Deutsche Familie

Der Berlinale-Sieger hat es vorgemacht: Familie ist nicht out. Sie zählt nicht nur als Sponsor, sondern auch als Kritiker. Als man Fatih Akin den Goldenen Bären überreichte, kommentierte er „Der Preis ist toll. Noch besser ist: Meinen Eltern hat der Film gefallen.“Doch was Familie ist, bleibt Definitionssache: In der Nachkriegszeit führen noch die Trümmerfrauen die Familien an. Wenige Jahre später etabliert sich bereits die neue Form der Kleinfamilie, in der die Mutter zurück an den Herd geschickt wird, während der Mann als Vorstand der Familie auftritt: Jede gesetzliche Vertretung des Kindes ist dem Mann vorbehalten, der Beruf der Frau kann vom Ehemann gekündigt werden. Seit 1953 mischt sich auch die Politik in die Familie ein: Die Regierung Adenauer schafft das erste Familienministerium. Sein erster Minister Franz Josef Wuermeling sieht es als seine Aufgabe, „Propaganda für den Familiengedanken zu machen“. Dieser Familiengedanke sieht jedoch unterschiedlich aus. 1961 werden bundesweit 19,8 Millionen Familien gezählt, mehr als ein Viertel ohne Vater. Das Fernsehen propagiert in den Sechzigern die Familie als Schutzraum – mit der Fernsehfamilie der „Unverbesserlichen“ und Inge Meysel als „Mutter der Nation“. In dieser Serie freilich werden die Probleme von Familie erstmals öffentlich erörtert: Scheidung, nichteheliche Kinder, One-Night-Stands …Das Bundesverfassungsgericht räumt Ende der Fünfziger mit der Bevormundung der Frau durch den Ehemann auf. Die moderne Familie aber, wenn es sie denn gibt, entsteht erst unter dem Eindruck der Protestbewegungen der Siebziger. Satiren wie „Ein Herz und eine Seele“ (1973) zeigten den Familienpapa als vulgären Tyrannen. 1976 wird das Familienrecht reformiert, und gegen die „natürliche Ordnung“ stellt man die individuelle Vereinbarung der Partner, wer welche Aufgaben in Familie und Haushalt übernimmt. Patchworkfamilien entstehen. „Selbstverwirklichung“ wird zum Stichwort der Nation. Trotzdem: Bei den 12,6 Millionen Familien in Deutschland dominiert noch heute die „Normalfamilie“. Vier von fünf Kindern wachsen bei ihren verheirateten Eltern auf. Gerade die schnöselige Generation Golf beginnt seit kurzem in großem Stil mit dem klassischen Nestbau.