KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Menschen, verliert mehr Mützen!

Winterkleidung hat einen entscheidenden Vorteil: Man muss sie nicht kaufen, weil sie jeder überall vergisst

Im Winter verliere ich mehr Kleidungsstücke als im Sommer. Der Grund ist leichter gefunden als die verlorenen Mützen, Schals und Handschuhe. Wenn ich im Sommer ein Kleidungsstück verlieren würde, wäre ich danach halb nackt. Im Winter hingegen trage ich viel mehr Sachen: am Kopf, am Hals und an den Händen. Bei Kindern sieht das ganz putzig aus.

Und das ist ehrlich gesagt nicht der einzige Vorteil der Kombination Kindern und Winter: Eine bunte Mütze lenkt von der Rotze ab, die dem Kind aus der Nase bläst. Mit einem Schal kann sie abgewischt werden, und der Lärmpegel des munteren Gesabbels ist durch eine Art Schal(l)schutz gedrosselt. Die Handschuhe verhindern das unhygienische Antatschen. Das ganze Kind ist im Kindsein eingeschränkt. Schon gibt’s nicht mehr so viel Gehampel im Bus.

Damit ich selbst im Bus herumhampeln kann, lege ich meist Mütze und Handschuhe ab. An Kindern ist das XXXX-S-Gestrick festgekordelt oder Mama verwahrt es sicher. Ich darf ohne Mama Bus fahren und in Cafés oder in Clubs. Und dann passiert es wieder: ES – das Verbummeln, im Sächsischen charmant verbumfiedeln genannt. Die Mütze fällt unter die Bank, der Schal fällt mir beim Gehen nicht ein, und ein Handschuh sieht so aus wie der Handschuh vom Nebenmann, der mir zufällig begegnet, und das könnte nichts bedeuten, wenn, ja wenn er nicht danach deren drei hätte und ich nur noch einen. Verbumfiedelt!

Ich weiß gar nicht, wie viele Mützen ich schon verloren habe. Ich kaufe prophylaktisch immer mal neue. Dadurch verhalte ich mich vielleicht auch unvorsichtig. Ich weiß noch viele Mützen zu Hause. Das hilft mir natürlich nicht, wenn ES wieder geschehen ist. Ich muss erst mal ohne Mütze dahin, wo die anderen Mützen sind, nach Hause. Gott sei Dank habe ich kleine Ohren, die können nicht sehr frieren oder abbrechen. Schals habe ich auch viele – wie heißt eigentlich die Mehrzahl?

Der Duden sagt Schals oder Schale, beides nicht schön, schon besser ich habe nur einen. Im Gegenteil dazu hat es wenig Sinn, nur einen Handschuh zu besitzen. Ich habe schöne Handschuhe, die sind so lang, dass ich sie weit über den Pullover ziehen kann, es sind eher Handstiefel. Die habe ich mal gefunden. Ich beschreibe diese schönen Handschuhe jetzt nicht genauer, bevor jemand behauptet, es wären die seinen gewesen.

Und selbst wenn, auch egal, ich habe sie letzte Woche verloren, wenigstens beide. So wurden sie nicht getrennt, und ich mag es auch nicht, den Bus so knapp zu verpassen, dass ich ihn noch wegfahren sehen kann, dann lieber richtig. Weg ist weg. Was hätte mich einer der beiden Handschuhe allein traurig gemacht. Ich hätte mich geärgert, noch und nöcher. Aber so wusste ich, sie sind zusammen und haben sicherlich andere, erst kalte und dann warme Hände in sich drin. Vielleicht sind es Wanderhandschuhe, wie ein Staffelstab des seltsamen Langlaufs, den wir Leben nennen. Vielleicht sind sie ein Pokal, verliehen an denjenigen, der ein Glückspilz ist, weil er etwas gefunden hat.

Und es ist ja nur gerecht, wenn jeder mal was findet. Auch mal an die anderen denken. Kinder – um noch mal was Nettes über das Geracker zu sagen – sind nämlich nicht schlumpig, sondern sozial. Sie wissen, dass sich ein Einbrecher freut, wenn sie den Wohnungsschlüssel verschusseln. Wenn ich jetzt auf einer Kanzel stünde, würde ich die Arme ausbreiten und rufen: „Menschen, verliert mehr Mützen und Handschuhe und Pulswärmer und Schals oder Schalen! Und zwar mit Absicht! Es ist doch im Winter so kalt, und da müssen wir unsere innere Wärme teilen. Wer braucht denn mehr als eine Mütze? Ein eitler Mensch! Und sollen wir eitel sein? Nein!“

Damit tröste ich mich. Wie für mich gewonnen, so für mich zerronnen, aber für einen anderen Menschen gewonnen. Alles hat zwei Seiten, außer eine CD. Ich höre auf zu weinen. Die schönen Handschuhe. Die nächsten Handschuhe, die ich finde, sind bestimmt hässlich. Soll ich mir etwa welche kaufen? Bitte, verliert mehr Handschuhe!

Fragen zu Handstiefeln? kolumne@taz.de . Morgen: Robin Alexanders WHITE aus Südafrika