Der falsche Weg nach Westen

Israel mauert sich derzeit selbst ein. Das zeugt von einer fatalen Ghettomentalität. Nur wenn wir dieses Denken überwinden, hat der Frieden im Nahen Osten eine Chance

Warum kehren wir zur Ghettomentalität zurück, vor der wir zu fliehen versuchten?

Bald werden wir eine Mauer haben, die uns von unserer Umgebung abschottet. Die Mauer wird Selbstmordanschläge verhindern und uns das ersehnte Gefühl der Sicherheit geben. Sie wird auch für hunderttausende Palästinenser das Leben unerträglich machen. Aber wer macht sich darüber Sorgen, wenn wir uns sicher fühlen können? Nachdem all das geschehen sein wird – der Traum des durchschnittlichen israelischen Juden –, könnte es vielleicht die richtige Zeit sein, ein wenig in uns zu blicken: Wer sind wir und wer wollen wir sein? Weil wir es bisher nicht geschafft haben, für uns die notwendigen stabilen Grenzen aufzubauen, scheint es ohne den Bau der Mauer um uns kaum eine Chance zu geben, dass diese Fragen die notwendige Aufmerksamkeit bekommen. Aber weil die Mauer gebaut werden wird – zu einem astronomischen Preis in einer Phase der wirtschaftlichen Krise –, wird vielleicht die Zeit kommen, in der wir über uns selbst nachdenken können: Woher kamen wir und wohin bewegen wir uns?

Unsere Vorfahren kamen hierher, weil sie Abstand von der jüdischen Diaspora brauchten – körperlich und geistig. Manchmal kamen sie aus Notwendigkeit, manchmal aus Glauben und freier Entscheidung. Sie träumten davon, einen neuen Juden zu erschaffen, im Gegensatz zum Juden der Diaspora, der für die vergangenen Generationen charakteristisch war. Sie wollten eine unabhängige Person, die ihren Lebensunterhalt unabhängig von einer unterdrückenden Umwelt verdient und sich damit vom Juden des Ghettos unterscheidet, der von einem Ort zum anderen wandert, vertrieben von seinen Unterdrückern. Der Zionismus gedieh selbst unter den liberaleren Juden, als an der Wende zum 20. Jahrhundert klar wurde, dass man die Diaspora nicht hinter sich lassen kann, ohne die Gastgeberländer körperlich zu verlassen. Die Dreyfus-Affäre und später die Schoah zeigten das auf eine sehr grausame und entscheidende Art.

Es scheint, dass Folgendes geschehen ist: Unsere Eltern kamen hierher, trockneten die Sümpfe, bauten Kibbuze und Städte, Schulen und Universitäten – ihre Sprache war Hebräisch. Sie schufen einen Staat mit einer starken und modernen Armee, gut entwickelter Landwirtschaft und Industrie, einem Justizsystem und einer Kultur, auf die man stolz sein kann. Wenn all das passierte, was ist dann falsch gelaufen? Warum kehren wir zur Ghettomentalität zurück, vor der wir zu fliehen versuchten?

Liegt es nur daran, dass wir es versäumten wahrzunehmen, dass hier bereits eine andere Gruppe Menschen lebte? Menschen, die von der Art und Weise, wie wir sie dauerhaft ignoriert haben, verletzt wurden, bis wir eine solche Stufe des blutigen Konflikts erreicht hatten, dass wir jetzt eine Mauer bauen müssen, die uns von ihnen trennt? Ich bezweifle, dass das alles allein die Schuld der Araber und der Palästinenser ist. Mit ihnen, scheint es, könnten wir andere Lösungen erreichen, als das Monster namens Mauer, das unsere begrenzten Ressourcen auffressen wird.

Ich fürchte, das Problem liegt vielmehr in uns selbst. Wir konnten die vergangenen hundert Jahre nicht besiegen und uns nicht vom Diaspora-Denken befreien, das uns bis in den Nahen Osten verfolgt hat. Bis zu einem bestimmten Grad schien es uns gelungen zu sein, eine neue Art israelischer Jude zu schaffen: Den „Sabra“, so nannten wir ihn nach einer israelischen Stachelfrucht. Nach außen strahlt er Stärke und Sicherheit aus, aber unter der dünnen Schale kann man die Diaspora-Mentalität finden, die noch immer ihren Anteil fordert.

Das ewige Opfer kann sich niemals selbst als Übeltäter sehen

Es ist der Jude, der immer verfolgt wird. Er lebt in einem Teufelskreis, der immer wieder Situationen schafft, die seine Selbstwahrnehmung als Opfer rechtfertigen. Das ewige Opfer kann sich niemals selbst als Übeltäter sehen. Nur ihm wird Böses angetan. Andere versuchen ihm zu schaden, und er muss immer auf der Hut sein, nicht den Moment zu verpassen, in dem er sich selbst retten kann.

Das Problem ist: Wir leben heute in einer Welt, die dieses Diaspora-Denken zu rechtfertigen scheint. Nach dem 11. September gewann in den USA fast eine ähnliche Stimmung die Oberhand – und die Juden dort fanden Wege, diese Stimmung ebenso für „das Wohlergehen Israels“ auszubeuten. Wenn die Amerikaner könnten, würden sie auch eine Mauer bauen, nachdem die Ozeane sie schon nicht vor dem Bösen beschützen konnten.

Ebenso versuchen in Europa rechts gerichtete Regierungen den wachsenden Strom an Immigranten aufzuhalten, der die europäische Kultur bedroht. Selbst wenn die europäische Version der Mauer weniger aggressiv ist als die amerikanische, versuchen beide dem Niedergang des Westens zu begegnen. Ihn nämlich sieht man am Horizont mit all den Ängsten und dem Schmerz, die dieses Wissen mit sich bringt. Man kann versuchen, diesen Prozess durch Gewalt zu verzögern (so machen es die USA) oder durch Dialog mit dem „Anderen“ (die europäische Version). Den Prozess aufhalten kann man aber nicht – selbst nicht durch die Globalisierung, die die Kontrolle des Westens über die Welt fortsetzen würde.

Das Problem ist, dass wir in einem Nahen Osten leben, der weniger aufgeklärt ist als Europa

Dennoch passt die Mauer gut in den globalen Prozess. Das Problem ist, dass wir in einem Nahen Osten leben, der weniger aufgeklärt ist als Europa oder die USA. Unsere Mauer mag nicht ihren ursprünglichen Zweck erfüllen, Sicherheit für uns zu schaffen. Vielmehr könnte sie uns psychologisch von der Notwendigkeit entfernen, mutig für unseren Platz in dieser schwierigen Region zu kämpfen. Die Mauer könnte der Grundstein für den Bau eines neuen, riesigen Ghettos werden – auch für uns, nicht nur für die Palästinenser. Von hier aus kann man sich nur in eine Richtung bewegen: nach Westen zum Meer. Es wäre gut, wenn wir damit aufhören könnten und jetzt nachdenken, ob es wirklich das ist, was wir wollen, bevor es zu spät ist. DAN BAR-ON

Übersetzung: Bernhard Hübner