strübel & passig

Botschaften aus der Tiefe der Seele

Unzählige Dokumente im Netz klären seit über zehn Jahren die Welt darüber auf, wie man korrekt zitiert, sich in Mailinglisten ein- und vor allem wieder austrägt, dass man nicht auf Hoaxes und Kettenbriefe reinfallen soll und wozu Usability gut ist. Was hat's gebracht? Gar nichts. Alle Aufklärungskampagnen laufen ins Leere wie Krebswarnungen auf Zigarettenschachteln, weil Dummheit eben nicht die Ursache für unmanierliches Benehmen im Netz ist. Der User will uns mit seinen scheinbar sinnlosen Handlungen etwas sagen, und mit etwas Geduld und Einfühlungsvermögen lassen sich seine Äußerungen entschlüsseln. Unsubscribe-Nachrichten etwa werden nicht aus Unwissenheit an sämtliche 1.500 Listenteilnehmer geschickt, sie sind die öffentliche Selbstverbrennung des kleinen Mannes. „Da seht ihr's mal! Ich gehe! Das habt ihr jetzt davon!“, tut das Exlistenmitglied in seinem restringierten Code kund. „Jetzt tut es euch Leid, aber zu spät!“ Solche Mails kommen nie von Menschen, die ihre Fähigkeit, sich mit Wörtern auszudrücken, auf der Liste unter Beweis gestellt haben. Man soll sie nicht noch durch Nachtreten und höhnische „RTFM“-Rufe demütigen.

 Anders ist es um die bestellt, die sich auch dann noch weigern, vorangegangene Äußerungen verständlich zu quoten, wenn man sie zum fünften Mal mit der Nase auf learn.to/quote gestoßen hat. Sie geben zu erkennen, dass sie ihren Foucault gelesen haben und metaphysische Vorstellungen von Identität und Subjekt für Schnickschnack halten. Auch „Re: AW: Re: AW: Re: AW“-Girlanden resultieren nicht aus der Unfähigkeit, Hilfsangebote wie oe-faq.de in Anspruch zu nehmen. Sie sind der Versuch, das karge Medium mit einem Hauch wohnlicher Ornamentik zu zieren. Trotzdem ist Aufmerksamkeit geboten: Hinter dem Verschicken mehrfarbiger HTML-Mails versteckt sich der Hilfeschrei „Außerirdische haben von meinem Gehirn Besitz ergriffen!“

 Vermeintlich tölpelhafte Taten wie das Verschicken von Kettenbriefen, Virenwarnungen und anderem bei www.hoax-info.de gelisteten Unfug verraten in Wirklichkeit große soziale Geschicklichkeit: „Du denkst nie an mich, aber ich habe dich in meinem Adressbuch stehen“, teilt der Absender mit. Und weil er nebenbei stolz auf die Größe seines Bekanntenkreises und die darin vorhandene Semiprominenz hinweisen will, wählt er „CC:“ statt „BCC:“.

 Wer durch einen unbedachten Tastendruck die richtige Mail den falschen Leuten zukommen lässt wie jener Bekannte, der höchst private Details seiner Beziehung an eine umfangreiche Mailingliste verteilte, der bekennt sich nur zu dem Credo, dass alle Informationen frei, ungehindert und für jedermann zugänglich sein sollten. Mit Ausnahme desjenigen, der versehentlich seinem Chef mailt, er sei ein Arschloch: Er ist eigentlich der Meinung, sein Chef sei ein Arschloch.

 Es ist daher komplette Zeitverschwendung, noch mehr FAQs und Netiquette-Ratgeber zu schreiben. Man schreibt ja auch seinem Hund keine FAQ, nur weil er unverständlich bellt, anstatt „Bitte, darf ich den Radfahrer beißen?“ zu fragen. Geht arbeiten, Verfasser solcher Texte, und überweist das Geld an uns. Wir finanzieren damit neue Forschungsprojekte zum Verständnis merkwürdigen Netzgebarens.

KATHRIN PASSIG

kathrin@kulturindustrie.com