Der vermeintlich letzte Ausweg

Weit über zehntausend Menschen sterben jährlich in Deutschland durch Selbstmord. Das sind mehr, als im Straßenverkehr umkommen. Vor allem die über 60-Jährigen sind suizidgefährdet. Die Ursachen sind Depressionen und Einsamkeit

„Alle 47 Minuten stirbt statistisch in Deutschland ein Mensch durch Suizid“, konstatiert Norbert Erlemeier, Psychologieprofessor und Autor der Studie Suizidalität und Suizidprävention im Alter. „Jedes Jahr begehen mehr Menschen Suizid, als Menschen durch Verkehrsunfälle sterben“, verdeutlicht er. Um das sieben- bis achtfache höher ist überdies die Zahl der Suizidversuche. Dabei sind es vor allem über 60-Jährige, insbesondere hochbetagte Menschen, die zu der am stärkten suizidgefährdeten Personengruppe gehören.

Zwar nimmt die Zahl der Selbstmorde seit Jahren leicht ab, Experten schätzen aber, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Beispielsweise aus Achtung vor den Angehörigen wird die tatsächliche Todesursache manchmal verschwiegen. „Würden alle Toten obduziert, so kämen wir auf andere Zahlen“, vermutet Rolf Dieter Hirsch, Leiter der Abteilung für Gerontopsychiatrie und des Gerontopsychiatrischen Zentrums an den Rheinischen Kliniken Bonn.

Suizide im Alter verlaufen meistens tödlich und werden im Vergleich zu jüngeren Selbstmördern mit größerer Entschlossenheit ausgeführt. So wählen vor allem alte Männer radikale Methoden wie Erhängen oder Erschießen, wenn sie sich für den Suizid entschlossen haben. Und: „Alte Menschen geben im Vorfeld einer Suizidhandlung seltener Warnsignale. Ihre Tat ist weniger als Hilfeappell angelegt, stattdessen dient sie der Beendigung einer auswegslosen Situation“, führt Hirsch aus.

Nach Depressionen und Suchtmittelabhängigkeit scheint das Kriterium Alter die dritthäufigste Gefährdungskategorie für eine suizidale Entwicklung zu sein, so die Expertensicht. Einsamkeit, der Verlust des vertrauen Umfeldes oder des Lebensgefährten, Krankheit, Isolation, Armut und Misshandlungen – die Gründe, weshalb alte Menschen an Selbstmord denken oder ihn in die Tat umsetzen, sind vielfältig. „Das größte Risiko, sich für einen Suizid zu entscheiden, ist immer noch die psychische Erkrankung, vor allem die Depressionen“, meint Erlemeier. „Depressionen und Suizid sind eng miteinander verbunden“, weiß auch Hirsch. Ihrer Ansicht nach könnte ein Großteil der Selbstmorde verhindert werden, würde man die Depression frühzeitiger und fachkundiger behandeln. Auch der Münchner Psychiaters Ulrich Hegerl teilt diese Sicht. Bestätigt werde dies etwa durch den Rückgang der Selbstmorde in Nürnberg; dort hatte es im Jahr 2001 das Pilotprojekt „Bündnis gegen Depressionen“ gegeben, an dem sich Hausärzte, Kirchen, Selbsthilfegruppen, Kliniken sowie Polizei und Feuerwehr beteiligt hatten.

Suizid sei selten eine wirklich freie Entscheidung und Ergebnis einer nüchternen Bilanz, erklärte Hegerl. Ursache seien fast immer Depressionen oder andere psychische Erkrankungen. „Wer gerettet werden konnte und wem Hilfe zuteil wurde, ist anschließend oftmals froh, noch zu leben“, weiß Hirsch. Nicht selten handelt es sich bei den Depressionen um so genannte reaktive Depressionen, die als Folge einschneidender Lebensumständen auftreten.

Aber nicht nur schwierige Lebensumstände und psychische Erkrankungen machen Experten für den überproportional großen Anteil an alten Selbstmördern verantwortlich, sondern auch negative Altersbilder und gesellschaftliche Abwertungen. Die besserwisserischen Gruftis, die herrisch Plätze in U-Bahnen und Parkbänken einfordern und giftig den Nachwuchs richten, entsprechen manchmal der Realität, vor allem aber bedienen sie Vorurteile, die das Wegsehen und Vergessen den Alten gegenüber leichter machen. „Ab einem bestimmten Alter ist die Diskriminierung sehr groß“, weiß Hirsch. „Das Vorurteil vom vertrottelten Alten hält sich beharrlich. Doch nicht minder wahrhaftig ist das Bild der vergessenen Alten, die – von Pflegepersonal und Familie zuweilen misshandelt, öfter ungeliebt und unbeachtet – die kargen Resten ihres Daseins fristen.“

„Alte Menschen, vor allem alte Selbstmörder haben keine Lobby“, moniert auch Erlemeier. „Bedenklich ist, dass gerade bei alten Menschen das Argument eines Bilanzsuizides angeführt und gesellschaftlich ohne ausreichende Hinterfragung eher akzeptiert wird“, kritisiert Hirsch. Was aber, wenn die Lebensmüdigkeit vielmehr Resultat von Einsamkeit und Isolation ist?

Dem demografischen Faktor zum Trotz sind die dominierenden Leitbilder in unserer Gesellschaft nach wie vor Jugend und Zukunftsorientierung. Altwerden und Altsein sind nicht zeitgemäß, sind ebenso unwillkommen und werden ebenso tabuisiert wie der Tod. „Ist das Leben eines 80-Jährigen weniger wert als das eines Jüngeren?“, fragt Hirsch. So würden alte Menschen zuweilen auch indirekt für die leeren Renten- und Krankenkassen verantwortlich gemacht, nach dem Motto: „Wenn es nicht so viele gebe, stünde es um unsere Kassen besser“, erläutert Hirsch. „Dabei wird vergessen, dass der Großteil der alten Menschen nach wie vor ohne große medizinische Hilfe lebt.“ So sehr das Bild vom starrköpfigen Alten sich in den Köpfen hält, so sehr hat sich die Einstellung von Medizinern und Psychologen in den vergangenen Jahren gewandelt: Herrschte zu Freuds Zeiten noch das Bild vom nicht mehr veränderbaren Alten vor, gehen Experten heute davon aus, dass Entwicklung ein lebenslanger Prozess ist und dass psychische Strukturen auch im Alter bearbeitbar sind. So hält es der renommierte Kasseler Psychoanalytiker Hartmut Radebold für selbstverständlich, alte Menschen zu behandeln. „Seit mindestens 20 Jahren ist auch für den deutschsprachigen Raum bewiesen, dass Psychotherapie bei über 60-Jährigen möglich, sinnvoll, notwendig und erfolgreich ist“, erklärte Radebold auf einem Fachvortrag schon vor wenigen Jahren. „Die Psychotherapie kann allerdings nur ein Anschlussbehandlung sein. Bei akuter Suizidgefahr bedarf es kurzfristiger Intervention etwa von Krisendiensten vor Ort“, erklärt Erlemeier. Die aber werden von depressiven alten Menschen kaum genutzt. So sind nach Angaben Erlemeiers nur maximal 10 Prozent der Ratsuchenden in ambulanten Krisendiensten Menschen über 60 Jahre.

„Das ist eine schwindend geringe Zahl, wenn man bedenkt, wie hoch die Suizidrate bei älteren Menschen ist“, beklagt er. Als Grund führt er an, dass ältere Menschen oftmals nicht hinreichend über Hilfeeinrichtungen informierte seien. Auf der anderen Seite seien die Krisendienste nicht genügend auf die Bedürfnisse und Probleme alter Menschen zugeschnitten. Aus diesem Grund hat die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Gesundheit und Soziales im vergangenen Jahr ein nationales Aktionsbündnis aus über 40 gesellschaftlichen und politischen Akteuren mit dem Titel „Nationales Suizidpräventionsprogramm für Deutschland“ ins Leben gerufen. „Alte Menschen benötigen generationsübergreifende Freundschaften“, rät Hirsch. „Sie müssen stabile Beziehungen aufbauen.“ Darüber hinaus sollten sie sich Aufgaben suchen, beispielsweise in Vereinen, in Seniorenselbsthilfegruppen oder sich bei den eigenen Kindern unentbehrlich machen. „Letztlich ist es“, so Hirsch, „die Einsamkeit, die zum Tod führt.“