„Ich stand oft auf der Abschussliste“

Andreas Müller

Sein Vater hat sich „tot gesoffen“, sagt er selbst. Sein Bruder war heroinabhängig. Andreas Müller, 42, hat in seiner Familie reichlich Erfahrungen mit den Zerstörungen gemacht, die Drogen anrichten. Auch beruflich befasst er sich mit Sucht: Als Jugendrichter am Amtsgericht Bernau verhandelt er viele Drogendelikte. Müller fordert, Cannabis nach dem niederländischen Modell freizugeben – und hat gegen das Verbot vor dem Bundesverfassungsgericht ein Normenkontrollverfahren angestrengt. Der gebürtige Meppener machte auch durch deutliche Urteile gegen rechte Schläger von sich reden. So verbot er Vorgeladenen das Tragen von Springerstiefeln – danach geriet ein ganzer Landkreis in Aufruhr.

taz: Herr Müller, angenommen Sie erwischen Ihre 13-Jährige Tochter mit einem Joint. Was würden Sie tun?

Andreas Müller: Ich hoffe, dass ich meine Tochter nie mit einem Joint erwische, sondern dass sie, wenn sie älter ist, ganz offen zu mir sagen kann: Papa, ich kiffe. Dann würde ich vernünftig mit ihr darüber reden: Jedes Mittel im Übermaß genossen ist schädlich. Wenn du den ganzen Tag kiffst, mein Töchterchen, kriegst du in der Schule nichts mehr auf Reihe. Wenn du gelegentlich Cannabis nimmst, ist das – zumindest für mich – in Ordnung.

Als Jugendrichter am Amtsgericht Bernau, der viele Drogenverfahren verhandelt, haben Sie beim Bundesverfassungsgericht ein Normenkontrollverfahren gegen das Cannabisverbot angestrengt. Was hat Sie dazu veranlasst?

Auslöser war der Fall eines 20-Jährigen, der mit dreieinhalb Gramm Haschisch erwischt worden war. Ich wollte das Verfahren einstellen, der Staatsanwalt nicht. Bevor ich den Prozess ausgesetzt und das Bundesverfassungsgericht angerufen habe, habe ich drei Päpste der internationalen Cannabisforschung aus der Schweiz, den Niederlanden und Deutschland als Sachverständige in das kleine Amtsgericht Bernau geladen.

Mit welchem Ergebnis?

Die drei haben bestätigt, dass Cannabis nach den vorhandenen Studien nicht die Gefährlichkeit hat, die diesem Suchtstoff einmal zugemessen worden war. Meine Cannabisvorlage beim Bundesverfassungsgericht basiert auf dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz: Der Staat hat nicht das Recht, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

Kürzlich hat der Gesundheitsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses eine Anhörung zum Thema Cannabis durchgeführt. Sie waren als Experte geladen und haben eine ehrliche Drogenpolitik gefordert. Was verstehen Sie darunter?

An den deutschen Schulen ist es nach wie vor so, dass jeder erzählen kann, er habe sich am Wochenende halb tot gesoffen, aber kaum jemand sagt offen: Ich habe gekifft. Lehrer und Eltern sprechen das Thema nicht an, weil es unter dem Damoklesschwert der Strafbarkeit steht. Ich bevorzuge das Modell der Holländer, wo Cannabis seit 30 Jahren frei zugänglich ist und ehrlich darüber geredet wird. Mit dem Ergebnis, dass die Zahl der Konsumenten trotz Freigabe nicht angestiegen ist.

Sie sind in Meppen im Emsland aufgewachsen. Ihr Vater, ein Bäcker, ist an Alkoholsucht gestorben. Wie hat das Ihre Haltung zu Sucht und Drogen geprägt?

Ich habe erlebt, wie meine Familie durch Alkoholismus zerstört wird. Als mein Vater starb, war ich elf Jahre alt, fünfte Klasse, gerade aufs Gymnasium gekommen. Alkoholismus fängt aber nicht von heute auf morgen an, sondern zieht sich über Jahre mit diversen Entzügen hin. Das Schlimmste, was ich aus der Zeit in Erinnerung habe, ist ein Erlebnis in einer Gaststätte in Meppen.

„Wie ich es persönlich mit Cannabis halte? Man fragt einen Richter, der einen Raub behandelt, doch auch nicht, ob er zuvor schon mal eine Bank überfallen hat“

Bitte erzählen Sie.

Rudi, mein Vater, hatte gerade einen Entzug im Landeskrankenhaus hinter sich. Als er sich in der Kneipe eine Cola bestellte, sagte jemand in der Kneipe zu ihm: Du bist kein richtiger Mann. Daraufhin hat er ein Alster geordert. Sechs Monate später war er tot.

Auch Ihr vier Jahre älterer Bruder hat ein Drogenproblem.

Als mein Vater Alkoholiker war, hat sich mein Bruder in die Kifferszene geflüchtet. Anfang der 70er-Jahre reichte in Meppen einmal Kiffen schon, um von der Schule zu fliegen. Später hat er jahrelang wegen Cannabisschmuggels über die holländische Grenze im Knast gesessen. Erst habe ich ihn als 15-Jähriger in Amsterdam gesucht, dann habe ich ihn in den Jugendstrafanstalten Vechta und Hameln besucht.

Wie hat die Umgebung reagiert?

Als mein Vater gestorben war, kam ein ehemaliger Lehrer meines Bruders in meine Klasse. Er sah mich, sagte zu mir: Du bist doch der Bruder des stadtbekannten Kiffers und schlug mir ins Gesicht. Das war ein prägendes Erlebnis.

Was ist aus Ihrem Bruder geworden?

Nachdem er aus dem Knast kam, zwischenzeitlich gesoffen und Medikamente genommen hatte, ist er mit 28 Jahren heroinabhängig geworden.

Und heute?

Er gehört zu den Altjunkies, die es geschafft haben, zu überleben. Er ist 46 Jahre alt, befindet sich im Methadonprogramm und wohnt in Hamburg, wo ich ihm vor einem Jahr einen Job als Lagerarbeiter besorgt habe. Ich kenne die ganzen Nummern. Ich weiß, wie Alkoholiker, wie Junkies und wie Kiffköpfe funktionieren. Wenn ich das ins Verhältnis setze, ist mir ein kiffender Vater allemal lieber, als ein alkoholabhängiger, der prügelt.

Hat das Ihre Berufswahl beeinflusst?

Eigentlich wollte ich Rechtsanwalt werden. Dass ich mich anders entschieden habe, ist eine Art Wiedergutmachung für meine Mutter Anni, die in dem kleinen Nest Meppen sehr darunter gelitten hat, dass sich der Mann tot gesoffen hatte und der Sohn im Knast saß. Jetzt haben wir einen Richter in der Familie, hat Anni voller Stolz gesagt. Sie ist inzwischen an Krebs gestorben. Auf dem Totenbett hat sie mich ermahnt: Dass du morgen ja wieder in den Gerichtssaal gehst.

Sie haben 15 Jahre in Berlin Kreuzberg gelebt, wie hat es Sie nach Bernau verschlagen?

Brandenburg hatte ein Abkommen mit Nordrhein-Westfalen, so eine Art Jungrichter-Verschickung. Ich war ein Jahr als Richter in Münster tätig gewesen, um das Sterben meiner Mutter begleiten zu können. Von da bin ich 1995 nach Frankfurt (Oder), dann nach Strausberg, schließlich nach Bernau gekommen.

Geschah der häufige Wechsel aus freien Stücken?

Ich habe in meinen Leben schon oft auf der Abschussliste gestanden. Ich ecke schnell an, weil ich offen sage, was ich denke. Mit Bernau bin ich aber sehr zufrieden. Eine Anfrage zur Erprobung am Oberlandesgericht habe ich abgelehnt. Ich verspüre kein Karrierestreben. Amtsrichter zu sein ist der schönste Job überhaupt. Man ist völlig unabhängig und macht alles mit seinem eigenen Gewissen aus.

Sie haben ja nicht nur in puncto Cannabis Schlagzeilen gemacht, sondern auch mit Signalurteilen gegen rechte Schläger und Springerstiefel. Warum gerade Springerstiefel?

1998 hatte ich ein Verfahren, wo einem jungen Menschen mit Springerstiefeln ins Gesicht getreten worden war. Ein 17-Jähriges Mädchen, das als Zeugin aussagen sollte, stand vor mir und zitterte am ganzen Leibe. Sie war vorher von Springerstiefelträgern, die vor dem Gerichtssaal saßen, angefeindet worden. Da ist mir klar geworden, was für eine Macht Springerstiefel haben, was für eine Angst sie verursachen. Ich habe Springerstiefel ein für allemal aus dem Saal verbannt, die Zeugen unter Polizeiaufsicht gestellt und zum ersten Mal als Bewährungsauflage ein Springerstiefelverbot verhängt.

Mit welchem Ergebnis?

Die Entscheidung ging durch die Presse. Eltern und auch Schulen haben reagiert, in dem sie in ihre Hausordnungen schrieben: keine Springerstiefel. Die Polizei hat Verbotsverfügungen gemacht. Das Tragen von Springerstiefeln wurde geächtet und hat sich im Landkreis Barnim enorm reduziert.

Wie haben andere Richter reagiert?

Es gab tatsächlich Richter, die der Meinung waren, damit werde das Persönlichkeitsrecht der tretenden Springerstiefelträger eingeschränkt. Absurd. In meinem Gerichtssaal ist nie wieder ein Springerstiefel aufgetaucht. Einmal hatte ich einen NPD-Funktionär als Zeugen geladen. Den habe ich vor die Alternative gestellt: Entweder Sie gehen in die Stadt und holen sich andere Schuhe, oder Sie kommen auf Socken. Andernfalls Ordnungshaft. Der Mann hatte eine dreiviertel Stunde Bedenkzeit.

Wie hat er sich entschieden?

Er kam auf Socken. Die Stiefel hatte er draußen gelassen. Für ihn war das eine Demütigung. Normalerweise geht es nicht, dass jemand auf Socken kommt, aber für mich war das hier das mildere Mittel. Ich habe seinerzeit als Richter soviel Schmerz und Erniedrigung im Zusammenhang mit Springerstiefeln erlebt. Früher wurden Leute von Richtern rausgeschmissen, weil sie Kaugummi gekaut, T-Shirts oder Basecaps getragen haben. Aber gegen die an den Füßen getragenen Waffen hat die deutsche Justiz kaum etwas unternommen.

Beneiden Sie manchmal ihre Kollegen in den alten Bundesländern, die es eher mit profaner Jugendkriminalität zu tun haben?

Natürlich. Aber die ganz dicken ausländerfeindlichen Gewalttaten haben Gott sei Dank abgenommen.

Worauf führen Sie das zurück?

Ich denke, dass ist weniger das Verdienst der Politik, sondern eine Folge des gesellschaftlichen Engagements auf vielen kleinen Ebenen. Damit will ich aber nicht sagen, dass das Problem nicht mehr da ist.

„Einem NPD-Funktionär, der als Zeuge Springerstiefel trug, sagte ich: Entweder Sie holen sich andere Schuhe, oder Sie kommen auf Socken. Er kam auf Socken“

Apropos Politik. Sie sind parteilos, aber 2002 bei der Bundestagswahl als Direktkandidat für die PDS angetreten. Würden Sie sich heute noch einmal von der PDS aufstellen lassen?

Nein! Das hat sowohl persönliche als auch politische Gründe. Was die Cannabis-Legalisierung angeht, ist die zwar Bestandteil des PDS-Programms. Andererseits geht man, insbesondere im Wahlkampf wegen der Altwähler mit diesem Thema nicht gern um. Im Übrigen stand ich die letzten 20 Jahre ohnehin den Grünen bzw. den Linken in der SPD näher.

Glauben Sie, dass in einem Land wie Brandenburg mit dem Thema Cannabisfreigabe Stimmen zu holen sind?

Davon bin ich überzeugt. In Brandenburg wird genauso viel gekifft, gibt es genauso viele Leute, wie in Niedersachsen oder Bayern, die den Verfolgungsdruck leid sind.

Wie hält es denn der Amtsrichter persönlich mit Cannabis?

Man fragt einen Richter, der einen Raub behandelt, doch auch nicht, ob er zuvor schon mal eine Bank überfallen hat.