Leiden an der deutschen Frage

von WOLFGANG KRAUSHAAR

Anfang der Siebzigerjahre suchte die sozialliberale Koalition, deren neue Ostpolitik alles vermeiden wollte, was die Verhandlungspartner in der DDR oder in der Sowjetunion hätte verärgern können, nach einem Ausweg aus der Sackgasse, in die die Erinnerungspolitik zum 17. Juni geraten war. Die Folge: eine jahrelange Diskussion über mögliche Gedenkalternativen – wie den 23. Mai.

Als der 20. Jahrestag des 17. Juni 1953 nahte, sollte es zu einer Art Nagelprobe kommen. Der Bundestag trat an diesem Tag jedoch gar nicht erst zusammen. Der Grund lag, formal betrachtet, darin, dass der 17. Juni auf einen Sonntag fiel. Bundeskanzler Willy Brandt gab eine knappe Erklärung ab, in der es schlicht hieß, der 17. Juni solle nicht „zum Anlass fast beziehungsloser, gewissermaßen musealer Feierstunden“ degradiert werden. Die Pressekommentare auf des Kanzlers Statement ließen es an Deutlichkeit nicht mangeln. In einer Frankfurter Allgemeinen Zeitung etwa stand spitz zu lesen, dass der 17. Juni nicht mehr in die „begradigte außenpolitische Landschaft“ passe, er sei zu einem „Fremdkörper“ geworden.

Dafür meldete sich eine in diesem Zusammenhang unerwartete Stimme zu Wort. In der Westberliner Zeitschrift Der Lange Marsch erschien ein von einem R. Bald verfasster Gedenkartikel. Hinter dem Pseudonym verbarg sich Rudi Dutschke, der noch unter den Spätfolgen des Attentates vom Gründonnerstag 1968 zu leiden hatte.

Umso bemerkenswerter sein Text, denn es war sein erster nach fünf Jahren. Dutschke schilderte darin ausführlich seine Erlebnisse an den Tag des DDR-Volksaufstandes – er war damals gerade dreizehn Jahre alt. Dann unterzog er rechte und linke Mythenbildungen zum 17. Juni einer scharfen Kritik, um schließlich den in jenen Tagen immer noch umstrittenen Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR anzugreifen.

Dutschke argumentierte, indem sich beide Staaten als souveräne Subjekte im Sinne des Völkerrechts gegenüberstünden, gäben sie „die geschichtliche Klassengemeinsamkeit der Kämpfe und Ziele der deutschen Arbeiterklasse“ auf. Und der DDR-Regierung warf er vor, mit der Unterzeichnung des Vertragswerks „die sozialistische Wiedervereinigung“ zugunsten einer völkerrechtlichen Anerkennung durch die Bundesrepublik preisgegeben zu haben.

Die Stimme des im brandenburgischen Luckenwalde geborenen und in der DDR aufgewachsenen Dutschke blieb jedoch die eines Einzelgängers. Kaum einer seiner Freunde aus der Achtundsechzigerbewegung teilte seine Überzeugungen zur Wiedervereinigung. Erst viele Jahre nach Dutschkes Tod stellte sich heraus, dass der charismatische Sprecher der Studentenbewegung an der nationalen Option sein Leben lang festgehalten und selbst auf dem Höhepunkt der Westberliner Unruhen eine Initiative zur Überwindung der deutschen Spaltung gestartet hatte.

In einem 1967 ebenfalls pseudonym publizierten Aufsatz hatte er den Gedanken entwickelt, in dem Westberlin eine Schlüsselfunktion für die Revolutionierung beider deutscher Staaten gewinnen sollte: „Ein von unten durch direkte Rätedemokratie getragenes West-Berlin … könnte ein strategischer Transmissionsriemen für eine zukünftige Wiedervereinigung Deutschlands sein. Hier könnte ein beispielhaftes Modell eines dezentralisierten real-demokratischen Lebens für die anderen beiden Teilstaaten, für die ganze Welt demonstriert werden …“ Von dieser Zielsetzung her müsse das Vorgehen der antiautoritären Bewegung bestimmt werden.

„Der Kampf um die nationale Selbständigkeit ist immer verbunden mit internationalem Kampf“

In kaum einem anderen Text hatte Dutschke seine politischen Optionen so offen formuliert. Westberlin sollte dabei eine strategische zentrale Rolle für die Umwälzung der Verhältnisse in der BRD wie in der DDR gewinnen. Ein „Freistaat“ Westberlin sollte als „Assoziation freier Individuen“ vor Augen führen, wie die Spaltung Deutschlands überwunden werden könnte: durch einen möglichst gleichzeitigen Umsturz in beiden deutschen Staaten.

Das national besetzte Projekt einer Wiedervereinigung lud Dutschke mit den Zielsetzungen der antiautoritären Bewegung auf und definierte es um – zu einem Zwischenschritt auf dem Weg zur internationalen Befreiung. Doch dieser Versuch, die „deutsche Frage“ von links zu politisieren, stieß ebenso wie später folgende auf Unverständnis.

Kein Zweifel – niemand anders hat die Achtundsechzigerbewegung so stark personifiziert wie Dutschke. In diesem einen für sein politisches Selbstverständnis zentralen Punkt jedoch hätten die Differenzen kaum größer ausfallen können – in dem der Wiedervereinigung Deutschlands. Und dieser Unterschied verriet sich an keinem Tag stärker als am 17. Juni.

Die Forderung nach Wiederherstellung der nationalen Einheit Deutschlands war von 1958 bis zu seinem Tod 1979 eine Grundposition Dutschkes. Lediglich taktische Rücksichtnahme hat eine Wahrnehmung dieser Position in der linken Öffentlichkeit verhindert beziehungsweise eingeschränkt. Eine Ingroup des Westberliner SDS war allerdings davon nicht nur informiert, sondern hat sich auch an Diskussionen über diese Fragen selbst beteiligt.

Das Verhältnis von Nationalismus und Internationalismus war für Dutschke eine komplizierte und ineinander verschachtelte Angelegenheit. Er sah einen politischen Zusammenhang zwischen dem Prozess der Dekolonialisierung auf der einen und dem der Blockkonfrontation auf der anderen Seite. Er war der Überzeugung, dass es eine Parallele zwischen dem Kampf der Befreiungsbewegungen um nationale Unabhängigkeit in der Dritten Welt und den Bemühungen um die Wiedervereinigung Deutschlands gebe. „Der Kampf um die nationale Selbständigkeit“, so hat er es einmal formuliert, „ist immer auch verbunden mit einem internationalen Kampf, mit dem Klassenkampf.“

Die Wiedervereinigung Deutschlands konnte aus seiner Perspektive nur die Sache der Arbeiterbewegung in West und Ost sein. Für ihn waren die nationale und die soziale Frage miteinander fusioniert. Dutschkes Option bestand in einer Wiedervereinigung von links.

Diese Einstellung war jedoch ebenso illusionär wie gefährlich. Die Mythologisierung der Arbeiterschaft zu einer vermeintlich einheitsstiftenden „deutschen Arbeiterklasse“ war ein Problem, ein anderes, weiter reichendes jedoch lag in Dutschkes Versuch einer Reaktualisierung der „deutschen Frage“. Er dachte die Nation als etwas Ursprüngliches, als Überhistorisches, Substanzielles.

Dies war aber – und ist auch heute noch – ein klassisches Merkmal rechtskonservativen Denkens. Und Dutschke wollte nichts weniger, als in der deutschen Fragen von Rechten eingemeindet zu werden. Deshalb gibt es scharfe Differenzen zwischen seiner Position und der einiger ehemaligen Kombattanten, die heute objektiv dem Rechtskonservatismus beziehungsweise -radikalismus zugerechnet werden müssen.

Worin bestehen etwa die Differenzen im Verhältnis zu jenen Positionen, die heute von Horst Mahler oder Bernd Rabehl eingenommen werden? Zunächst: Die offen rassistischen, chauvinistischen und antisemitischen Bekenntnisse Mahlers sind nicht mehr diskursfähig. Es wäre eine Beleidigung, Dutschkes Positionen im Nachhinein mit denen Mahlers vergleichen zu wollen.

Ein wenig anders sieht es mit Rabehls Positionen aus. Sie sind vor allem von einer geradezu obsessiven Fremdenfeindlichkeit getragen, einer Einstellung, die angesichts des insbesondere unter Jugendlichen in den neuen Bundesländern unverändert grassierenden Hasses als eine indirekte Ermunterung aufgefasst werden müssen. Darin unterscheidet sich Dutschke am stärksten von seinem früheren Freund und Weggefährten – er war völlig frei von derartigen Projektionen auf Ausländer und auf Fremde überhaupt.

Wollte man die politischen Differenzen auf einen Nenner bringen, dann ließe sich von drei verschiedenen Figuren sprechen: Mahler hat sich zum rechtshegelianisch verbrämten Neonazi entwickelt; Rabehl glaubt sich inzwischen in der Rolle des Nationalrevolutionären wiederfinden zu können, und Dutschke war ein an Deutschland und seiner Geschichte leidender antiautoritärer Sozialist – mit Fehlern und Schwächen, die ihn diesseitiger machten, als er für viele von uns, die ihm seinerzeit nahe standen, damals war.