„Es muss dringend etwas passieren“

Der Rechtsstaat tut sich im Umgang mit kriminellen Clanstrukturen schwer. Das erlaubt der Türsteher- und Rauschgift-Szene Freiheiten, meint der Migrationsforscher Ralph Ghadban. Polizei und Justiz müssen entschlossener agieren

taz: Herr Ghadban, der Analsye eines Kripo-Inspektionsleiters zufolge versucht in Berlin eine Hand voll libanesisch-kurdischer Großfamilien, die Türsteher- und Rauschgiftszene zu beherrschen. Die Gruppen sollen durch große Brutalität auffallen. Wie funktionieren diese Gruppen?

Ralph Ghadban: Das hat sehr viel mit der Großfamilienstruktur zu tun. Diese Volksgruppe hat soziologisch gesehen einige Besonderheiten, was sie von anderen Ethnien unterscheidet. Sie kommen ursprünglich aus der Provinz Mardin im Südosten der Türkei. Eigentlich sind sie „Mhallamiye“ und werden von den Kurden aber nicht als Kurden betrachtet.

Später sind sie nach Syrien und noch später in den Libanon umgesiedelt.

Richtig. Von den Arabern wiederrum wurden sie aber nicht als Araber, sondern als Kurden betrachtet. Mit dem Beginn des Bürgerkriegs im Libanon sind sie unter anderem auch nach Deutschland gekommen. In Berlin leben schätzungsweise 8.000 Mhallamiye. Die überwiegende Mehrheit hat mit Kriminalität allerdings nichts zu tun.

Das heißt, die Mhallamiye sind eigentlich nirgendwo richtig beheimatet?

Die einzige wichtige Referenz für sie ist der Familienclan. Im Exil hat sich das noch verstärkt. Im Unterschied zur Heimat haben sie aber ein internationales Netzwerk aufgebaut, denn Mhallamiye leben über die ganze Welt verstreut. Dieses Netzwerk erlaubt Bewegungsfreiheit für jeden Inhalt: für die Eheschließung genauso wie für den Drogenhandel.

Sprechen wir von den kriminellen Clans. Stimmt es, dass diese sich in Berlin freiwillig ghettoisieren?

Die Mhallamiye waren schon im Libanon als Flüchtlinge ghettoisiert. Auch in Deutschland sind sie von der Asylpolitik ganz bewusst am Rande der Gesellschaft gehalten worden. Das hat zu ihrer Ghettoisierung beigetragen und die Reproduktion ihrer Heimatverhältnisse befördert. Die Endogamie, die Heirat innerhalb der Familie, ist hier zum Bespiel höher als im Libanon.

Dass 1985 im Zuge der Altfallregelung die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen werden konnte, hat nichts geändert?

Nein. Die Clan-Organisation wird benutzt, um in kriminelle Geschäfte zu investieren. Der Vorteil ist, dass man ausschließlich von Verwandten umgeben ist. Im Orient ist das bekannt. Saddam Hussein hatte seine Verwandten ja auch überall an der Macht beteiligt. Deshalb ist es für die Kripo ja auch so schwer, den Organisationen das Handwerk zu legen.

Ist der deutsche Rechtsstaat solchen Strukturen hilflos ausgeliefert?

Gegenüber Familienverbänden ist der Rechtsstaat ziemlich hilflos. Das westliche System ist auf das einzelne Individuum ausgerichtet. Die einzige Chance des Staates ist, dass Polizei und Justiz entschlossen gegen diese Gruppen vorgehen.

Die Gerichte müssen freisprechen, wenn die Beweise nicht ausreichen.

Es ist bezeichnend, dass sich die Gruppen die besten und teuersten Anwälte nehmen und mit systematischer Zeugeneinschüchterung gearbeitet wird. Dagegen muss sich ein Rechtsstaat wehren können. Außerdem muss eine effektive Koordination der verschiedenen Stellen stattfinden. Das Stichwort lautet: interkulturelle Öffnung der Verwaltung. Migrantenorgaisationen verstehen darunter, dass mehr Ausländer in den Verwaltungen arbeiten müssen. Es geht aber um viel mehr: Die zuständigen Stellen müssen sich vernetzen, um auf neue kulturelle Gegebenheiten und kriminelle Gruppen schnell und flexibel reagieren zu können.

Wie groß ist der Handlungsbedarf?

Man hätte schon vor 25 Jahren reagieren können. Die Jugendgerichtshilfe und die Bezirksämter kannten die Familien schon damals. Die Lage ist jetzt bedrohlicher, weil sich gezeigt hat, wie erfolgversprechend diese Art von Organisation ist. Die Clans verfügen über jede Menge Geld. Die kursierenden Summen belaufen sich auf Millionenhöhe. Das ist auch der Hauptgrund dafür, der eine Integration und Öffnung der Familien verhindert. Es muss dringend etwas passieren. Nicht nur im Sinne der Sicherheit, sondern auch im Sinne der Integration.