Poet mit Teekanne

Sinnlose, bloß erträumte Ausbruchsversuche eines alternden Paars: Herbert Achternbuschs „Der Stiefel und sein Socken“ am Bremerhavener Stadttheater

„Ist Herbert Achternbusch ein Genie oder ein Scharlatan?“, fragte der legendäre Theaterführer Georg Hensel in den 80er Jahren, und das Bremerhavener Stadttheater-Publikum hat jetzt – 15 Jahre nach der bisher einzigen dortigen Achternbusch-Aufführung – erneut die Chance, dieser Frage nachzugehen.

Gespielt wird dort derzeit das Kammerspiel Der Stiefel und sein Socken. Hensel hielt Achternbusch für einen „hemmungslosen Selbstdarsteller“, der sein „Katastrophenmodell in einer Sintflut von Kalauern ersäuft“. Und in der Tat: Kalauernd klammert sich Herbert (Guido Fuchs) am Leben fest, das er auf einer Schubkarre führt. Diese Karre ist sein Rollstuhl, denn Herbert ist ein Krüppel, er kann seine Beine nicht mehr nutzen, und gerollt wird er von seiner Frau Fanny (Heike Eulitz).

Für das Hochsommer-Idyll auf einem Bauernhof findet der Schweizer Regiegast Thomas Blubacher ein prägnantes Bild: Fanny und Herbert sitzen halb nackt auf der Bühne, ihre Haut ist von Schmutz- und Staubschlieren überzogen, ebenso der Garten des Hofes, in dessen Mitte ein Holzblock steht. Darauf hockt Fanny wie ein Huhn, in das sie sich später verwandeln wird. Herbert liegt träge in der Schubkarre, und beide sprechen lange kein Wort. Als Fanny endlich loslegt, stürzt ein Strom aus Worten heraus: „Mein Poet sitzt unter der Teekanne“, sagt sie, und tatsächlich sitzt Herbert unter einer (kaputten) Teekanne, die am Baum hängt und ihn am Ende erschlagen wird.

Der Poet hat in seinem Leben ein einziges Gedicht geschrieben, das ist lange her. „Der Krieg ließ mich ein Gedicht schreiben“, sagt er, „das Leben mit dir nicht.“ Im Wortschwall des aneinander gefesselten Paares liegen zwischen Liebeserklärungen lauter Giftpfeile, und man weiß nie, was mehr Gewicht hat: Zuneigung oder Verletzung.

Thomas Blubacher betont dieses Wechselbad aus Nähe und Fremdheit, indem er seine relativ jungen Darsteller, die ein sehr altes Paar spielen, bis auf die Haut entkleidet. Die Beziehung zwischen den beiden ist harte Arbeit, und ihre Ausbruchsversuche sind Tagträumereien. Und am Ende, wenn die Teekanne den Poeten erschlagen hat? Was wird dann sein? Fanny überlebt ihn, der schon kein Bier mehr hatte, sondern die Flaschen aus der letzten Kiste von seiner Frau mit Wasser füllen ließ.

Der Stiefel und sein Socken ist ein bittersüßes Traumspiel, in dem die zwei Alten beides zugleich sind: Philemon und Baucis sowie verlorene Beckett-Seelen. Das kommt auch in norddeutschen Landen an: „Glück ist nur einen Atemzug vom Leben entfernt“, zitiert das Programmheft Herbert Achternbusch, und genau das macht die Inszenierung sichtbar.