Nestbeschmutzer an die Macht

Auch wenn die EU-Kulturtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Goethe-Instituts Inter Nationes ein anderes Bild bot: Immer mehr junge Künstler des Baltikums mischen unter anderem in Berlin in der internationalen Kunstszene mit

Marius Ivaškevičius hat sich in die Nesseln gesetzt. Dem dreißigjährigen litauischen Journalisten, Schriftsteller, Dramatiker und Regisseur droht der Ausschluss aus dem litauischen Schriftstellerverband. Das hat er sich selbst eingebrockt. Schließlich kratzt er in seinen Romanen an den Geschichtsmythen seines Landes. Im 1998 erschienenen Roman „Geschichten aus der Wolke“ erzählt er den Werdegang seines Landes anhand des Wasserkreislaufs – als ewige Wiederholung. Der Roman „Die Grünen“ von 2002 hingegen dreht sich um die Absurdität des bis Anfang der Fünfzigerjahre tobenden litauischen Partisanenkriegs. Da Ivaškevičius nicht wie gewohnt das Feindbild vom Russen bedient, wird er von den Patrioten seines Landes als Nestbeschmutzer verunglimpft.

Geschadet hat es ihm nicht: Im vergangenen Jahr wurde er auf der Frankfurter Buchmesse als Shootingstar gefeiert. Gelobt wurde sein Erzählen frei von Schablonen und Klischees: ein Schriftsteller, der versucht, sich vom ehemals diktatorischen System und den Zwängen auch in der Post-Ära frei zu strampeln und sich erfrischend mit der Geschichte und Gegenwart seines Landes auseinandersetzt. Quasi der Benjamin von Stuckrad-Barre Litauens. Denn ähnlich wie der lästernde Pastorensohn und seinesgleichen Literaturgrößen wie Günter Grass und Peter Handke von ihrem Sockel stieß, einen Erdrutsch in der deutschen Literatur auslöste und damit die Popliteratur in die Charts katapultierte, bringt Ivaškevičius durch Tabubrüche und neue, ungewohnte Sichtweisen frischen Wind in die litauische Literatur. Anders als bei von Stuckrad-Barre haben seine Romane, Essays und Theaterstücke jedoch eine tiefere historische Dimension. Ivaškevičius betrachtet sich als „Gefundener“. Er meint damit, dass er das Glück hatte, den Umbruch gerade zur richtigen Zeit zu erleben, ohne allzu sehr Schaden zu nehmen – anders als die Generationen vor ihm, die sich als „Verlorene“ bezeichneten. Also genau der Richtige, um ihn auf der Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Goethe-Instituts Inter Nationes in Berlin mit aufs Podium zu setzen.

Unter dem Motto „Kulturen in Bewegung“ sollte im Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung über den anstehenden EU-Beitritt von Estland, Lettland und Litauen diskutiert werden. Eingeladen waren neben Schriftstellern Film- und Fernsehleute, Politologen und Berater aus Außenministerien. Rund 250 Zuhörer waren zur ganztägigen Veranstaltung gekommen, die in drei Teile untergegliedert war. Im ersten Teil sollten Autoren mit ihren Texten zu Wort kommen, im zweiten sollte es um wirtschaftliche Aspekte gehen, im dritten um kulturelle Netzwerke.

Der Schriftsteller Marius Ivaškevičius beschreibt in seinem vorgestellten Aufsatz, warum ihn der bevorstehende EU-Beitritt mit Unbehagen erfüllt: „Die Litauer haben nicht genug Zeit gehabt, um vollwertige Westler zu werden.“ Auch die lettische Dichterin, Dramatikerin und Essayistin Mára Zálíte fühlt sich hin- und hergerissen zwischen Ablehnung und Zustimmung: „Das Erste, was uns Europa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs brachte, waren Drogen, Kinderpornografie und Frauenhandel, gefolgt von hochmütigen Europabeamten.“ Dennoch hat Zálíte ihren Aufsatz mit „Ja!“ betitelt. Denn eine Alternative gibt es nicht, darin waren sich alle Autoren einig.

Kontroverse Statements, über die zu diskutieren sich gelohnt hätte. Doch statt sich darauf zu beziehen, ritt der Moderator des ersten Teils der Tagung, der Literaturkritiker Jörg Magenau, auf dem – wie er selbst sagte – nebulösen Begriff Europa herum. Und im dritten Teil biss sich Moderator Thomas Wohlfarth von der literaturWerkstatt Berlin am „Netzwerk“-Gedanken fest – ohne zu merken, dass dieser Begriff, der bei seinen Gästen geschichtsbedingt ideologisch behaftet ist, Unwohlsein auslöste. Das killte auch hier jegliche Gesprächslust. Das war schade, denn anders als die pessimistisch anmutende Tagung ahnen ließ, herrscht in diesen Tagen ein reger, eigenständiger Kulturaustausch fernab von Institutionen zwischen den drei baltischen Ländern, Europa und den USA.

Der oben genannte Netzwerk-Gedanke wird durchaus praktiziert. Und auch in Berlin sind die junge Künstler derzeit aktiv: So wurde vergangenen Freitag Shakespeares „Romeo und Julia“ im Hebbel-Theater uraufgeführt, eine Inszenierung des litauischen Regiestars Oskaras Korsunovas, der auf Festivals von Avignon bis Edinburg präsent ist und in seinen Aufführungen die Generation des Umbruchs zu Wort kommen lässt. In „Romeo und Julia“ beispielsweise greift Korsunovas den Wunsch der jungen Generation auf, sich eine neue Welt zu erschaffen, aber immer wieder funken politische Zwänge und gesellschaftliche Konventionen dazwischen.

Auch der 25-jährige Lette Arnis Balčus verleiht der postsowjetischen Generation eine Stimme. In Europa und den USA hat er mit Ausstellungen und Beiträgen in Fotomagazinen auf sich aufmerksam gemacht. In seinen schnappschussartig wirkenden Fotos, die ein wenig an den Szenefotografen Wolfgang Tillmans erinnern, porträtiert er sich, Freunde, Geliebte und Bekannte. Seine Bilder zeigen, dass sich die jungen Leute in Lettland, die mit H&M und MTV groß geworden sind, nicht wesentlich von ihren westlichen Zeitgenossen unterscheiden.

Und auch der litauische Schriftsteller Ivaškevičius hat bereits sein nächstes Theaterstück in der Mache. Es spielt zwischen den Weltkriegen. Seine Kritiker wetzen schon die Messer.