Der Müllhaufen wächst

Weder Gesetze noch Filterprogramme schrecken die professionellen Versender von Werbemails davon ab, jede Mailbox zu überschwemmen, deren Adresse ihnen bekannt geworden ist

von MATTHIAS SPITTMANN

Penisverlängerungen, Glücksspiele, Pornos, Viagra, das Girl fürs Leben, Abnehmen-und-jünger-aussehen-Wundermittel, das absolute Business-Modell, gar eine Anleitung, wie man die lästigen Werbemails los wird – abermillionenfach verstopfen solche Werbeangebote die Mailboxen. Der Vorteil des Mediums ist auch sein Nachteil: Elektronische Nachrichten sind schnell und kosten den Absender praktisch nichts.

Die unverlangte kommerzielle E-Mail, kurz „UCE“ genannt, sei das „drängendste Problem der kommenden Dekade“, meint eine hochrangige Vertreterin der US-amerikanischen Federal Trade Commission. Wie in dem namensgebenden Monty-Python-Spot, in dem das Dosenfleisch „Spam“ in jedem Essen steckt, taucht der Mail-Spam heute praktisch in jeder Mailbox auf. Der Schaden kann unreparabel sein: Weil die Müllhalde nur noch ungelesen mit der Löschtaste zu bewältigen ist, gehen leicht auch die wenigen erwünschten Briefe verloren.

Große Anbieter wie Lycos schätzen den Spam-Anteil mittlerweile auf 60 Prozent, der lokale Provider „JPBerlin“ filtert seinen Nutzern ein Drittel aller eingehenden Nachrichten als Spam aus. So groß ist das Problem geworden, dass seit einiger Zeit auch die Internet-Wirtschaft, etwa mit ihrem deutschen Branchenverband eco, aktiv wird. Vor zwei Wochen fand der „1. Anti-Spam-Kongress“ statt, letzte Woche ging eco mit einer „Anti-Spam Task Force“ an die Öffentlichkeit.

Selbst AOL verklagt mittlerweile Spammer – dabei war der Online-Dienst mit seinen massenhaft verteilten, ohne Überprüfung der Personalien nutzbaren Werbe-CDs bisher eher als Tummelplatz von Werbemüllversendern aufgefallen. Doch Paragrafen helfen wenig: Der größte Teil des Spams kommt nicht aus Deutschland – wer etwa jede Mail ablehnt, die von einem koreanischen Server kommt, kann seine Spam-Quote merklich senken

Das deutschem Recht ist eindeutig: Wer Werbemails, Werbefaxe und Werbe-SMS verschickt, ohne dafür das Einverständnis des Empfängers zu haben oder vermuten zu können, kann auf Unterlassung in Anspruch genommen werden. Die Rechtsprechung sieht darin einen unzulässigen Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht – bei Firmen in den Gewerbebetrieb – und unlauteren Wettbewerb. Das Einverständnis (oder den geschäftlichen Kontakt, der ein Einverständnis vermuten lässt), muss der Absender beweisen.

Die EU zog nach: Spamming gilt heute grundsätzlich als illegal. Die einzige Ausnahme ähnelt der deutschen Rechtsprechung: Hat der Versender die Mailadresse des Kunden unter Beachtung einiger datenschutzrechtlicher Bedingungen erhalten, darf er für ähnliche Produkte und Dienstleistungen auch per Mail werben, wenn der Kunde dem nicht widersprochen hat.

Schwer ist das juristische Vorgehen aber nicht nur gegen Anbieter aus dem Ausland, sondern auch bei (deutschen) Betreibern von 0190-Dialern oder 0190-Hotlines oder -Faxabrufen. Der 0190-Spam wird üblicherweise aus dem Ausland verschickt, die Betreiber verstecken sich in der Anonymität von langen Wiederverkaufsketten mitverdienender Firmen. Rechtsanwälte winkten in solchen Fällen bisher nur ab, doch ob seiner Ansichten und seines Auftretens umstrittene Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel hat die Anwendbarkeit einer anderen Waffe gezeigt: Er geht gegen den technischen Betreiber der 0190-Nummer vor. Der ist nämlich verpflichtet, seine Kunden bei illegaler Werbung abzumahnen und die Nummer im Wiederholungsfalle zu sperren.

Unter anderem gegen die Firmen IN-telegence und Extracom, die sich im Kampf gegen 0190-Missbrauch wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert haben, hat Steinhöfel einstweilige Anordnungen erreicht: Sie dürfen jetzt nicht mehr ihren Kunden Fax-Abrufnummern zur Verfügung stellen, wenn sie mittels unverlangter Fax-Werbung beworben werden. Widerspruch hat bisher nur IN-telegence eingelegt, am 17. Juni wird verhandelt.

Auch wenn Steinhöfel betont, er sei „kein Robin Hood“, so liegt ihm doch daran, „diesen Sumpf vollständig trockenzulegen“. Deswegen stehen noch ein paar mehr Telefonfirmen auf seiner Liste: „Offenbar haben die Faxversender 0190-Nummern von diversen Anbietern und wechseln zwischen diesen hin und her, wenn das Eis dünn wird.“

Werbemails für 0190-Faxabrufe sind bei Steinhöfel bisher noch nicht eingetroffen – er werde auch dagegen vorgehen, verspricht der Hamburger Rechtsanwalt. Gegen Spam für Dialer, die die Internet-Verbindung statt über den normalen Provider über eine 0190-Nummer herstellenkann aber auch er nichts unternehmen: Es besteht kein Wettbewerbsverhältnis zwischen ihm und dem Dialer-Betreiber. Hier müsste ein Internet-Provider klagen.

Hilfreicher für den Alltag als ist allemal Software, die unerwünschte Mail ausfiltert und blockiert. „Eine große Menge Spam ist technisch einfach zu identifizieren, indem man keine Mails von offenen Relays, also Servern, die jedem das Versenden von Mail erlauben, und von bekannten Spammern annimmt“, sagt Peer Heinlein von der JPBerlin (www.jpberlin.de). Aber: „Um die Postfächer wirklich fast vom Spam zu befreien, muss tief in die Trickkiste gegriffen werden.“ Die Posteingänge seiner Nutzer filtert Heinlein nach weiteren Kriterien: „Das Programm SpamAssassin errechnet aus vielen Hinweisen eine Wahrscheinlichkeit, dass die Mail Spam ist. Argumente sind etwa falsche Angaben über das benutzte Mail-Programm, wurde, die Verwendung von HTML und bestimmte Schlagwörter.“

Die Grenze, ab welcher Wahrscheinlichkeit eine Mail als Spam deklariert wird, kann der Administrator einstellen. Er kann auch die Mails nur entsprechend markieren, damit der Postempfänger sie nach dem Runterladen von seinem Mail-Programm aussortieren lassen kann. Das sollte vielleicht auch GMX so machen: Der Großanbieter von Mailadressen war selbst einige Zeit als offenes Relay in die Sperrlisten de Provider geraten. Heute dagegen filtert er so hart, dass viele erwünschte Mails gesperrt werden. Sie müssen dann online überprüft und wieder freigegeben werden.

Wer seinem Anbieter aus solchen Gründen nicht traut oder wer einen Provider hat, der diesen Service gar nicht anbietet, ist auf Mailprogramme angewiesen, die einen Spam-Filter von Hause aus mitbringen: Der freie WWW-Browser Mozilla 1.3 wird für diese Funktion gern gelobt. Der Mozilla-Spam-Filter ist lernfähig – wenn der Anwender eingehende Mails als Spam oder als Nicht-Spam markiert, analysiert das Programm die Mails. Der nächste ähnliche Spam wird also kaum durchkommen.

Eine Alternative bieten Zusatzprogramme wie SpamPal oder Spamihilator. Diese schalten sich zwischen das übliche Mail-Programm und den Mail-Server des Providers.

Nachteil bei allen Filterungen auf dem eigenen Rechner: Die Mails müssen erst mal heruntergeladen werden. Wer per ISDN oder Modem ins Netz geht, muss also für den sofort wieder weggeworfenen Müll ordentlich zahlen – selbst wenn der Spam-Filter beim Provider etwas kostet, kann er sich rentieren.

Wie im Umweltschutz ist Vermeiden auch hier das beste: Eine Mailadresse, die nur ausgewählte, zuverlässige Leute erhalten und die nirgendwo veröffentlicht wird, wird auch nicht zugespammt.

m.spittmann@jpberlin.de