stefan kuzmany über Alltag

Die Kunst des Verschwindens

Mein Freund Timo übersteht spielend die spannendsten Momente des Lebens. Nur Frauen wissen das nicht zu schätzen

Dann kamen die Polizisten. Ganz schön viele, sagt Timo, sie stürmten den Mauerpark in Berlin, Prenzlauer Berg. Die anderen seien auf und davon gelaufen, aber er, Timo, sei einfach sitzen geblieben im Gras, mit seiner halbvollen Bierflasche in der Hand. Sie kamen näher, im Laufschritt, aber Timo bewegte sich nicht. Angst habe er keine gehabt. Vielleicht sei er dafür schon etwas zu angetrunken gewesen.

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Timo ist ein Aussitzer. Es ist ein Wunder, wie oft er schon damit durchgekommen ist, sich einfach nicht zu bewegen. Schon in der Schule war das so. Wir hatten damals einen Lateinlehrer, der seinen Unterricht dermaßen furchteinflößend gestaltete, dass selbst hartgesottene Naturen Bauchkrämpfe bekamen, wenn Latein auf dem Stundenplan stand. Besonders schrecklich war sein Ausfrageritual zu Beginn der Stunde. „Heute kommt einmal zu mir raus …“ begann er stets, und die Klasse zitterte.

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Der Lehrer kostete diese Sekunden aus. Er ließ seinen Blick durch das Klassenzimmer schweifen, und wer den Fehler machte, diesen Blick angsterfüllt zu erwidern, der war verloren. Man durfte aber auf keinen Fall so aussehen, als wolle man sich verstecken. Was man auch machte, es war falsch. „Heute kommt einmal zu mir raus … der …“ – an dieser Stelle, nach Nennung des bestimmten männlichen Artikels, waren regelmäßig erleichterte Seufzer vom weiblichen Teil der Klasse zu hören.

Manchmal kamen sie zu früh. Manchmal korrigierte sich der Lehrer noch. „Heute kommt einmal zu mir raus … der … nein … die … oder doch …“ Nie wieder später habe ich so spannende Momente erlebt wie jene Sekunden, die zwischen Ausgefragtwerden und einer lauen Lateinstunde entschieden. Nur Timo schien damit kein Problem zu haben. Gleichmütig saß er neben mir, als habe das alles nichts mit ihm zu tun. Einmal jedoch schien es auch ihn zu erwischen.

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„Heute kommt einmal zu mir raus … der … Timo“, sprach der Lehrer. Doch Timo reagierte nicht. Gerade war er doch noch anwesend, ich hätte schwören können, er war da, aber selbst mir, seinem Banknachbarn, kam es jetzt so vor, als sei er niemals hier gewesen, als gäbe es hier keinen Timo, noch nie. Auch auf den Lehrer wirkte Timos Aura der Abwesenheit. Es verstrichen einige Sekunden, niemand sprach. Dann machte der Lehrer einfach weiter: „Gut, dann eben die Melanie.“ Timo hatte Glück, Melanie war immer perfekt vorbereitet und protestierte nicht.

Erst vor kurzem wurde ich wieder Zeuge von Timos erstaunlicher Fähigkeit. Wir fuhren mit der U-Bahn. Ich hatte eine Monatskarte, doch Timo hatte keine und auch nicht gestempelt. Da stiegen Kontrolleure ein. Unmerklich verschwand Timo. Doch, er lehnte da noch in der Nähe des Ausgangs. Aber er war nicht mehr anwesend. Die Kontrolleure übersahen ihn einfach. Vier Kontrolleure gingen einfach über ihn hinweg. Offenbar dachte jeder von ihnen, der Kollege habe Timo schon geprüft. Sie standen direkt neben ihm und der Tür, um beim nächsten Halt schnell aussteigen und den Waggon wechseln zu können.

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Timo schafft es sogar, übersehen zu werden, wenn er es eigentlich gar nicht darauf anlegt. Wochenlang schwärmte er mir von einer Kommilitonin im germanistischen Seminar vor, die ihm doch sehr gut gefalle. Ja, er habe auch schon mit ihr geflirtet. Und, wer weiß, vielleicht würde er demnächst mit ihr ins Kino gehen, einen Film habe er sich auch schon ausgesucht: „Gangs of New York“, der müsse doch noch irgendwo laufen. Doch als er sie mir auf einer Party letzte Woche vorstellen wollte, da hat sie ihn offenbar nicht mal erkannt.

Vielleicht saß er deshalb so melancholisch mit seiner halbvollen Bierflasche im Mauerpark in Berlin, Prenzlauer Berg, in der Walpurgisnacht, als die Polizisten kamen. Es muss ein beeindruckender Anblick gewesen sein, jede Menge Polizisten in Kampfmontur, die da auf ihn zuliefen. Aber Timo bewegte sich einfach nicht. Dann waren sie da. Würdigten ihn keines Blickes. Liefen weiter, den Flüchtenden hinterher. Timo blickte ihnen nach und trank sein Bier aus.

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