romance do rio

Joggen, rennen, hecheln: Es lebe der Körperkult

Weihnachten in Rio: Der Strand ist das Schaufenster der Stadt und halbnackte Männer machen Liegestütz auf dem Asphalt

Rio de Janeiro ist eine echte Zumutung. Buchten, Strände, Meer mitten in der Stadt – und man selbst versauert im Büro. Die Stadt ist eine kurvige Schönheit: Üppig bewachsene Hügel ragen aus dem Meer auf, sanft geschwungene Buchten warten hinter der nächsten Ecke, das Ganze garniert mit tropischen Pflanzen, die in meinem Berliner Badezimmer ein elendes Dasein fristen – und hier mal eben vor der Tür wachsen. Orchideen zum Beispiel.

Weihnachten heißt hier, dass es Sommer wird und der neueste Bikini gekauft und vor allem gezeigt werden kann. Die Strände sind die Schaufenster der Stadt, morgens erinnert mich schon die Rückseite meiner Müslipackung daran. Eine Bikini-Schönheit gibt mir Tipps, wie ich abnehme und die richtige Figur für den Strand bekomme, also schlank, kurvenreich, makellos.

In der Zwischenzeit verfüge ich über eine ansehnliche Sammlung an einheimischen, knappen Bikinis, die ich für rund acht Euro das Stück direkt am Strand gekauft habe. Ohne Anprobieren. Ein abschätzender Blick der gemütlichen Verkäuferin, dann hält sie mir eine Größe hin. Ich schaue zweifelnd. „Das ist mein Business, Busen und Hintern!“, schnaubt sie. Sie hat sich verschätzt – zu viel Stoff, zumindest für Rio de Janeiro.

Es lebe der Körperkult, lautet hier die Devise. Die Hälfte der Cariocas trägt lässig Flip-Flops und Sand an den Füßen, die andere Hälfte Turnschuhe. Schließlich wird hier gejoggt, gehechelt, gerannt, was das Zeug hält. Halbnackte, ansehnliche Männer gehen auf dem Bürgersteig vor mir in die Knie und legen mal eben ein paar Dutzend Liegestütze auf den Asphalt. Die durchtrainierten Soldaten der nahe gelegenen Militärbasis spielen – nur in rote Höschen gekleidet – am Strand Fußball. Und joggen schweißüberströmt im schwingenden, singenden Gleichschritt an meinem Haus vorbei.

Ein Kleid kaufen ist hier nur etwas für hartgesottene Frauen. In jedem Laden kommt einem sofort lächelnd eine Daniela, Márcia oder Lúcia entgegen, die sich namentlich vorstellt, einem nicht von der Seite weicht und dann mit der größten Selbstverständlichkeit zum Spiegel des eigenen Körpers wird: also, mit dem Busen kannst du diesen Ausschnitt tragen, mit dem Hintern jenen Rock … begeistertes Lob eingeschlossen, schließlich werden die Verkäuferinnen auch nach Umsatz bezahlt.

Ich gehe mit vier Kleidchen aus dem Laden wieder raus, die mir spätestens in Deutschland als doch etwas tief ausgeschnitten für den Arbeitsalltag auffallen werden. Nebenan, im Buchladen, dann das umgekehrte Spiel: kein Verkäufer weit und breit. Der Sicherheitsdienst lässt nach einer Weile jemanden ausrufen. Niemand kommt. Eine Viertelstunde später werde ich gelangweilt bedient. Bücher, die sind ja nur für den Kopf!

Der hübscheste Hintern der Welt ist, natürlich, brasilianisch. Das ist jetzt auch amtlich: „Miss Bumbun“ 2008 wurde die Südbrasilianerin Melanie Nunes Fronckowiak, die ihren Po kokett lächelnd in die Kameras des Veranstalters hielt, eines Unterwäscheherstellers. „Sollen die Amis doch auf Busen stehen, wir Brasilianer lieben eben Hintern!“, meinte mein Kollege C. dazu.

So leicht kann es mit dem Körperzauber vorbei sein: Es regnet seit gefühlten drei Monaten aus einem grauen, wolkendichten Himmel, statt Bikinis sind Pullover angesagt. Willkommen, Klimawandel. Nur ab und an tut sich ein sonniges Zeitfenster für einen Strandnachmittag auf. Traurige Tropen. MIRIAM JANKE