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Hupen, quietschen und Grimassen schneiden

Im besten aller deutschen Filme „Zur Sache Schätzchen“ lässt Werner Enke eine Filmaufnahme platzen, weil er als Komparsenkellner immer wieder falsch in die Szene gelaufen kommt, so lange bis die echten Schauspieler entnervt ihre Texte vermasseln. Ich habe das gestern Abend auch mal versucht, vor meiner Haustür wurde nämlich eine Straßenszene gedreht, die schwer nach doofem TV-Vorabendkrimi roch. Die Kamera zeigte genau auf mein Fenster, hinter dem ich mir hinterlistig grinsend Mühe gab, möglichst blöde Grimassen zu ziehen. Am Schneidetisch, stellte ich mir vor, würde dann ein koksiger Regisseur entdecken, dass man die Straßenszene wegschmeißen kann, weil dort drüben, hinter der Jalousie, irgend so ein Mondgesicht blöde guckt, hihi. Vielleicht nicht die innovativste Art, sich die Zeit zu vertreiben. Aber besser als Silberbesteck putzen.

Meine Freundin hat ebenfalls eine sehr subversive Art und Weise gefunden, den Medienbetrieb zumindest leicht zu stören: Wann immer sie Gefahr läuft, bei einer öffentlichen Veranstaltung von einem Kameraauge erfasst zu werden, legt sie sich wie zufällig ihre Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger an die Wange und freut sich bei der Vorstellung, ängstliche Redakteure würden diese Ausschnitte wütend herausschneiden, weil ihr Fuck-you-Zeichen einen ganz falschen Eindruck erweckt.

Leider habe ich sie bei der „Echo“-Verleihung, bei der sie sich auch wieder reinschmuggeln konnte, nicht im Publikum entdecken können – man hat sie aus eben genannten Gründen vermutlich eh herausgeschnitten. Darum konnte sie mir auch nichts über das „Echo“-Aftershow-Buffet erzählen, wegen dem ich es wirklich noch einmal drauf anlegen würde, in diese Hölle eingeladen zu sein. Ich würde sogar die stundenlange Zeremonie ertragen, während der man als geladener Gast nicht den Saal verlassen (und als Zaungast außerhalb des Saals noch nicht ans Buffet) darf, so dass man nach der Live-Fernsehübertragung bestimmt furchtbaren Mundgeruch hat.

Bei jeder Preisverleihung, egal ob Bambi, Oscar oder sonstige Staubfänger, ist es nämlich das Gleiche: Die weiblichen Gäste haben höchstens slipeinlagengroße Taschen dabei, in die so ein Wurstbrot, wo die Wurst so richtig überlappt (Jugendfreund Enke) oder ein Tictac nicht hineinpassen, und die männlichen Gäste haben überhaupt keine Taschen dabei, denn sie kommen größtenteils nicht aus dem Prenzlauer Berg, wo es immer noch üblich ist, überdimensionale Kindergartentaschen wie ein Postbote über den Wanst zu schnallen. Aber eigentlich wollte ich nicht über zu kleine Taschen bei Preisverleihungen sprechen, sondern über subversive Arten, den Medienbetrieb zu stören.

Eine andere Freundin besitzt eine kleine Fernsehproduktionsfirma. Und weil die Zeiten so schlecht sind, muss sie jedem verdammten Auftrag hinterherlaufen, egal ob Kampagnenfilm für eine Nazi-Bezirksgruppe, Teenagerproblemdreh oder ein Beitrag über die Eröffnung eines Tierheims (ich übertreibe jetzt ein wenig). Die Zeiten sind schlecht, denn die Konkurrenz schläft nicht, sondern wird immer billiger.

Darum hat sich meine Freundin angewöhnt, jedes Mal zu hupen, wenn sie mit ihrem Auto irgendwo vorbeifährt, wo sichtbar eine Kamera läuft. Um prophylaktisch schon mal etwaige Beitrags-O-Töne unbrauchbar zu machen. Das finde ich richtig patent! Da mein Auto leider keine Hupe hat, versuche ich aus reiner Freundinnensolidarität die Reifen quietschen zu lassen, wenn ich eine Kamera sehe. Oder, wenn ich per pedes oder mit dem Rad unterwegs bin, stoße ich laute, mit derben Fäkalien durchsetzte Flüche hervor, als ob ich an Koprolalie (zwanghaftes Flüche-Ausstoßen) leiden würde. Und schwups ist der Medienbetrieb wieder verwirrt! JENNI ZYLKA