Eine Liebeserklärung ans wilde Belgistan

Unser Nachbarland Belgien hat ein mieses Image: Brüssel eine Bürokratenhölle, Sprachenstreit und außerdem ein Paradies für Kinderschänder. Und typisch: ein urinierendes Kind namens Manneken Pis als Landessymbol. Unfug: Das Land ist chaotisch – und deshalb so überlebensfähig

Über Belgien weiß man auffallend wenig. Das liegt auch daran, dass ausländische Korrespondenten in Brüssel mit EU und Nato beschäftigt sind und höchstens noch Zeit für eine Glosse über den Sprachenstreit haben. Besucher kennen das Land meist nur von der Durchreise. „Keiner weiß“, hieß es in der taz einmal, „warum es Belgien eigentlich gibt, aber es ist nicht kleinzukriegen.“ Harald Schmidt sagte nur knapp: „Belgien – mein stilles Lieblingsland!“

Was ist das nur für ein Staatswesen – dem Klischee nach halb Holland, halb Frankreich, ansonsten stolz auf ein urinierendes Kind als Landessymbol und entsetzt über den Kinderschänder Marc Dutroux? Man weiß vom ewiglichem Sprachenstreit, von Justizskandalen und Lebensmittelkriminalität. Es gibt ein verrottendes Atomium, reichlich EU-Bürokratie, Starkbier mit Himbeergeschmack und Pommes frites als konstitutionierenden Nationalmampf. Am liebsten werden die Kartoffelstangen, fein gebrutzelt in Rindertalg (bei uns verboten) und versenkt unter Sauce americaine, in müffelnden Straßenbegleitwohnwagen vertilgt.

Sichtbar aus dem Weltallwie die chinesische Mauer

Belgien scheint rückständig, bieder und gesichtslos. Dabei ist dieses Land, von oben gesehen, etwas Besonderes: Astronauten erkennen aus dem Weltraum problemlos zwei Länder – tagsüber China wegen der Mauer und nachts Belgien wegen seiner gelben Striche. Das sind die beleuchteten Autobahnen.

Auch wenn man näher rangeht, staunen wir über immer neue Alltagskuriositäten: Nichts funktioniert richtig, aber alles irgendwie. Belgier wurschteln sich mit Verve durchs Leben – mit katholischer „Wird schon klappen“-Mentalität, sturem flämischem Konservatismus, wallonischer Lebensart und, wenn gar nichts mehr hilft, unerschütterlichem Glauben ans Königshaus.

Man trickst und improvisiert in der konstitutionellen Anarchie, man dealt und werkelt. „Gefummel als Größe“ definierte einmal die Hamburger Zeit. Praktikabilität ist immer das Wichtigste – deshalb ruft man auch „Belgium“ im Fußballstadion, damit man nicht mehrsprachig brüllen muss. Ist was am Auto kaputt, wissen Anrainer etwa aus Aachen, fährt man nach nebenan: Belgien, denn es ist mit Gebrauchtteillagern überzogen. Ist der Kühlschrank defekt, sagt der Händler: Wär’ zu reparieren, aber die Kühlflüssigkeit ist mittlerweile verboten. Es sei denn ... Belgien. Denn „es gibt für alles einen Schwarzmarkt“.

Der Belgier als solcher ist Alltagsanarchist. Er liebt nur Regeln, die er bei Bedarf neu erfinden kann. Korruption sei Nationalsport? Unfug. Belgier sind nur bewundernswert dreist.

Neulich wollte die Aachener Ökonomin Dr. Judith J. ein Päckchen alter Franc-Scheine umtauschen, umgerechnet 50 Euro. Der Ausflug führte in eine winzige Bankfiliale in der Nachbargemeinde Gemmenich: Sicherheitsschleuse, strenge Blicke, schließlich der summende Öffner – wie in einem großen wichtigen Geldhaus. Nein, sagte der Schaltersmann streng, „eigentlich“ sei das viel zu spät: „Damit müssen Sie zur Zentralbank nach Brüssel.“ Eigentlich? Er könne zwar tauschen, aber das koste „sehr hohe Gebühren“. Wie viel? Schließlich sagte der Bankmensch: zehn Prozent. D’accord. Froh gelaunt passierte Dr. J. mit 45 Euro erneut die Sicherheitsschleuse und vermisste draußen die Quittung. Welche Quittung? Die Volkswirtin zögerte, hatte endlich verstanden und musste lachen: „Belgisches Wirtschaften, ganz eigen eben.“

In der deutschen Dienstleistungswüste wäre man mit Anfahrtskizze und Vierfarbmerkblättern zur fernen Zentralbank geleitet worden, die dann gerade einen außerordentlichen Betriebsausflug gemacht hätte, womöglich nach Belgien. Sicher hat auch der korrupte belgische Schaltersmann gegen fünf Landesgesetze und ein Dutzend königlicher Verordnungen verstoßen, aber – die Sache war zu aller Zufriedenheit gelöst. Belgisch halt.

Der Brüsseler Schriftsteller Geert van Istendael glaubt gar: „Europa muss belgisch werden, oder es wird untergehen.“ Eine kühne Prognose. Lächelnd verweist der Autor des Buches „Das belgische Labyrinth“ auf den Vorbildcharakter seines unterschätzten Landes. „Bei uns leben viele Kulturen und Sprachen sehr eng zusammen. Die riesigen Probleme Europas kennen wir seit langem schon auf kleinen Raum. Deswegen sind wir ein Modell, wie eine Märklineisenbahn.“

Neulich hatten sie sich bei „Wer wird Millionär?“ wieder eine kluge Frage ausgedacht. „Welche Sprache gibt es nicht: Finnisch?, Rumänisch?, Ungarisch?, Belgisch?“ Der Kandidat riet falsch. Aber auch Günther Jauch gab eine falsche Begründung: „Belgisch! In Belgien wird Flämisch und Wallonisch gesprochen.“ Es hätte erstens heißen müssen: Niederländisch und Französisch. Und zweitens, dass Deutsch dritte offizielle Sprache ist. Im Grenzgebiet südlich von Aachen rund um Eupen und Malmedy nämlich, wo eine Gemeinde Hauset heißt, aber nicht etwa frankophon Osé ausgesprochen wird, sondern deutsch; Raeren gleich daneben allerdings niederländisch und nicht deutsch.

Die Ostkantone haben sogar eine Regionalregierung. Deren Kulturminister war kürzlich auf Nachbarschaftsvisite – die Technische Hochschule in Aachen hatte ein Seminar aufgelegt, bei dem Studenten einen Schein in „Belgienkunde“ machen konnten.

Probleme im Alltag? Es gibtstets Lösungen à la belge

Während der Minister im Hörsaal landestypische Philosophien lieferte („Bei uns findet Abendschule auch tagsüber statt … Bei Problemen einigt man sich à la belge …“) wartete draußen sein Chauffeur. Auffällig: Das Nummernschild „E.15“ (E für Exekutive) war mit rostigen Flügelschrauben montiert. Nicht eben ministrabel?

Der Mann erläuterte: „Wenn wir unter Demonstranten geraten oder in einen Streik in Charleroi, wie schon geschehen, muss ich schnell raus und ein privates Nummernschild anschrauben.“ Man habe halt „Angst, dass das Auto umgestürzt“ werde. Gegen exekutierte Exekutive hilft also eine Art Carsharing à la belge: „Das machen wir seit 20 Jahren so. Und es klappt gut.“ Nichts, sagte der Fahrer noch, sei „in Belgien Zufall, auch wenn es oft so aussieht“.

In belgischen Städtchen ist optisches Grauen Dauerbegleiter: Dazu muss man gar nicht an die Küste mit ihren Betonklötzen fahren, gegen die Ferienorte des ehemaligen Ostblocks wie ökologische Mustersiedlungen wirken. Überall im Land dominieren Klinkerneubauten mit Gartenzwergidyllen auf zwei Meter breiten Handtüchern, die die Belgier stolz Vorgarten nennen. Und immer werkelt man hier weiter, als wäre der Begriff „Do it yourself“ in Belgien kreiert worden. Der Kabarettist Konrad Beikircher lobpreist: „Wer seine Häuser immer nur halb fertig hat, um vom Rest des Geldes lieber gut essen zu gehen, kann ein so falscher Mensch nicht sein.“

Der Straßenverkehr macht sehr anschaulich, wie Belgien funktioniert. Auf Landstraßen begegnet einem ständig das schwarze Kreuz auf weißem Grund, rot umrandet: rechts vor links, oft sogar bei Feldwegen. Nun wäre der Belgier nicht Belgier, wenn er sich sklavisch daran hielte. Meist wird durchgebraust. Das weiß der Vorfahrtsberechtigte und klärt seinerseits vorsichtig die Lage. Oft sieht man, wie sich die Beteiligten durch Handzeichen oder Lächeln einigen. So entsteht eine Verkehrskultur immerwährender Kommunikation; in Rechthaberdeutschland undenkbar.

Nun glaube man nicht, auf belgischen Straßen könne gemacht werden, was einem gerade in den Kram passt: Wer mit 51 Stundenkilometern in der Tempo-30-Zone erwischt wird, zahlt entweder 300 Euro bar – oder der Wagen wird auf der Stelle beschlagnahmt (es sei denn, man kennt den Ministerpräsidenten persönlich.

Mit einem anderen Straßenschild lässt sich das Land auf einen Blick verstehen: „Vorsicht Bauarbeiten“. Während fast überall auf der Welt, auch bei uns, ein Männlein mit Schaufel vor einem Haufen steht, hat der Belgier zwei solcher Haufen. Einen kleinen links und einen großen rechts. Soll heißen: „Ich bin schon dabei. Immer bei der Arbeit. Ich hab’ schon was geschafft. Belgien ist immer im Fluss.“ Und selbst beim blauen Schild „Bauarbeiten Ende“ ist links unten ein kleines Häufchen geblieben. Die Botschaft: Auch wenn die Arbeit getan ist, sind wir nie ganz fertig.

Bei uns ist C & A ein Textil- und Modekaufhaus, im hochkomplex schlichten Absurdistan Belgien steht C & A für Chaos und Anarchie. In des Landes lässig getarnter Unscheinbarkeit liegt eine versteckte Größe, der Charme immerwährender Unvollkommenheit. Belgier leben Nonchalance und Demut vor, denn sie wissen, dass in ihrem unübersichtlichen, meist finanzklammen Land die Chancen auf Erfüllung großer Träume sowieso klein sind. Was allerdings gesünder sein dürfte als das typisch deutsche Jammern und Fordern. Wo nichts recht funktioniert, sind kleinste Erfolgserlebnisse ein Quell der Freude.

Gemischtsprachliches Modell voller Alltagsanarchie

So ungefähr ist dieses Belgistan. Wie das Land ganz genau ist, weiß nicht mal der Belgier selbst, und er würde sagen: Warum soll ich das wissen? Mysterien bleiben ohnehin: Kein Wissenschaftler hat bislang ergründen können, warum das belgische Eineurostück, und nur dieses, beim Drehen auf der Tischplatte nicht, wie statistisch zu erwarten, im Verhältnis 50:50 fällt. In rund 62 Prozent der Fälle ist das Antlitz von Albert II. oben.

Geheimnisvoll bleibt auch, weshalb alles besser klappt, selbst bei Verkehrsfragen. In Lüttich spielte sich während der Fußball-EM 2000 stumm ein besonderes Spektakel ab. Die Organisatoren hatten das Stadion auszuschildern, alle wichtigen Zufahrtsstraßen in der überaus unübersichtlichen Stadt. Deutsche hätten Klärungskommissionen einberufen, Pläne entworfen, Skizzen gemacht und am Ende hätte doch genau ein Linksabbiegerschild gefehlt. Der Belgier bastelte ein paar hundert Schilder mit beidem, Rechts- und Linksabbiegerpfeil, und verteilte sie an allen Kreuzungen. Dann folgte der landeseigene Pragmatismus: Auf allen schicken Schildern waren die falschen Richtungsangaben mit schäbigem braunem Klebeband abgedeckt.

Das System klappte einwandfrei. Und am Parkplatz vor den Tribünendächern waren, als kleine ironische Zugabe, beide Pfeile zugeklebt. Die belgische Variante der GPS-Navigationsstimme: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Vive les frites! Lang leven de patatjes!