unterschiede“, sagt sie, nur, „was die Entscheidungsgremien betrifft“. Darin sitzen, auch bei Arte, natürlich wieder größtenteils Männer. Dabei arbeite es sich eigentlich „am besten in einem Team, in dem die Mischung Hälfte/Hälfte ist, wie im Leben sozusagen“, sagt Niemeyer.

Und räumt ein, dass gegenwärtig vielleicht zumindest ein kleiner, ein sanfter Generationswechsel stattfindet: Immerhin hätten die etwas jüngeren männlichen Kollegen heutzutage überhaupt kein Problem mehr, mit Frauen zusammenzuarbeiten und sich etwas von ihnen sagen zu lassen. Man muss also nur noch ein paar mehr von uns ganz nach oben jagen.