Die Bühne ist der Star

„Darf ich dich voll wixen?“: Heute feiert das KitKat, der international berühmte „Club für zivilisierte Leute“, zehn Jahre zwischen Sex und Techno. Ein Besuch aus aktuellem Anlass

Es ist rot, rosa. Bewegt sich bronzebraun. Dreht sich weiß von der Decke. Funkelt, glitzert überall. Das volle Farbenspektrum kreist, fließt auf der Netzhaut, lässt sich nicht scharf stellen. Ohren kommen nach, merken den Bassknall. Die Hände sind noch kalt von draußen. So weit die Sinne. Es ist Sonntagmorgen, drei Uhr, wir sind im KitKat-Club, Bessemerstraße, Tempelhof. Die Mutternacht im „Club für zivilisierte Leute“.

Jetzt puzzelt der Verstand das Bild zusammen. Das Bronzebraun gehört einer Menschenmasse, die ihre großen freien Hautflächen durch einen in rot-rosa Licht getauchten Raum tanzt. Vom Himmel hängen Unmengen weißer Sterne, die sich in der warmen Luft drehen. Schweißpunkte, Metallbänder, Augenzellen schenken der Szenerie ihr Funkeln. Ein Bild wie aus dem Film Studio 54 geschnitten. Und jetzt? Umfallen und mit offen Augen daliegen, die Farbpunkte noch einmal ganz genau verkleben. Oder endlich mal vom Eingang weggehen.

Die Nacht gilt noch vier Stunden, danach beginnt die After-Hour. Auf den schwarzweißen Kacheln im Club stehen die Füße auf dem Boden einer Legende. 10 Jahre alt wird das KitKat, von seinen Besuchern nur liebevoll „Kitty“ genannt. Die alte Schultheiss-Brauerei ist nach der Glogauer Straße und dem Metropol die dritte Heimat für den Club.

Angefangen hat aber alles im Kopf von Simon Thaur. Auf dem Barhocker sitzt ein 44-jähriger Mann, den Schädel knapp rasiert, die Gesichtslinien klar geschnitten, Lidstrich. Er trinkt Red Bull und raucht. „I bian schoan imma ain Freek“, sagt der in Österreich Aufgewachsene. Menschen, die ihn kennen, nennen ihn einen Menschenfischer, schätzen seine Begeisterungsfähigkeit. Bevor er Ende der Siebzigerjahre nach Berlin kam, reiste er mehr als ein Jahrzehnt durch Asien. „Reisekommune“, „Goa“, klingeln die erklärenden Wörter. An den Wänden im KitKat fluoreszieren nackte Menschen mit großen Brüsten, steifen Schwänzen, die Gesichter glücklich verzehrt oder weit aufgerissen. Drachenköpfe stieren in den Raum. Leuchtgitter durchspannen die Luft. Psychedelisch sieht es aus, dazu hämmert und treibt Techno-Trance. „Das wollt ich vereinen, Techno und Sex. Tanzen war für mich immer auch schon balzen“, so Thaur.

Ist Thaur der Kopf hinter dem Club, so ist Kirsten Krüger, seine Freundin und Mitbetreiberin, das Auge. Sie sitzt an der Türe und entscheidet, wer diese Nacht die Party antreiben darf. Von frisch gekaufter Fetischkleidung unter einem unentschlossenen Kopf lässt sie sich nicht täuschen. Augen, Bewegung, Gesamterscheinung entscheidet. Erstbesucher zeigen sich, wenn sie für die kostenlose Garderobe bezahlen wollen. Willkommen sind sie trotzdem, denn im KitKat tummeln sich zu achtzig Prozent Stammgäste. Die wildesten Nächte, „in denen die Kuh fliegt“, ergeben sich aber, weiß Thaur, wenn neue Leute, die es wissen wollen, auf die erfahrenen Kitty-Gäste treffen.

Eine Vorstellung von fliegenden Kühen im Sinne des Simon Thaur kann man bekommen, wenn man sich einen der von ihm für seine Labels „KitKat“ und „Sub Way“ produzierten Pornos anschaut. Da ist zum Beispiel die Reihe „Avantgarde Extreme“. Heftige Filme, in denen Frauen und Männer im Setting des Clubs oder auch an öffentlichen Orten Sex für Fortgeschrittenste haben. Die Kamera zeigt Menschen, die fisten, also Hand und Arm in Vagina oder Po einführen, oder mit Exkrementen, dem so genannten Scat, experimentieren.

Thaur gehört zu den umstrittensten Personen im Bereich der deutschen Pornografie. Für die einen ist er ein kranker Perverser, für die anderen ein Aufklärer und Befreier. Porno- und Lebenskünstler, Freidenker und Hedonist nennt er sich selbst, den „Wiener Aktionismus“ von Otto Mühl, Hermann Nitsch und anderen prägend für seine eigene Entwicklung. Freies Ausleben statt Unterdrückung dunkler Seelenschläfer wie Sadismus, Perversität und Aggression als Schlüssel zur Freiheit: Entsprechend sind Thaur und Krüger auch gesellschaftspolitische Agitatoren. Sie gründeten die „Hedonistische Partei“ und brachten 2001 den Carneval Erotica auf die Straße. Berlin soll zur „sexuell befreiten Zone“ werden, so die Forderung in dem nur kurzzeitig erscheinenden Clubmagazin Der Hedonist.

So weit die Theorie. Die Realität dieser Clubnacht spielt sich ohne Fisten und Scat ab. Zumindest sehe ich es nicht. Die Sinne sind reizüberflutet, Versuch das Bild scharf zu stellen. Das ist gar nicht so einfach, der Club ist eine große Bühne. Express yourself das Diktat. Für die Position des Beobachters ist kaum Raum, außerdem ist sie unerwünscht.

Namensstifter für den Club ist das KitKat der 20er-Jahre aus dem Film „Cabarett“ mit Liza Minelli. Die Legenden um das moderne KitKat ranken sich wild, basieren aber vor allem auf sensationslüsternden Fernsehberichten Mitte der Neunziger. Falsch ist, dass das KitKat ein Swingerclub ist; Unterwäsche ist unerwünscht, auch gilt nicht, wie oft kolportiert, der Grundsatz „unten oder oben ohne“. Schräge Fantasiekostüme, wie sie die New Yorker Clubkids trugen, oder schlichtes archaisch den Körper Betonendes bestimmen die Szenerie. Nur Kinder sind sie keine mehr, das Durchschnittsalter liegt mindestens bei 30.

Manches wirkt ernsthaft skurril: Ein junger Mann in einem Latexanzug fragt ein Mädchen höflich: „Darf ich dich vielleicht voll wixen?“ Sie schüttelt den Kopf, lacht, küsst ihren Freund. Der Club vertreibt seine Freaks nicht, die den harten Schönheitsidealen nicht mehr entsprechen oder in ihrem Verhalten eigenartig sind. Es gibt keine Dunkelräume, sexuelle Spielerei bekommt nur, wer selbstbewusst ist und sich der Scham oder Heimlichkeit befreien kann. An diesem Abend sind das weniger als 20 Prozent.

Etwa 40 Menschen beschäftigen Thaur und Krüger inzwischen, eine kleine Firma, mehr Familie. Heimat nennen viele Besucher ihren Club. Sie gehören nicht zur Clubszene in Mitte und Friedrichshain, gehen selten in andere Clubs. Dem Kitty verdanken sie alle etwas. Bernd und Uli zum Beispiel ihre Ehe. Viele habe hier ihre Liebe gefunden. Steffen zum Beispiel, der zusammen mit Ralph die After-Hours am Sonntag veranstaltet, die zu sich selbst. „Ohne das Kitty wäre ich nicht der, der ich bin“, sagt er. In der Kleinstadt in Brandenburg, wo er aufwuchs, konnte man nicht offen schwul sein.

Es ist kurz vor sechs. Schon seit Stunden sitzt der ältere langhaarige Mann auf der Bühne an der Wand und onaniert hingebungsvoll. Die heftigste Mine aber explodiert wo anders: Gleich ein Dutzend Discogötter tanzen wild auf dem langen Podest an der Stirnseite des Raums über den Köpfen der anderen. Ihre Arme, Beine, alles zuckt perfekt synchronisiert zur Musik. Sie feiern das Fest zu Ehren des geliebten Körpers. Ihre Gesichter strahlen Stolz.