Hirnforschung statt Gewinnspiel

Eine Sendung mit der Maus für große Kinder: Jeden Sonntag sendet Radio Fritz vier Stunden lang intelligenten Wahnsinn und ein Spiel mit dem verdrehten Wort. Ken FM heißt die Show, ihr Erfinder ist Ken Jebsen. Ein Porträt des Moderators, der gegen die Seichtheit antritt

Der Anfang vom Ende beginnt, wenn der Respekt vor dem Selbst verloren geht. Ein besonders trauriges Beispiel sind deutsche Radioprogramme. Dudelfunk den ganzen Tag. Britney rauf, J-Lo runter. Hysterie oder Spießigkeit dazwischen. Die Minuten verlieren ihren Wert, warten nur auf eins: den Werbeschrei. Dann Nachrichten, Wetter, Blitzer und Stau. Die erfolgreichsten Sender in Berlin heißen 94’3 r.s.2, Antenne Brandenburg, BB Radio und 104,6 RTL. Allesamt traurige Kinder eines ehemals stolzes Mediums. Degradiert zum seichten Autoradio.

Und dann macht das Autoradio am Sonntagnachmittag auf einmal komische Geräusche. Es rauscht, knackt, ist still für lange Sekunden. Ein Zischen, Wasser spritzt. Was ist das denn? Radio Fritz überträgt live: In Potsdam Babelsberg springt gerade ein weißer Hai von einem Turm ins Wasser. Im Studio stehen zwei Jungen, Mitglieder der Band Raketenjungs, und lassen den Fischstäbchen-Hai auf den Boden fallen. In der ersten Reihe sitzen Mädchen und freuen sich ein Grübchen um den Mund.

Ken FM heißt das Programm und ist eine vierstündige Live-Radioshow, gewidmet dem intelligenten Wahnsinn und Spiel mit dem verdreht gesprochenen Wort. Musik gibt es auch: Geht es wie an diesem Tag um Tiere, dann passend zum Thema etwa von den Pet Shop Boys. Dirigent, Moderator und Entertainer des sonntäglichen Orchesters, bestehend aus Studiopublikum und Gästen, ist Ken Jebsen. Der steht in Khaki-Hose und Pullover in der Mitte, Headset und schwarzer Goatie rahmen sein Gesicht. Seine Mimik wechselt schnell. Die meiste Zeit dominiert Anspannung seine Züge. Der Aufnahmeleiter ist heute krank.

„Ken FM ist vier Stunden echtes Live, ohne Generalprobe, da müssen so viele Parameter stimmen“, sagt Ken Jebsen später im Restaurant Schwarzwaldstuben in Mitte. Lässt er eine zu lange Pause entstehen, springt beim Radio nach sechzig Sekunden bereits das Notprogramm an. Das ist der drohende GAU im Kopf des Moderators, der für seine Sendung auch Produzent mit der eigenen Firma „sektor_b“ ist.

Unser Abendessen hat sich auf zwei Jumbo-Tassen Milchkaffee reduziert und selbst die werden kalt. Ken Jebsen spricht viel, schnell, intensiv. „Ich weiß, dass ich höher getaktet bin.“ Er erklärt es mit seiner Neugier, die nach Menschen, Wissen, Bewegung und Ereignis giert. „Langeweile ist mir fremd.“ Schaut man auf das Produkt, seine seit April 2001 in die Berliner Luft gestrahlte Sendung, ist das keine bloße Floskel mehr. Minutiös ist der Sendeablauf geplant. 15 Rubriken strukturieren die vier Stunden, die sich anfangs chaotisch anhören.

„Presseschlau“ heißt eine Rubrik. Hans-Günter Maier, unter der Woche Zeitungsverkäufer am Alexanderplatz, erklärt verdrehte Schlagzeilen der Berliner Presselandschaft. Oder „RückblicKEN“: Erich Honecker möchte seine Bürger vor den „Machenschaften der Drogengesellschaft des Westens“ retten, seine Stimme klingt selbst ordentlich verstrahlt. Auf das zeithistorische Zitat folgt eine Diskussion mit den Gästen. Das ist das Schöne und Außergewöhnliche an Ken FM, der Sound ist schräg, aber er baut sein Spiel auf Wissenschaft, auf Geschichte, Philosophie, Technik. Hirnforschung und Atomphysik statt Supergewinnspiel und sinnlosem Werbeclaim. Ken FM ist eine Persiflage des Dumm-dumm-Radios, das Sendeminuten verstrahlt. Als Gast eingeladen wird nur, wer wirklich etwas zu erzählen hat oder zumindest ungewöhnlich ist. Heute die deutsche Synchron-Stimme von Drew Barrymore. Im Gästebuch stehen aber auch prominentere Namen wie Götz Alsmann, Klaus Wowereit, Oliver Kalkofe, Alexa Hennig von Lange oder Wiglaf Droste. Dann sind Jebsens Fragen oft hart, auch tückisch, nie aber gemein. „Ich möchte nie jemanden einladen, nur um mich über ihn zu belustigen.“

Sein legitimes Feindbild: Stefan Raab, seine Vorbilder Ray Cokes und Sammy Davis Junior. Dabei klingt Jebsen wie ein Halbbruder von Christoph Schlingensief und Harald Schmidt. Ken Jebsen ist sein Künstlername. „Seit ich im Radio arbeite, benutze ich den.“ Gebastelt aus dem Mädchennamen seiner deutschen Mutter und dem Fantasiekürzel Ken. Der Vater stammt aus Persien. Sein richtiger Name ist für deutsche Radioohren schwer verständlich. Inzwischen sagen die meisten auch privat Ken.

Alter? „Ich bin Zeitreisender“, erklärt Jebsen. Er trägt keine Uhr, ignoriert seinen Geburtstag, wehrt sich gegen Daten, Konventionen, ist irgendwo Mitte dreißig, aber seine Person soll keine große Rolle spielen.

Seine Berufsgeschichte ist lang. Die Kurzversion: Radio Neufunkland, eine kleinen Privatstationen in Baden-Württemberg, Radio 4U, die Ende 1992 eingestellte Jugendwelle des SFB, seit der ersten Stunde bei Fritz, dazwischen kurze Ausflüge ins Fernsehen. Die Mondscheinshow im ZDF und die Morningshow auf Pro7. Es blieb bei Kurztrips, an die Jebsen heute nicht mehr gern erinnert wird. „Ich bin nicht gern abhängig von anderen“, sagt er, der sich nicht auf die Moderatoren-Rolle festlegen lassen möchte und sich immer noch auch als Reporter sieht. „Ich bewundere seine Konsequenz und Geradlinigkeit“, sagt Silvester Berger über ihn, ein erfahrener Theaterschauspieler, der seine markante Stimme, die deutlich die Herkunft aus Österreich verrät, den Ken FM Jingles leiht. „Manchmal sage ich ihm, er soll doch wenigstens ein paar Kompromisse eingehen, aber da hört er nicht gut.“

Man fragt sich, warum der RBB die Ken-FM-Show nicht längst ins Fernsehen transferiert hat. Doch Jebsen gibt sich bescheiden, als Traumjob beim Fernsehen nennt er die Sendung mit der Maus. In Wahrheit ist Ken FM seine Sendung mit der Maus für große Kinder. „Es geht nicht darum, wie viel Leute uns hören oder sehen.“

Die ständige präsente Möglichkeit des Scheiterns ist seine Herausforderung. Noch kitzelt ihn das Risiko genug. „Beginne ich mich zu langweilen, höre ich auf. Nicht dass die Sendung dann sofort langweilig wäre, aber auf Dauer würde das nicht gut gehen.“ Er lacht. Etwas Stolz spielt um seinen Mundwinkel, bei aller Bescheidenheit.