Grundkurs Linientreue

Zwischen Marx und Cappuccino: An der Vatikanhochschule Gregoriana studieren Ordensleute und Laien aus aller Welt

Karol Wojtyła hat es heimlich getan. Der heutige Papst wollte als junger Mann an der Gregoriana studieren, wurde aber abgelehnt, weil sein polnischer Studienabschluss nicht ausreichte. Der junge Theologe, nach Rom gekommen, seine Doktorarbeit zu schreiben, meldete sich an der Dominikaneruniversität an – und schlich heimlich in die Gregoriana, um eine Vorlesung über Spiritualität zu besuchen.

Am besten betritt man die Gregoriana, wie damals vielleicht auch Wojtyła, durch die Hintertür der Caféteria, eines Raumes mit Steinfußboden und hohen Fenstern. Ein Ventilator bringt die hundert Nationalfähnchen an der Wand ins Flattern, hinter der Glasvitrine liegen Mortadellabrötchen, und die Studenten drängen an die Bar, um sich für sechzig Cent einen Cappuccino zu holen. An den Tischen parlieren polnische Theologiestudenten in römischem Kragen mit Nonnen aus Nigeria in leuchtend blauen Gewändern.

Im Unterschied zu deutschen Unis fällt auf, dass die meisten Studenten ordentlich gescheitelt sind, jeder vierte trägt zum schwarzen Hemd den weißen Klerikerkragen. Reinhard Demetz fällt da ein wenig aus der Reihe. Er trägt lange Rastalocken, Bart, Ohrring und ein afrikanisch-buntes T-Shirt. Der 22-Jährige studiert im vierten Jahr Theologie und schlendert gerade aus einer Vorlesung übers Judentum. „Ein Prof und zehn Studenten“, sagt er, „das sind doch wirklich gute Bedingungen, oder?“ Im Gegensatz zu den meisten will Demetz nicht Kleriker, sondern Laientheologe werden und wohnt statt in einem der vielen Kollegien zusammen mit seiner Freundin vierzig Kilometer außerhalb Roms, am Strandort Ladispoli, wo es große Zweizimmerwohnungen noch für 350 Euro gibt. „In Rom bekommt man dafür gerade mal ein Bett und eine Waschschüssel.“

„Pontifica Universitas Gregoriana“ steht in großen lateinischen Lettern über dem dreiflügeligen Portal. Wenn sie nur den Namen hören, setzen katholische Theologen in aller Welt ein ehrfürchtiges Gesicht auf – auch wenn Rastaman Demetz ein wenig lästert, dass der Ruf der „Greg“ umso größer werde, je weiter man von Rom entfernt sei. Dennoch: Die Gregoriana ist die älteste, angesehenste und größte unter den neun päpstlichen Universitäten in Rom. Sie liegt im Zentrum der Stadt, an der Piazza Pilota, nur wenige Schritte vom Trevibrunnen entfernt.

Holte sich Pius XII. noch nahezu alle Ratgeber direkt von der Gregoriana, fördert Johannes Paul II. eher konservative Universitäten wie die des Opus Dei. Späte Rache des Studenten Wojtyła? Dennoch halten die Jesuiten an der bedingungslosen Treue gegenüber dem Papst fest, zu der sie Ignatius von Loyola, der Gründer des Ordens und der Universität, einst verpflichtete. Vor allem in den Theologievorlesungen merkt man das noch heute, sagt Student Demetz. „Die legen hier schon einen besonderen Akzent auf Linientreue, vor allem in den Grundkursen.“ In den anderen Fächern merkt man aber keinen Unterschied. Dem Zulauf schadet’s nicht. Die Zahl der Immatrikulierten steigt ständig: 1980 gab es 2.300 Studenten, 1990 waren es 3.000 und im vorigen Jahr 3.500.

Im Hörsaal neben der Aula doziert an diesem Morgen Professor Johannes Füllenbach über „The Kingdom of God“. Die Fenster stehen weit offen, Vogelgezwitscher dringt herein. Füllenbach, 66, hat ursprünglich mal Gärtner gelernt. Während er doziert, läuft er auf dem knarzenden Podest auf und ab, an der Wand hinter ihm hängt ein zwei Meter großes Kruzifix, am Holzständer baumelt die vergilbte Landkarte des Imperium Romanum.

„Was ist Monolog?“, fragt Füllenbach, blickt auf die Studenten und zeichnet, als die Antwort auf sich warten lässt, eine Schwester Oberin an die Tafel, die einen Wortschwall auf eine vor ihr kniende Frau herablässt. Die sieben Nonnen im Hörsaal kichern. Füllenbach freut sich, dass seine Scherze die Aufmerksamkeit erhalten, und beschwört, dass Dialog keine Geste sei, sondern sich zwingend aus dem christlichen Menschenbild ergebe. „Dialog heißt bereit sein, dass der andere etwas sagt, was ich nicht weiß – das ist für manche Kirchenleute schwer zu akzeptieren.“

Eine schrille Schulglocke beendet die Doppelstunde. „Das war eine untypische Vorlesung“, sagt Markus Luber, „nicht so trocken. Man merkt gleich, dass der mit Befreiungstheologen Kontakt hat.“ Luber kommt aus Deutschland, hat in Eichstätt studiert und schreibt an der Gregoriana seine Doktorarbeit. Der Dreißigjährige trat vor fünf Jahren in den Jesuitenorden ein. Er wohnt nicht in einer günstigen Privatbude am Stadtrand, sondern zusammen mit fünfzig anderen Jesuitenzöglingen im Herzen Roms, im Collegio Internazionale Del Gesu. Vor fünfhundert Jahren hat sogar Ordensgründer Ignatius in diesem Kolleg gelebt. In einer Vitrine sind noch heute seine Hausschuhe ausgestellt.

Luber ist der einzige Deutsche hier, er wohnt in einem Zwanzig-Quadratmeter-Zimmer, auf dem Bett eine lila Tagesdecke, neben dem Notebook ein Wörterbuch Italienisch-Deutsch. Auf eine Freundin muss er als Jesuit verzichten. Pünktlich um zwölf trifft der Student seine Mitbrüder zum Mittagessen. Der Speisesaal ist ein lichtdurchfluteter Raum mit Blick auf die dunkelroten Wände des Innenhofs. Auf jedem Tisch steht eine Flasche Rotwein mit Gummiverschluss.

Bevor das Essen beginnt, schmettern die fünfzig Jesuitenzöglinge ein „Tanti auguri!“ für den Mitbruder, der heute Geburtstag hat. Es geht lustig zu am Tisch, und Markus Luber rechtfertigt schon bald feurig die deutsche Kirchensteuer, von der ein Mitbruder aus Malaysia gar nicht glauben kann, dass es so was gibt. Nach dem Mahl begeben sich die Studenten geschlossen einen Stock höher in den Rekreationsraum, lassen sich unter üppig barocken Deckengemälden in die Sessel fallen und genießen den Espresso, den zwei Kommilitonen servieren.

Zurück in der Gregoriana, wo Wiktor Gramatowski über das Archiv wacht: Der 72-jährige Pater spricht Polnisch, Italienisch, Englisch und Deutsch – leider nicht immer scharf getrennt. „Ah!“, entfährt es ihm beim Anblick einer ehrwürdigen Handschrift, „Bellarmin! Grande storico, want to see, hier bitte!“ Dabei strahlt der Pater hinter seiner Panzerglasbrille, als beschere allein die Berührung der alten Folianten Glück. In den Regalen stehen dicht gedrängt handgeschriebene Kopien des tridentischen Konzils, Werke des Kalenderreformers Clavius und von Anastasius Kircher, einem Universalgelehrten aus dem 17. Jahrhundert, zu dem Gramatowski einen 162 Seiten umfassenden Index erstellt hat. Nur zwei bis drei Studenten wagen sich jeden Tag ins Archiv, doch die mutigen nimmt Pater Gramatowski dann gern bei der Hand.

Im Archiv lagert auch die zweitgrößte Sammlung marxistischer Literatur der westlichen Welt, mehr als 33.000 Bücher und Zeitschriften, dicht gedrängt in Blechregalen. Gustav Wetter, der mittlerweile auf einem römischen Friedhof liegt, hat diesen Schatz zusammengetragen, um den Marxismus zu studieren – und dessen Voraussagen zu widerlegen. Sogar die Adenauerregierung war scharf auf seine Erkenntnisse. In einem kleinen Saal über der Bibliothek, die Luft ist stickig, das Neonlicht fahl, reihen sich in dunkelrotes Leder gebundene Prawda-Bände.

Johannes Ehrat, 50, hat in den Siebzigerjahren bei Wetter studiert, heute lehrt er Kommunikationswissenschaft an der Greg. Er sitzt in einem Büro vor leeren Regalen, kahlen Wänden und einem freigefegten Schreibtisch. „Für die Lateinamerikaner“, sagt er, „war Karl Marx damals ja der größte Kirchenlehrer.“ Während deutsche Theologen seit je Fragen wie „Existiert Gott?“ umtrieben, gehe es Theologen aus der Dritten Welt eher um Gerechtigkeit.

Einer der größten Vorzüge der Greg liegt für Ehrat darin, dass es nicht einen allein selig machenden akademischen Stil gebe. So beschäftigt sich eine seiner Doktorandinnen aus Uganda mit afrikanischen Sehweisen im Kinofilm, ein Student aus Zaire überprüft, inwieweit man mit dem Erzählen von Geschichten die Werte einer Gesellschaft prägen kann. „Solche Themen wären an deutschen Unis eher schwierig“, sagt Ehrat und blickt durchs Fenster auf das Gewölbe des Serapistempels. Ehrat hat auch sonst nicht viel gemein mit der Lebensweise eines Universitätsprofessors. Wie die meisten Jesuitenprofs wohnt er im Hauptgebäude der Greg, zwei Stockwerke über seinem Dienstzimmer, „Hasenställe“ nennt er diese Klausen. Statt eines richtigen Gehalts bezieht er als Ordensmitglied nur ein Taschengeld, zur Freude des Rektors, der den Unietat im Zaum halten muss.

Im ersten Stock über dem Hauptportal prangt ein goldenes Türschild mit der Aufschrift Rettore Magnifico, der Weg in sein Büro führt durch hohe, dunkle Holztüren, vorbei an einem Gemälde, von dem herab Ignatius von Loyola jeden Besucher kritisch mustert. Auf einem senfgelben Sofa wartet Rektor Franco Imoda, 65, und hört leise klassische Musik über die Homepage der Universität von Oregon. Der Psychologieprofessor ist ein kleiner, drahtiger Mann mit Bürstenhaarschnitt. Er klagt, dass die Greg vor allem Geldsorgen habe, weil immer seltener Ordensleute wie Ehrat Lehrstühle übernehmen. Zunehmend müssten Laienprofessoren bezahlt werden. Pater Imoda denkt darüber nach, zumindest die Studiengebühren für betuchte Studenten aus den USA weiter anzuheben. In Chicago, wo er selbst studiert habe, müsse man heute schon zwanzigtausend Dollar im Jahr bezahlen.

Natürlich registriert auch Imoda, dass die päpstliche Uni Jahr für Jahr weltlicher wird. Als er angefangen habe, studierten hier nur Priester und Ordensleute. Heute liegt der Laienanteil bei 22 Prozent, jeder fünfte Studierende ist eine Frau. Wird die Greg irgendwann mal eine Universität wie jede andere sein? Nein, nein, beteuert der Rektor, die Inhalte änderten sich vielleicht, aber die Grundfrage bleibe doch immer die gleiche: „Es geht darum, Wissenschaft und Theologie zu versöhnen.“