Zusammenlegung – jetzt!

von PHILIPP GESSLER

„Das Wetter ist die halbe Miete“, sagt Ernst Pulsfort. Auf der Stirn des geistlichen Rektors der Katholischen Akademie Berlin blitzen ein paar Schweißtröpfchen an diesem Sommerabend vor dem Brandenburger Tor. Es ist der Mittwoch der vergangenen Woche, und der Ökumenische Kirchentag hat soeben mit einem Eröffnungsgottesdienst begonnen. Mehr als 150.000 sind versammelt. Die Frage an den stets zu Nüchternheit neigenden Pulsfort hatte gelautet: „Und: Wie ist Ihr erster Eindruck vom Kirchentag?“ Das Wetter war blendend an diesen Tagen in der Hauptstadt.

Aber war das schon die halbe Miete? Was hat es gebracht, dieses mit rund 200.000 Dauergästen größte Christentreffen in der Geschichte Deutschlands? Ist das einzufangen bei tausenden Einzelveranstaltungen und Millionen von Worten, die überall mitzunehmen waren? Und ging das Mega-Treffen der Basis der beiden Volkskirchen jemand anderen als die Christinnen und Christen hierzulande überhaupt etwas an?

Gemessen an den Erwartungen aus der Innensicht war der Ökumenische Kirchentag ein Erfolg. Das schon seit Jahren vorbereitete Treffen sollte Fortschritte in der Ökumene bringen – und die gab es. Nicht nur, aber auch nach Einschätzung der Kirchentagspräsidenten, Elisabeth Raiser für die evangelische und Hans Joachim Meyer für die katholische Seite. Es seien Schritte der Konfessionen zueinander gemacht worden, die nicht wieder rückgängig gemacht werden könnten, bilanzierte Meyer. „Die Botschaft ist, dass die Christen zusammengehen wollen“, sagte Raiser. Zusammenlegung – jetzt!

Selbstverständlich war dieser Fortschritt nicht; in der Vorbereitung für den Kirchentag hatte es wegen des ursprünglich geplanten gemeinsamen Abendmahls heftig geknallt. Erst als die Organisatoren beschlossen, im offiziellen Programm auf eine solche Feier zu verzichten, war der Weg frei gewesen.

Am Rande des Kirchentags fand dann doch ein gemeinsames Mahl statt, genauer: zwei Feiern, einmal katholisch, einmal evangelisch. Die Christen der anderen Konfession wurden jeweils ausdrücklich eingeladen und erhielten die Kommunion, also Brot und Wein. Dieser gezielte Tabubruch gegen Diktate aus dem Vatikan durch kritische Gruppen in beiden Kirchen fand viel Aufmerksamkeit – den Kirchentag bestimmen konnten sie nicht.

Christen und Kirchen haben sich als bedeutende gesellschaftliche Kraft in den Vordergrund gerückt

Den Christen war auch anderes wichtig. So fand sie nicht statt, die große Rebellion gegen Rom, das in der Frage des gemeinsamen Abendmahls in Form einer Papst-Enzyklika im Vorfeld ausgesprochen streng seine Ablehnung betont hatte.

Im Gegenteil: Kardinal Walter Kasper, Präsident des Rates zur Förderung der Einheit der Christen, also so etwas wie der Ökumene-Minister des Papstes, erhielt von hunderten Kirchentagsteilnehmern nach einer eindrucksvollen Rede großen Beifall – obwohl er die Position des Papstes zum Abendmahl noch einmal ausdrücklich bekräftigte. Doch wie er das tat und wie engagiert und humorvoll zugleich sein Plädoyer für die Ökumene war („Die Spaltung ist ein Skandal. Damit dürfen wir uns nicht abfinden“), das riss viele mit.

So hat der Kirchentag sicher viele bestärkt in ihrem alltäglichen Einsatz für ein Ende der Kirchenspaltung. Ein regelrechter Durchbruch für die Ökumene war es nicht – aber das war auch nicht zu erwarten. Es war auch nicht der richtige Ort dafür. So etwas dauert erfahrungsgemäß Jahrzehnte und findet eher in Theologen-Zirkeln und Spitzentreffen der Oberhirten statt.

Als erster Ökumenischer Kirchentag musste sich dieses Treffen der Christen vor allem mit der Ökumene beschäftigen (wann und wo, wenn nicht jetzt und hier?). Zugleich hatte der Kirchentag jedoch auch eine gesellschaftliche und politische Relevanz und Botschaft.

Eine große Friedensdemo, wie noch vor etwa drei Monaten erwartet, wurde es nicht. Das rasche Ende des Irakkrieges hatte zur Folge, dass Veranstaltungen zum Thema Krieg und Frieden etwa so voll waren wie Gottesdienste außerhalb christlicher Feiertage. Nämlich kaum.

Dennoch, und Gott sei Dank, blieb es ein politischer Kirchentag. Praktisch alle großen und kleinen Fragen der Gesellschaft wurden diskutiert: von der Zuwanderung und Europa über die Sozialpolitik bis zur Bildung und Gentechnik. Umworben vor allem vom rot-grünen Kabinett gab es dazu keine klaren Aussagen oder Aufträge an die Regierung zurück – wie auch bei 200.000 Leuten? Der Kirchentag hat sich dennoch, wie schon die Evangelischen Kirchentage und die Katholikentage, als wichtiges Forum des Austausches über Alters-, Partei- und Schichtengrenzen hinweg erwiesen. Christen und Kirchen haben sich erneut als bedeutende gesellschaftliche Kraft in den Vordergrund gerückt. Begleitet wurde dies selbst im schnoddrig-gottlosen Berlin von einer Welle an Sympathie, von der andere gesellschaftliche Großformationen wie etwa die Gewerkschaften nur träumen. Und das, obwohl sie häufig ähnliche Ziele haben, etwa Solidarität.

Die Kirchen haben sich mit ihrer Basis als eine der wenigen Orte erwiesen, wo gesellschaftlich relevante Werte diskutiert und formuliert werden, wie selbst PDS-Altstar Gregor Gysi im taz-Interview lobte. Auch wenn Christen zunehmend zu einer Minderheit werden, die häufig – und oft zu Recht – belächelt wird: Sie zeigten sich auf dem Kirchentag als eine Kraft, von der Engagement und Solidarität für eine bessere Gesellschaft abrufbar sind. Die (neue) Mitte der Gesellschaft sind Christen.

Wenn nun die Gläubigen einlösen, was sie auf dem Kirchentag versprochen haben, können sie für dieses Land tatsächlich zu einem „Segen“ werden, wie es das Kirchentagsmotto postulierte. Das geht aber nur, wenn die Christen sich beim nächsten Ökumenischen Kirchentag weniger um sich selbst und noch mehr um die Welt da draußen kümmern.

Rektor Pulsfort sagt nach dem Ende des Kirchentags, das Treffen habe ihm „wider Erwarten gut“ gefallen: Nach dem Abrücken vom gemeinsamen Abendmahl habe er befürchtet, dass nichts dabei rauskäme als „Nettigkeiten“. Protestanten und Katholiken hätten aber viel miteinander gebetet und diskutiert, ohne die Unterschiede zu verwischen. Der Kirchentag habe gezeigt: „Die Einheit im Glauben haben wir.“

„Petrusdienst – Dienst an der Einheit“ heißt die Aufgabe, die dem Papst in der Weltkirche zugedacht ist. Mehr Einheit unter den Christen und in der Gesellschaft war das Ziel des Kirchentags. Geht man nach dem Wetter, will Petrus helfen.