„Mensch, det wär’n Ding“

Der 1. Mai hält die Stadt auf Trab. Hier wird Bier verkauft, dort wird demonstriert. Polizisten reden mit Punkern, die Jugend kämpft gegen Nazis, Ströbele radelt vorbei, Musik liegt in der Luft und am Ende fliegen Steine. Alles das wird live übertragen ins Polizeipräsidium. Ein sehr selektives Protokoll

13.30 Uhr, Polizeipräsidium: Auf einem Monitor können Journalisten die Live-Videobilder der Polizei anschauen – oder die „Liste der Polizeipräsidenten in Berlin seit 1809“ an der Wand. Auf dem Schirm sieht man, wie NPDler auf Bierbänken Eintopf essen.

14.20 Uhr, Polizeipräsidium: „Es regnet“, sagt einer der Pressebetreuer. „Da regnet es richtig“, meint ein Kollege. Der Bildschirm zeigt Nazis im Regen. „Oh, es regnet“, sagt ein dritter Polizist, der die anderen beiden nicht gehört hat.

14.30 Uhr, Oranienplatz: Ein türkischer Jugendlicher hat eine Tonne mit eisgekühlten Getränken aufgestellt: Ein Becks kostet zwei Euro plus Pfand. Sie gehen weg wie Eis im Hochsommer.

15.10 Uhr, Oranienplatz: Ein Anti-Konflikt-Team der Polizei sucht Kontakt zu einer Punkergruppe, verwickelt sie in Gespräche, klärt sie über die strafrechtlichen Folgen von Steinwürfen und anderen Gewalttaten auf. Es gibt angeregte Debatten im freundschaftlichen Ton.

15.25 Uhr, Oranienplatz: Der Lautsprecherwagen der Antifaschistischen Linken ALB startet seine Radioshow „Radio revolutionario“ – es gibt Disco-Nebel und amerikanische Western-Musik.

16.45 Uhr, Manteuffel-, Ecke Muskauer Straße: Der Gesamteinsatzleiter der Polizei, Alfred Markowski, und sein Führungsstab machen sich ein Bild von der Lage vor Ort. Plötzlich fällt der Blick auf eine mit Flaschen gefüllte Plastiktüte. „Mensch, det wär’n Ding, wenn det lauter Mollis sind“, meint einer. Sind es nicht: nur Leergut. Aber trotzdem. Die Tüte wird im Polizeifahrzeug verstaut.

16.50 Uhr, Oranienplatz: Die Alten aalen sich in der Sonne. Dann müssen eben die Jungen ran. Fünf Köpfe zählt die Brigade, fünf Hände unfassen fünf Stöcke mit festem Griff. „Was wollt ihr denn damit?“, fragt eine Passantin. Der zehnjährige Anführer: „Nazis verprügeln natürlich!“

17.10 Uhr, Manteuffel-, Ecke Muskauer Straße: Gesamteinsatzleiter Alfred Markowski, darf die gegelten Igelstacheln von drei Türkenkids im Alter von 12 und 13 Jahren antippen: „Mensch, die sind aber ganz schön hart.“ Die drei nicken. „Die Bullen sollen gewinnen“, sagt plötzlich der Kleinste. „Was?“, fragt Markowski, „wir sollen gewinnen?“ Die prompte Antwort: „Ihr gewinnt doch immer.“

18.25 Uhr, Heinrichplatz: „Ströbele kommt!“, tönt es von links, „schau mal, da“ von rechts. Lächelnd lässt der radelnde Bundestagsabgeordnete alle hinter sich. Dann stellt sich ihm ein Jungwähler in den Weg und singt: „Gebt das Hanf frei … njanjanja.“ Ströbele lacht: „Ja, aber wenn, dann sofort.“

18.25 Uhr, Oranienplatz: Zwanzig Punks sitzen auf dem Baugerüst vor dem Plus-Markt. Unten fordern Polizisten vom Anti-Konflikt-Team sie auf, sofort herunterzukommen, und ernten Gelächter und Gejohle. Plötzlich flüstert einer der Punks den anderen etwas ins Ohr. Alle schnappen ihre Rucksäcke und klettern herab. Eine Beamtin kann es kaum fassen: „Ey, das ist superklasse von euch, das hätte ich nie erwartet.“

18.35 Uhr, Rosa-Luxemburg-Platz: Nach Ende des Mia-Konzretes vor der zweiten Demo wird lautstark Zugabe gefordert. Die Berliner Poptrashband bequemt sich, noch einen Song zu spielen.

19.00 Uhr, Oranienstraße: Der braun gebrannte Restaurantchef des „Kafka“, der das Straßenfest mit iniitiert hat, steht vor seinem Lokal: „Das ist sensationell, das habe ich an einem 1. Mai hier noch nie erlebt. Die Leute entspannen sich und haben einfach gute Laune.“

19.00 Uhr, Kottbusser Tor: Rund hundert türkische Jugendliche rempeln aufgeheizt Passanten an. Wer nicht schnell genug wegkommt, wird mit Fäusten traktiert, immer häufiger fliegen Steine. Sechs Personen, darunter eine Frau, verprügeln die Jungs.

19.19 Uhr, Polizeipräsidium: Die vom Hubschrauber ins Medienzentrum gefunkten Bilder sind weiter friedlich. Am Rosa-Luxemburg-Platz ist ein Autonomer zu erkennen, der sein Baby in einem Schal an der Brust hängen hat – so nahe können die Kameras heranzoomen.

19.30 Uhr, Karl-Marx-Allee: Eine Pädagogin fragt am Demo-Rande Anti-Konflikt-Polizisten, was sie für eine Ausbildung hätten. Antwort: „Einwöchiges Training in der Polizeischule.“

20.00 Uhr, Reichenberger Straße: Rund 250 türkische und arabische Rowdies sammeln Steine. Auf Kommando rufen sie den Schlachtruf „Allah“ und stürzen sich auf die ahnungslose Polizei. Die Beamten aus Niedersachsen sind völlig überrascht, steigen verdattert aus den Autos.

20.20 Uhr, Skalitzer, Ecke Mariannenstraße: Polizisten vor der Tankstelle werden massiv mit Steinen beworfen. Dann kippen Randalierer einen Opel um und versuchen ihn anzuzünden. Anwohner versuchen das verbal und handgreiflich zu verhindern, darunter auch ein jugoslawisch-stämmiger Berliner. Er wird kurz darauf verhaftet, mit der Begründung, er habe provoziert.