Amateure in Sträflingskluft

Die deutschen Fußballer treffen heute im legendären Hampden Park von Glasgow in der EM-Qualifikation auf Schottland. Sonst spielt hier seit 100 Jahren der Viertligist FC Queen’s Park

aus Glasgow KARL HÜBNER

Celtic oder Rangers? Jim McCreery schüttelt den Kopf. Nein, nein, wenn er es schon mit einem Premier-League-Club aus seiner Heimatstadt halten soll, dann allenfalls mit Partick Thistle, dem ewigen und unscheinbaren Dritten in Schottlands Fußballkapitale. McCreery mag Underdogs. Und deswegen rangiert auch Partick Thistle Glasgow nur auf Platz zwei in der Gunst des 65-Jährigen. Sein Favorit ist der FC Queen’s Park. Ausgerechnet ein Club aus Division 3 also – nach Premier League und den Divisionen 1 und 2 bedeutet das: Viertklassigkeit. Warum nur? „Weil sie echte Amateure sind“, so McCreery. „Sie spielen aus Freude am Spiel.“ Tatsächlich: Unter den 42 Vereinen in den vier höchsten schottischen Ligen ist Queen’s Park der einzige, der strikt am Amateurstatus festhält. Außer dem Trainer bekommt niemand auch nur ein Taschengeld. „Ludere causa ludendi – play for the sake of the game“, heißt es dann auch fast trotzig in der Hymne, die bei den Heimspielen kurz vor dem Anpfiff durch das weite Rund des fast leeren Hampden Parks schallt.

Hampden Park? Ist das nicht auch das Stadion, in dem Berti Vogts mit seinen schottischen Mannen seine zuletzt so katastrophalen Auftritte hatte? Ja, der Hampden Park ist das National Stadium – das schottische Wembley, wenn man so will. Neben den Länderspielen finden hier auch die Endspiele um den schottischen Pokal statt. Das sind – neben Popkonzerten – aber auch die einzigen Momente, in denen die 52.000 Sitzplätze besetzt sind. Ansonsten trägt Queen’s Park hier seine Heimspiele aus – in der zu Ende gegangenen Saison vor durchschnittlich rund 800 Fans, die sich auf der einzig geöffneten Südtribüne einer beinahe freien Platzwahl erfreuten. Die Gegner heißen Stirling Albion oder Elgin City, und es ist ganz so, als ob die Reinickendorfer Füchse ihre Gäste im Berliner Olympiastadion empfangen würden.

Der Hampden Park ist das National Stadium – das schottische Wembley

Aber wer wollte den FC Queen’s Park aus dem Hampden Park vertreiben? Es ist sein Stadion. Er hat es 1903 hier errichtet – in einer Zeit, als der Verein noch nicht in den Niederungen des schottischen Ligafußballs abgetaucht war. Und wenn die schottische Nationalmannschaft heute Deutschland zum Qualifikationsspiel für die EM 2004 erwartet, dann muss der schottische Fußballverband dafür Geld überweisen: an die Hampden Park Ltd. – und damit letztlich an Queen’s Park.

Im Ausland ist der Verein unbekannt. Queens Park – da denkt man allenfalls noch an die Queen’s Park Rangers aus London, aber mit denen hat der FC nichts zu tun. Dennoch ist der nach dem nahe gelegenen Park benannte Süd-Glasgower Club historisch bedeutsam. Am 9. Juli 1867 entstanden, war Queen’s Park immerhin Gründungsmitglied zunächst der English und später (1873) der Scottish Football Association (SFA). Als das allererste Länderspiel überhaupt zwischen England und Schottland am 30. November 1872 0:0 ausging, bestand die gesamte schottische Nationalmannschaft aus Queen’s-Park-Spielern. Und der älteste noch existierende Fußballverbands-Pokal der Welt, der aus der Frühphase der SFA, ist übersät mit dem Namen Queen’s Park F. C. – seinerzeit regelmäßiger Gewinner dieser Trophäe.

Weil der Verein mit den sträflingsgleich schwarzweiß gestreiften Trikots so erfolgreich war, kaufte er 1903 ein neues Grundstück im Süden Glasgows, direkt an der Hampden Terrace. Das modernste Stadion der Welt wollte er dort errichten: den Hampden Park. Er wurde am 31. Oktober 1903 eingeweiht – mit einem 1:0 von Queen’s Park gegen Celtic. Fortan wurde der Hampden Park auch zum National Stadium der Schotten. Etwas unglücklich, war doch die Hampden Terrace ausgerechnet nach einem englischen General benannt.

Legendär bis heute die Zuschauerzahlen. Der absolute Rekord stammt aus dem Jahr 1937. Da kamen 149.415 Fans zum ewigen Schlager Schottland gegen England. Über 146.000 wollten im selben Jahr das Cup-Finale zwischen Celtic und Aberdeen sehen. Und 1960, als Eintracht Frankfurt gegen Real Madrid mit 3:7 unterlag, waren es 127.621 Besucher. Zahlen, die Queen’s Park nie erreichte. Der Vereinsrekord liegt bei 95.772. So viel kamen im Januar 1930 zum Spiel gegen den Lokalrivalen Rangers. Aber da hatte Queen’s Park seinen – bis heute – größten Erfolg längst hinter sich. 1893 hatte man den schottischen Pokal zum immerhin zehnten Mal gewonnen, danach aber nie mehr. Dann, als Vereine dazu übergingen, ihre Fußballer zu bezahlen, und der Rasensport zu einer Profiangelegenheit wurde, verpasste Queen’s Park mit seinem eisernen Amateurstatus endgültig den Anschluss. Gute Spieler lassen sich auch heute kaum halten.

Das Stadion hat sich freilich in jüngster Vergangenheit stark verändert. Lange schien der Hampden Park eine Art Museum für die klassischen alten Stadien zu sein. Lediglich die Südtribüne war mit Sitzen ausgestattet und überdacht. Erst 1990 begann man, Gelder für die Renovierung zu beschaffen. Es dauerte bis 1999, ehe alle vier Tribünen vollständig restauriert waren. Heute bietet der Raum unter der Südtribüne auch Platz für Ausstellungen, Empfänge, Geschäftstreffen und andere gesellschaftliche Anlässe. Neben dem Ibrox Park der Rangers ist Hampden das einzige Stadion in Schottland, das von der Uefa fünf Sterne erhielt.

Möglicherweise ist es bald aber selbst für die schottische Nationalmannschaft eine Nummer zu groß. Weil die Berti-Vogts-Truppe die Fans im vergangenen Winter überhaupt nicht mit ihrem Spiel erwärmen konnte, kamen am 30. April nur noch 12.189 zum Freundschaftsspiel gegen Österreich. Die fünftschlechteste Resonanz in 100 Jahren, wie die Tageszeitung The Scotsman zwei Tage später meldete. Immerhin: Gegen Vogts’ Landsmänner dürfte es noch einmal richtig voll werden. Von Queen’s Park wird dann allerdings kein Spieler dabei sein.