Die ecuadorianische Naturerbe-Ministerin María Fernanda Espinosa über die "Dschungel statt Öl"-Initiative, Hilfe der internationalen Gemeinschaft, Logik und die Linke.Interview: Gerhard Dilger

Artenvielfalt im Yasuní-Nationalpark. Bild: AP
taz: Frau Ministerin, es gibt Befürchtungen, dass Ecuador 2012 die Ölförderung im Yasuní-Nationalpark genehmigen könnte. Sehen Sie noch eine Chance, dies zu verhindern?
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María Fernanda Espinosa: Die Ölforderung war von Anfang an eine mögliche Option. Doch die "Dschungel statt Öl"-Initiative geht weit über die Frage der Überweisung von Geld hinaus. Sie ist von einem enormen politischen und pädagogischen Wert. Wir brauchen neue internationale Mechanismen, um globale Gemeingüter wie die Atmosphäre zu verwalten. Wer kommt für die Kosten unseres Wachstums auf? Mit Verzicht auf Lebensqualität, mit Risiken, mit Unsicherheit? Dahinter steht das neue Konzept der vermiedenen Nettoemissionen.
Sie hoffen auf 100 Millionen Dollar von der Weltgemeinschaft bis Ende 2012 - ist das realistisch?
Wir haben ja schon fast die Hälfte. Wir stehen kurz davor, mit Italien einen Schuldentausch über 35 Millionen Dollar zu unterschreiben, die fließen in den Fonds. Dann gibt es weitere, eher symbolische Beiträge wie 100.000 Dollar aus Kolumbien. Auch andere Länder sind dabei, die Dynamik der Initiative zu verstehen. Oft gibt es Befürchtungen, denn der Vorschlag bricht ja total mit der herkömmlichen Logik der Zusammenarbeit über die globalen Gemeingüter. Er führt das Prinzip der Mitverantwortung ein.
Was sagen Sie zur Weigerung der Bundesregierung, das Yasuní-Projekt zu unterstützen?

Die Interviewte
María Fernanda Espinosa, 47, ist Ecuadors Ministerin für Kultur- und Naturerbe. Bereits als Außenministerin warb sie für die Yasuní-ITT-Initiative.
Foto: privat
Wir wissen, dass Regierungen nicht monolithisch sind. Wir haben in der Bundesregierung durchaus Unterstützer, Umweltminister Röttgen zum Beispiel und auch die Kanzlerin. Merkel kennt unsere Initiative und unterstützt uns. Die ersten Studien sind von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit finanziert worden. Der UN-Treuhandfonds war eine deutsche Idee - und wir haben ihn gemacht. Auch den Vorschlag, dass die Beitragszahler im Direktorium des Fonds vertreten sein sollten, haben wir umgesetzt. Und der Bundestag hat sich einstimmig für die Initiative ausgesprochen. Wir hoffen auf Bewegung in der Regierung. Wir haben einen großen Rückhalt in der deutschen Zivilgesellschaft.
Wie sieht es sonst in Europa aus?
2007 kündigte Ecuador an, kein Erdöl aus dem Yasuní-Nationalpark zu fördern, wenn die internationale Gemeinschaft das südamerikanische Land mit der Hälfte der entgangenen Einnahmen entschädigt.
So ließe sich der artenreiche Regenwald schützen und der Ausstoß von 407 Millionen Tonnen CO2 vermeiden.
Die Ausgleichszahlung von rund 3,6 Milliarden US-Dollar will Ecuador ausschließlich in ökologische Projekte investieren.
Die Finanzkrise hat auch das Projekt getroffen, denn unsere wichtigsten Partner sind ja Europäer. Spanien hat allen politischen Willen, aber schlichtweg kein Geld. Interessant wäre auch zu wissen, wie viel die Nato-Intervention in Libyen gekostet hat - es ist alles eine Frage der Prioritäten. Die Initiative wird so lange weiterlaufen, wie sie die Zivilgesellschaft am Leben hält.
Im Fernsehen hat Präsident Rafael Correa nicht ausgeschlossen, die Laufzeit der Initiative über 2011 hinaus zu verlängern.
So ist es. Der Präsident ist sich bewusst, dass sich die Logik ändern muss. Es geht nicht darum zu sagen: So viel zahlst du, so viel konservieren wir. Aber wir müssen auch pragmatisch sein.
Das heißt?
60 Prozent unseres Haushalts kommt aus den Erdöleinnahmen. Wir brauchen Alternativen. Wir sind ja gerade dabei, einen Wohlfahrtsstaat aufzubauen. Wie alle lateinamerikanischen Länder haben wir eine große soziale Schuld zu begleichen.
2013 wird in Ecuador gewählt. Es gibt Konflikte zwischen der Regierung einerseits und den Indígenas und der unabhängigen Linken andererseits. Was tun Sie dafür, damit das Yasuní-Projekt nicht in den Wahlkampf hineingezogen wird?
Wenn es etwas gibt, das uns und die Linke verbindet, dann ist es das Yasuní-Projekt. Die andauernden Spekulationen über einen Plan B führen zur Kritik an der Regierung. Das ist erfrischend, denn dadurch werden diese Gruppen zu Wächtern der Initiative. Hinzu kommt der Rückhalt der Bevölkerung. 80 Prozent der Ecuadorianer unterstützen das Projekt.
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Leserkommentare
22.09.2011 15:23 | Holger Fischer
Lieber Udo, ...
20.09.2011 16:05 | Udo Henn
Pragmatischer Gegenvorschlag: Wenn der Wald in Deutschland als so wichtig angesehen wird, kann man in Nordrhein-Westfalen, ...