Der Rechthaber-Berichtiger

Der Bremer Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ist mit seinem Blog bekannt geworden, in dem er häufig den Zuchtmeistern des Deutschen widerspricht. Dabei wollte er eigentlich nur vermitteln, dass die Sprache ihren Sprechern gehört, und nicht irgenwelchen – vermeintlichen oder echten – Autoritäten. Aber viele Menschen scheint eine Sehnsucht nach Führung umzutreiben

von BENNO SCHIRRMEISTER

Die ganze Sprachgemeinde brüllt: Gebt uns auf die Nüsse. Sagt uns, dass wir es falsch machen. Sagt uns,wie es richtig geht. Korrekt. Besser. Und dann treten sie auf. Die Korrigierer und Anglizismenjäger. Der Verein rüstiges Deutsch. Wolf Schneider. Und, jetzt auch im Fernsehen, Bastian Sick. Der füllt ganze Hallen. Das Publikum kommt, um sich erklären zu lassen, dass es „des Autors“ sagen müsse und niemalsnimmernicht „des Autoren“. Weil das bei lateinschstämmigen Wörtern auf -or nämlich so sei. Dass Publikum kommt, um sich dem Verdikt zu fügen, dass es immer und immer wohlgesinnt heißen muss – und ein Publikum, das sich gern belehren lässt, darf man mit Fug und Recht wohlgesinnt nennen. Auch wenn alle immer sagen wohlgesonnen. Außer Sick.

Das „ist Unterhaltung, die den Zuschauern vermittelt, dass Sprache etwas verwirrendes ist, etwas, dem sie hilflos ausgeliefert sind“, fasst Anatol Stefanowitsch die Botschaft der Bastian Sick-TV-Show im Bremer Sprachblog kurz und bündig zusammen. „Etwas, über das Autoritäten entscheiden. Und das ist falsch.“ Wie, was, wüsste es da jemand besser als die Besserwisser?

Aber ja. Das lässt sich sogar belegen. Nämlich, während die Einen Militär- und Medienerfahrung gemein haben – Schneider: Luftwaffe, zackzack! Und Sick, Wehrdienst, jawoll! – fehlt Stefanowitsch diese unerlässliche Station im Werdegang zum Oberlehrer für reines Deutsch. Er hat in Hamburg und in den USA studiert, hat mit einer konstruktionsgrammatischen Analyse analytischer Kausativkonstruktionen im Englischen promoviert, und ist ordentlicher Professor am Institut für allgemeine und angewandte Sprachwissenschaft der Uni Bremen, Fachbereich Anglistik. Und wenn Stefanowitsch sein Bild von Sprache entwirft, klingt es fast zärtlich, in jedem Fall respektvoll, mitunter sogar fast waldig. Aber nie nach Zucht, Ordnung und Herrschaft. „Sprache ist unendlich komplex“, bloggt er, „aber hinter dieser Komplexität verbirgt sich Poesie und wildgewachsene Logik.“ Richtig, falsch, mein, dein – das sind Fragen, die sich auf diesen verschlungenen Pfaden nicht stellen: Sprache „gehört den Sprechern“ die mit ihr „so kreativ umgehen“ dürfen, „wie sie wollen“. Schließlich seien sie „die einzige Autorität, die es für eine Sprache gibt“. Eine eher basisdemokratische Angelegenheit, was eigentlich schon Konsens war in der Linguistik, lange bevor es sie gab. Aber manchmal ist es eben nötig, dass eine Autorität an die Freiheit erinnert.

Wenn Stefanowitsch sein Bild von Sprache entwirft, klingt es fast zärtlich, in jedem ... ... Fall respektvoll, fast waldig. Aber nie nach Zucht, Ordnung und Herrschaft

Ziemlich kurze Haare, Sonnenbrille, Anzug und – Turnschuhe. Stefanowitsch entspricht dem Klischeebild Professor nicht. Er wirkt deutlich jünger als 40. Von Studierenden wird er als „sehr anspruchsvoll“ geschildert – was auch fürs Gespräch gilt, er spricht schnell, Ausflüge in die Sprachwissenschaftsgeschichte inklusive – „anspruchsvoll aber zugänglich“. Es gibt sogar eine Stefanowitsch-Fan-Plattform auf StudiVZ. Shirts und Schals sollen allerdings noch nicht im Handel sein. „Immer proppevoll“ sind „seine Seminare zu ‚English as a World Language‘“ laut Oliver Voigt, der bei ihm Tutor war. „Völlig überfüllt“ hat sie Diplomandin Christine Rauch erlebt.

Das Laptop, ähm, pardon: Powerbook, gehört zur Grundausstattung. Es liegt auch beim Gespräch auf dem Café-Tischchen, zugeklappt, im Blog war es mitunter auch einmal Thema. Der sei, sagt Stefanowitsch, ein Projekt fürs Jahr der Geisteswissenschaften gewesen. Das war am 31. 12. 2007 vorbei. Er hat den Blog weiter geführt, wegen der großen Resonanz. „Das ist kein Anti-Bastian-Sick-Blog“, sagt er. „Es war gar nicht die Idee, so sehr auf die Sprachkritiker einzugehen“ – sondern eher Sprachwissen zu vermitteln.

Also Ergebnisse der Sprachwissenschaft, wenigstens ihre grundlegenden Einsichten – etwa die von der Unvermeidlichkeit des Sprachwandels. Oder der Arbitrarität der Zeichen, also dass deren Bedeutung einer stillen Übereinkunft der Sprachgemeinschaft entspricht. Und nicht von Autoritäten vorgegeben ist. „Man staunt“, sagt er, „wie wenig das Gemeingut ist“, knapp 100 Jahre nach Geburt der Disziplin, „als ob da nichts gewesen wäre“.

Und er das hat er auch getan. Er hat mit weitverbreiteten Sprachmythen aufgeräumt. Zum Beispiel hat er die Ächtung des Wortes Eskimo auf eine falsche Etymologie zurückgeführt, nach der es Rohfleisch-Esser bedeutet hätte. „Heute besteht weitgehend Einigkeit darüber“, steht im Sprachblog, „dass sich das Wort Eskimo von assimew (Montagnais) oder ashkime (Ojibwa) ableitet“ – was so viel bedeutet wie „der den Schneeschuh schnürt“. Er hat auch, um im arktischen Raum zu bleiben, erklärt, wie die Fehleinschätzung entstehen konnte, dass die Eskimo rund 100 Wörter für Schnee haben: Infolge der grammatischen Struktur der Eskimo-Aleut-Sprachen nämlich.

Nur muss ein Blog eben reagieren – auf das, was allgemein diskutiert wird. Und da fällt in Sachen Sprache auf: Breit ist das Themenspektrum derzeit nicht gerade. Und dominiert wird sie von zwei Impulsen: Dem Wunsch nach Autoritäten, „um sich abgrenzen zu können, von denen, die es falsch machen“, sagt Stefanowitsch. Und von der „Angst vor kultureller Überfremdung, die auf die Sprache projiziert wird“.

Das lässt sich relativ leicht belegen: Der Verein deutsche Sprache zum Beispiel warnt vor „Anglizismen, die in die deutschen Allgemeinsprache einged[r]ungen sind“, die von vier Herren weit jenseits des Rentenalters getragene „Aktion lebendiges Deutsch“ bekennt, Anglizismen nicht jagen, sondern gleich „erledigen“ zu wollen. „Es wird immer der Eindruck erweckt, die wären der Sprachgemeinschaft aufgezwungen“, sagt Stefanowitsch. Schließlich: Wer wäre derjenige, der zwingt? Und wenn da niemand ist, der zwingt, warum befleißigt man sich beim VDS einer so martialischen Ausdrucksweise, beschwört „sprachliche Fehlinvasionen“, sähe „Mischbildungen“ am liebsten unter Strafe gestellt und proklamiert die „Fernhaltung“ des Fremden als Pflicht „aller Deutschen“, dem „linke Intellektuelle“ als bewährte Vaterlandsverräter „Tür und Tor öffnen“?

Dass Sprachwissenschaftler auf derartige Diskursphänomene eingehen, ist nicht selbstverständlich. Es wäre sogar vor 20 Jahren so gut wie undenkbar gewesen, und hat damit zu tun, dass Stefanowitsch sich als Konstruktionsgrammatiker versteht. Dazu muss man wissen, dass die Linguistik, so viel ist klar, kein herrschaftsfreies Gebiet ist. Ihr König ist Noam Chomsky, und bis in die 1980er hinein hat er sie uneingeschränkt beherrscht. Sein Ansatz: Sprache ist angeboren – also universell. Und die Aufgabe der Sprachwissenschaft ist es, ihren Basis-Code zu entschlüsseln, sprich: Der Satzbau einer Universalgrammatik eben. Weniger ins Gewicht fallen dabei: Die Unterschiede zwischen den Einzelsprachen – sie werden auf den Status von mentalen Schaltern reduziert. Die Differenzen werden berechenbar. Und völlig verschwunden ist: Die Bedeutung.

Dagegen nimmt die Konstruktionsgrammatik das form-meaning-pair zum Ausgangspunkt der Sprachbeschreibung. Sprache hat wieder mit Kultur zu tun. „Metaphors We Live“ heißt eines der Hauptwerke ihres Begründers, George Lakoff. Das ist ein Bekenntnis: Die Sprache ist ein Ort, in dem wir unsere Wirklichkeit bilden. Und keiner, den wir Rechthabern überlassen müssen.