piwik no script img

Kommentar Chirac Bananenrepublik Frankreich

Kommentar von

Rudolf Balmer

Das Ansehen des pensionierten Staatschefs Chirac soll nicht mit alten Geschichten befleckt werden. Dies verlangt offenbar die französische Staatsräson.

V on Gefälligkeit war mehrfach die Rede beim Prozess gegen den früheren französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac. Ihm und ehemaligen Mitarbeitern wurde nach langwierigen Ermittlungen vorgeworfen, jahrelang mit Gefälligkeitsjobs öffentliche Gelder der (damals von Chirac regierten) Stadt Paris unterschlagen zu haben.

Dass Vertreter der Anklage einen umfassenden Freispruch in allen Punkten und für alle Angeschuldigten verlangen, ist ohnehin schon selten. In Chiracs Fall aber wurde dieser Antrag in einer derart provozierenden Weise und fast im Widerspruch zu den Erkenntnissen des Ermittlungsdossiers und sogar der Aussagen von Nutznießern dieser Scheinanstellungen begründet, dass der Verdacht, da sei die Justiz einer Bananenrepublik am Werk, aufkommen muss.

Die Staatsräson verlangt offenbar, dass das Ansehen des pensionierten Staatschefs nicht mit solchen alten Geschichten befleckt wird. Der Unwille der staatlichen Anklage, gegen den früheren Staatschef ernsthaft vorzugehen, war dabei von Anfang an klar und bekannt. Die dem Justizministerium unterstellte Staatsanwaltschaft hatte eine Einstellung des letzten gegen Chirac noch anhängigen Verfahrens verlangt.

Rudolf Balmer

ist Frankreich-Korrespondent der taz.

Der Antrag auf völlige Rehabilitierung ist also nur logisch und dürfte ebenfalls der vorgesetzten Regierungsstelle gefallen, die sich in Frankreich oft nicht scheut, mit direkten Anweisungen den Anklagevertreter ihre Wünsche (oder Befehle?) zu übermitteln.

Dass es dabei mit der - in Frankreich erfundenen - Gewaltenteilung zwischen politischer Macht und Justiz nicht weit her ist, ist offensichtlich. Das diskreditiert das Rechtssystem ebenso wie die Politik, deren Exponenten trotz des Verfassungsgrundsatzes der "Egalité" offenbar gleicher sind als andere Bürger.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Rudolf Balmer Auslandskorrespondent Frankreich

Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft, gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien).
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • SB
    Siegfried Bosch

    Das zeigt wieder einmal, dass Deutschland sich nicht an Länder wie Frankreich, Italien oder Griechenland ketten sollte, nur weil sie zufälligerweise ebenfalls in dem Kontinent "Europa" liegen. Die Idee von "Vereinigten Staaten von Europa" ist auch deshalb so gefährlich, weil sie ungeprüft unterstellt, dass die Staaten Europas so ähnlich sind, dass eine Vereinigung vernünftig ist. Dem ist aber überhaupt nicht so.