„Ich bin für ein wehrhaftes Judentum“

ELISA KLAPHECK

… wurde im Januar zur Rabbinerin ordiniert. Vorausgegangen waren ein Politologiestudium in Nimwegen und Hamburg, jahrelange journalistische Tätigkeit, unter anderem auch bei der taz, sowie private Talmudstudien. Derzeit ist sie Chefredakteurin des Gemeindemagazins „Jüdisches Berlin“. Außerdem hat die 41-Jährige die Biografie von Regina Jonas, der ersten Rabbinerin weltweit, die in Berlin lebte und 1944 in Auschwitz ermordet wurde, geschrieben und ist Mitbegründerin der europäisch-jüdischen Fraueninitiative „Bet Debora“. Klaphecks Familie steht in einer jahrhundertealten deutsch-jüdischen Tradition. Klaphecks Mutter hat den Holocaust als Kind in Deutschland überlebt.

taz: Frau Klapheck, im Januar wurden Sie zur Rabbinerin ordiniert. Ist es Beruf oder Berufung?

Elisa Klapheck: Berufung. Ich bin Politologin und war immer politisch und säkular orientiert. Gleichzeitig habe ich mit Freundinnen eine Torahgruppe gegründet. Zum Spaß und um mein Hebräisch aufzufrischen. Später als Journalistin war ich dann am Institut für Judaistik der Freien Universität immatrikuliert und habe Talmud gelernt. Über Jahre habe ich so jüdische Studien betrieben, wusste aber nie, warum. Es hat lange gedauert, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich religiös bin.

Fromm?

Das weiß ich nicht. Ich konnte nicht sagen: „Ich glaube an Gott.“

Können Sie es jetzt sagen?

Jetzt brauche ich es nicht mehr zu sagen. Im Judentum geht es gar nicht um Glauben. Gott kannst du erleben, und du entscheidest, ob du das willst. Jeder hat in sich eine göttliche Dimension.

Dann sind Sie auch Gott?

Wie in jedem Menschen ist auch in mir in der Tat ein göttlicher Funke. Es gibt den einen Gott aus dem alles erschaffen ist, und das reflektiert sich in uns. Es ist ein dialogischer Prozess. Du bist ja nie ganz Gott, du musst ihn suchen, auch in dir, das macht das Dialogische aus.

Ist Ihr Gott mehr eine Kraft, oder hat er personale Züge?

Er hat dialogische Züge. Ich hatte schon sehr intensive Situationen in meinem Leben, Zufälle, die dann doch keine Zufälle waren und die auch als Botschaften verstanden werden können.

Also sind Ihnen Engel begegnet?

Boten.

Warum keine Engel?

Weil „Engel“ christlich kodiert und mit Bildern versehen sind. Kleine Putten mit Flügeln etwa. Aber darum geht es nicht. Im jüdischen Verständnis sind Engel Boten. Es gibt verschiedene Auslegungen dazu. Eine: Die Boten sind höhere geistige Stufen der Erkenntnis.

Was muss eine Rabbinerin wissen?

Sie muss die religiösen Schriften aus 3.000 Jahren kennen. Die Urtexte, die Bibel, die Auslegungen dazu. Sie muss mit dem Talmud und der jüdischen Rechtsliteratur umzugehen wissen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Heute werde ich oft gefragt, wie das Judentum beispielsweise zu interkonfessionellen Partnerschaften oder zu gleichgeschlechtlichen Ehen steht. Da wird von mir erwartet, dass ich erläutere, wie die Themen Hochzeit und Ehe in den rabbinischen Schriften behandelt wurden. Was gibt es dazu für Rechtsentscheidungen. Quer durch alle Strömungen, von jenen der Reformer über die orthodoxen Auslegungen bis hin zu Talmud und Bibel. Daraus entwickle ich dann meine Antwort.

Gleichgeschlechtliche Liebe wird in den Büchern Moses stark verurteilt.

Es gibt Stellen, die so gesehen werden: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann wie mit einer Frau liegt, begeht ein Gräuel.“ Man weiß jedoch nicht, worauf sich dieser Satz bezieht: Geht es um Liebe, um eine Beziehung, um heidnisch-kultischen Sex? Das gab es ja alles. Homosexualität gibt es in der Bibel eigentlich nicht als Thema. Im Talmud auch nicht, was allerdings nicht heißt, dass es das grundsätzlich nicht gab, denn der Hellenismus, der Homosexualität erlaubte, war in der Antike auch in Israel groß in Mode.

War das ein wichtiges Thema für Sie?

Für mich als Feministin, die sich nicht als hetero oder lesbisch, dies oder das einordnen will, ist es ein wichtiges Thema. Ich bin froh, dass es in meinem Rabbinatsstudium erwünscht war, sich zu solchen Themen Gedanken zu machen.

Ist es die Aufgabe einer Rabbinerin, Anweisungen zu geben?

Sie kann Entscheidungen treffen, wie etwas gemacht wird, aber in ersten Linie ist sie Lehrerin. Das ergibt sich aus dem Prinzip des Judentums. Die Hauptidee, die im Talmud festgelegt ist, besagt, dass das Leben zu heiligen ist, und zwar in allen Einzelheiten. Egal was man tut, was man isst, mit wem man Beziehungen hat. Immer muss entschieden werden, ob ich das auf die profane Weise mache oder ob ich das heilige. Idealtypisch obliegt jedem Juden, jeder Jüdin dieses Prinzip des Heiligens. Das impliziert, dass alle immer entscheiden müssen, wie sie was tun.

Das klingt aufregend – und anstrengend.

„Als ich die erste Frau mit Tallit, dem Gebetsschal, gesehen habe, war ich geschockt. Ich dachte, es ist Travestie, obwohl ich als Teenager schon feministisch angehaucht war“„Rabbinerin zu sein heißt, sich zu exponieren und dem auch noch eine Form zu geben. Diese Haltung ist mir aber nicht zugeflogen, ich musste sie mir erkämpfen“

Es ist das Ideal. Die orthodoxen Juden sagen, das muss man so machen. Ich bin nicht orthodox, aber ich bin auch keine Reformjüdin im Sinne des 19. Jahrhunderts, für die große Teile dieser Tradition obsolet sind. Ich habe in einer bestimmten Richtung studiert. Renewal heißt sie, Erneuerung. Das schließt neue Zugänge zu traditionellen und orthodoxen Themen ein.

Wie muss man sich das vorstellen?

Ein Beispiel: Lange Zeit war die Mikwe, das rituelle Tauchbad, in dem Frauen nach der Menstruation untertauchen, im liberalen Judentum verpönt. Neuerdings gibt es Frauen, aber auch Männer, die es für sich wieder entdecken und in dieses lebendige Wasser eintauchen. Wasser ist in der jüdischen Auslegung auch ein Synonym für Torah, die Lehre. Die Mikwe bietet demnach im Übertragenen ein Eintauchen in die Lehre. Vor meiner Ordination bin ich in die Mikwe gegangen. Als ich jünger war, wäre es für mich undenkbar gewesen. Das war aus meiner Sicht nur was für streng orthodoxe Frauen.

Sie haben ein Buch über Regina Jonas geschrieben, weltweit die erste Berliner Rabbinerin. Ist sie Ihr Vorbild?

Sie ist meine geistige Mentorin. Das Buch besteht aus zwei Teilen: der Biografie und ihrer Streitschrift zur Frage: „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ Es ist eine klassische rabbinische Abschlussarbeit. Durch Jonas habe ich die Systematik rabbinischen Denkens gelernt. Als ich das Buch schrieb, war ich eineinhalb Jahre wie im Rausch. Mit der Zeit wurde sie für mich immer präsenter. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass sie mich fragt: „Und was ist mit dir? Ich hab dir gezeigt, wie es geht, jetzt bist du dafür verantwortlich.“

Also ist das eines der Engel-Boten-Erlebnisse?

Man kann es als Einbildung abtun, aber ich hatte auch andere Erlebnisse. Ich komme aus einer jüdischen Familie, die seit 800 Jahren in Deutschland lebt. Bei meinem Studium bin ich auf einen Talmud-Kommentator gestoßen, der mein Urahn ist. Danach habe ich nachts von ihm geträumt. Er sagte mir: „Jetzt weißt du, warum dein Leben so kompliziert ist.“ Den Traum kann man deuten, wie man will. Aber ich habe plötzlich verstanden, warum ich in Deutschland lebe. Ich habe das große jüdische Erbe gesehen, das mich mit dem Land verknüpft. Man braucht das Rabbinat deswegen aber nicht so hoch zu hängen. Letztlich sind wir doch nur Lehrer.

Wenn es so einfach ist, warum hat es dann Jahrzehnte gedauert, bis Frauen wieder Rabbinerinnen sind?

Historisch ist das eben ein Riesenschritt. Als ich die erste Frau mit Tallit, dem Gebetsschal, gesehen habe, war ich geschockt. Ich dachte, es ist Travestie, obwohl ich als Teenager schon feministisch angehaucht war. Mir vorzustellen, ich werde mal Rabbinerin in diesem Judentum, das so verhakt, so verkrustet, so traumatisiert ist, das war ein mehrjähriger Prozess mit vielen Hürden.

Die Hindernisse waren Geschichte und Geschlecht?

Und der Mangel an traditioneller Bildung. In der Synagoge wusste ich ja gar nicht genau, was man da macht.

Wie ist es mit der Frage, ob man als Linke überhaupt an Gott glauben darf?

Ich würde mal sagen: Von der taz zum Rabbinat das war eigentlich der direkte Weg. Es geht doch bei beiden um Gerechtigkeit, um die Idee, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Die Propheten bieten eine komplette Sozialkritik an, und das Judentum stellt jede Hierarchie in Frage. Aus der ägyptischen Gefangenschaft in die Befreiung, diese historische Katharsis, die wir mit dem Pessach-Fest feiern, impliziert, dass jeder sich aus seiner Sklaverei befreit. Was immer das heute sein mag. Jedenfalls sind das doch alles linke Themen. Im Unterschied zur taz-Haltung bin ich allerdings für eine Religion der Stärke. Eine Welt muss sich wehren können gegen Diktatoren. Deshalb war ich für den ersten Golfkrieg und auch für den letzten Irakkrieg. Ich bin für ein tätiges Einschreiten gegen Ungerechtigkeiten. Ich finde, viele Linke lügen sich da eins in die Tasche.

Machen Sie es sich nicht zu einfach?

Nichtstun kann Gleichgültigkeit sein. Ich bin für eine wehrhafte Religion, die die Menschen befähigt, einschreiten zu können. Da ist das Judentum stärker als das, was wir im Augenblick an linker säkularisierter Christentumkultur haben. Man hat Angst, was falsch zu machen, aber man stiehlt sich auch aus der Verantwortung, lässt schlimmste Sachen zu und wähnt sich moralisch auf der richtigen Seite.

Hat Ihr Plädoyer für ein wehrhaftes Judentum etwas mit der Schoah zu tun?

Dass ich so denke, wie ich denke, hat bestimmt etwas damit zu tun.

Ihr Rabbinat wird von orthodoxen Juden nicht anerkannt. Stört Sie das?

Dass Orthodoxe mich ablehnen, damit kann ich leben. Es verletzt mich aber, wenn ich von Leuten aus den eigenen Reihen nicht akzeptiert werde. Nicht nur wegen des Studiums, weil es so offen ist und neue Themen anregt, sondern weil auch mein ganzer Lebensweg darin steckt.

Haben Sie solche Reaktionen bekommen?

Von einigen ja. Ich glaube, es hat was damit zu tun, dass ich als Frau aus der Reihe getanzt bin. Rabbinerin zu sein heißt, sich zu exponieren und dem auch noch eine Form zu geben. Diese Haltung ist mir aber nicht zugeflogen, ich musste sie mir erkämpfen.

Was wollen Sie als Rabbinerin in Berlin erreichen?

Vor allem möchte ich eine Verbindungen schaffen zwischen säkularem und religiösem Judentum. „Politische Religion“ ist ein weiteres Stichwort, das ich mit Leben füllen möchte.

Was meinen Sie damit?

Derzeit wird Judentum in Deutschland doch meist nur als Synonym für Holocaust und Antisemitismus gefasst, aber nicht als positives gesellschaftsgestaltendes Element. Warum wird die jüdische Expertise bei Gesellschaftsfragen nicht hinzugezogen? In parlamentarischen Ethikkommissionen etwa, haben da nicht auch Juden was zu sagen? Oder profaner: Warum nimmt in Deutschland niemand die Feiertage der nichtchristlichen Religionen wahr? Da fehlt doch was. Jom Kippur, Rosch Haschana, das islamische Opferfest – wer weiß schon, wann die sind?

Meldet sich die Politologin in Ihnen wieder zu Wort?

Religion ist nicht nur Privatsache.