Duell ums Erz im wilden Osten

Die Zeit der Kriegsfürsten vergeht, es kommt die Zeit der Intrigen. Deutsche und Österreicher sind die Hauptprotagonisten im neuesten Kampf um Macht und Reichtum im kriegsverwüsteten Osten der Demokratischen Republik Kongo. Das Objekt der Begierde: das einzige industriell betriebene Bergwerk des ehemaligen Rebellengebiets im Kongo – die Pyrochlormine von Lueshe. Die Rivalen: Karl-Heinz Albers, deutscher Minenbetreiber; und Michael Krall, österreichischer Bergbaumagnat. Albers sitzt heute in der einstigen Rebellenhauptstadt Goma unter Hausarrest. Krall hat in Deutschland Anzeige gegen Albers wegen Völkermordes erstattet.

Die Mine Lueshe liegt tief in der ostkongolesischen Provinz Nordkivu, rund 180 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Goma am Ende einer sehr schlechten und unsicheren Straße, die lange nur mit Militäreskorte passierbar war. Die potenziell lukrativste Bergbaustätte des Ostkongo birgt das Erz Pyrochlor, das zu großen Teilen aus dem aus der modernen Waffen- und Raumfahrttechnologie nicht mehr wegzudenkenden Niobium besteht (siehe Kasten). Außer im Kongo gibt es das Erz in nennenswerten Mengen nur noch in Brasilien und Kanada.

Die „befreite“ Mine

Die verschlungene Geschichte von Lueshe beginnt 1982, als das damalige Zaire zur Ausbeutung der Mine die „Société Minière du Kivu“ (Somikivu) gründete. 70 Prozent der Anteile hielt die Nürnberger „Gesellschaft für Elektrometallurgie“ (GfE). Bis 1993 förderte die Mine rund 1.100 Tonnen Pyrochlor pro Jahr. Im Juli 1993, als in Nordkivu erste ethnische Vertreibungskriege wüteten, stellte Somikivu die Produktion ein. Die GfE ließ sich mit deutschen Hermes-Bürgschaften in Millionenhöhe entschädigen, hat aber ihre Anteile bis heute behalten. Der Somikivu-Techniker Karl-Heinz Albers blieb als „delegierter Geschäftsführer“ in der Region.

Als 1997 Laurent Kabila an der Spitze einer Rebellion die Mobutu-Diktatur stürzte und aus Zaire die Demokratische Republik Kongo machte, wollte die Somikivu die Förderung in Lueshe wieder aufnehmen. Trotz mehrerer schriftlicher Bitten wollten Kongos Herren aber nicht. Weil Lueshe stillliegt, verkündete Kabilas Bergbauminister Kibassa am 16. Mai 1998, habe die Somikivu „stillschweigend auf ihre Rechte verzichtet“, und man werde „die Mine Lueshe befreien und vorher die Somikivu auflösen“.

Kabilas „Befreiung“ der Mine ähnelte dem üblichen ruppigen Geschäftsgebaren im Kongo in dieser Zeit. Im Falle Somikivu liebäugelte Kabila mit der österreichischen Krall-Gruppe, die anders als die GfE auch an anderen kongolesischen Reichtümern interessiert war. Insgesamt machte sich im Bergbausektor das Faustrecht breit. Als ab August 1998 eine neue, von Ruanda unterstützte Rebellenbewegung im Osten des Landes auftauchte, die „Kongolesische Sammlung für Demokratie“ (RCD), genoss sie daher die Unterstützung vieler enteigneter Bergbauunternehmer. Auch Albers gehörte dazu.

Nach der Schließung von Lueshe hatte die GfE sich von Albers getrennt. Er blieb aber Geschäftsführer der Somikivu und entwickelte sich zugleich zum selbstständigen Minerialienhändler. Albers’ Firma Masingiro wurde bis 2000 über ihren lokalen Partner GBC zu einem der größten Exporteure von Coltan im Kongo, zeitweise das wichtigste Exportprodukt der RCD-Rebellen.

Am 14. Juli 2000 nahm die Somikivu unter ihrem Geschäftsführer Albers auch die Pyrochlorförderung in Lueshe offiziell wieder auf. In einer Gegend, wo ständig Milizen umherzogen und ein Großteil der einheimischen Bevölkerung vertrieben war, entstanden immerhin 300 bezahlte Arbeitsplätze und ein Geflecht von Sozialeinrichtungen und Subunternehmen. Erste Flüchtlinge kehrten in ihre Heimat zurück. Nach den Statistiken der Provinzregierung von Nordkivu förderte die Mine 2001 knapp 691 Tonnen Pyrochlor, 2002 knapp 1.346 Tonnen – RCD-Bergbauminister Nestor Kiyimbi sprach sogar von monatlich 270 Tonnen Pyrochlorexporten aus Lueshe an die GfE im Wert von 675.000 Dollar. Ein kleines Wirtschaftswunder mitten im Krieg.

Aber in der Hauptstadt Kinshasa waren andere am Zuge. Bergbauminister Kibassa annullierte die Somikivu-Konzession in Lueshe endgültig am 6. April 1999. Am 15. November gewährte Präsident Kabila der zur Krall-Gruppe gehörenden „Edith Krall Consulting“ nicht nur die Konzession Lueshe, sondern auch ein Alleinrecht auf Bergbauprospektion in einem großen Teil der Provinz Nordkivu. Die Gruppe der Österreicher Michael und Edith Krall hält in Uganda eine Kupferschmelze, im Süden des Kongo Diamantenkonzessionen. Für Lueshe begann Krall sich eher zufällig zu interessieren, als nach der Stilllegung der Mine 1993 der deutsche Somikivu-Techniker Karl-Heinz Kelb zu Besuch nach Uganda kam.

So gibt es seit 1999 zwei widersprechende Eigentumstitel für Ostkongos größte funktionierende Mine: die von 1982 mit den Deutschen und die von 1999 mit den Österreichern. Beide tragen den Status einer „Convention Minière“, die nur in beiderseitigem Einvernehmen gekündigt oder verändert werden kann. Da liegt auch schon das Problem. Die von 1982 ist formell noch in Kraft. Die von 1999 entstand mitten in einem Krieg und betraf ein bereits vergebenes Gebiet, das der kongolesische Partner nicht kontrollierte und dessen Kontrolle Präsident Kabila im ersten Kongo-Friedensvertrag von Lusaka vom Juli 1999 bereits den Rebellen zugestanden hatte.

Legal, illegal, im Krieg egal

Für Albers gibt es daher keinen Eigentumsstreit. „Die Convention Minière ist in Beton gegossen“, sagt er. „Es bestreitet niemand die Rechte, die wir haben. Die Convention kann nur durch einen Parlamentsbeschluss wieder aufgehoben werden. Das wäre dann ein einseitiger Akt, und dann geht’s zur Arbitrage.“ Die Somikivu arbeite in Lueshe weiter und zahle Gehälter, Steuern und Abgaben. Für Krall gibt es auch keinen Eigentumsstreit. „Rechtlich muss nichts geklärt werden“, erklärt Krall-Anwalt Thomas Eggenburg: „Die Mine gehört Krall, Ende.“ Die Somikivu existiere schließlich seit 1999 juristisch nicht mehr; Albers’Aktivitäten seien illegal.

Legal, illegal – solange Krieg herrschte, war das egal. Der Kongo war geteilt, im Osten galten Dekrete aus Kinshasa nicht. Glaubt man Krall, ermordete Albers sogar Krall-Emissäre – eine der Grundlagen für seine Anzeige gegen Albers in Deutschland. „Was Albers gemacht hat, reicht für 500 Jahre Gefängnis“, findet Eggenburg.

Erst mit Frieden im Kongo konnte der Rechtsstreit voll ausbrechen. Im Juli 2003 bildeten Kongos Kriegsparteien gemeinsam in Kinshasa eine Allparteienregierung und erklärten das Land für wiedervereinigt. Die neue Regierung übernahm einen Scherbenhaufen. Wenn erst Mobutu, dann Kabila und später die Rebellen unterschiedliche Verträge über dieselben Rohstoffvorkommen abschließen – welche sind heute gültig?

Da hilft nur Lobbyarbeit. Krall reiste nach Kinshasa, um der neuen Regierung seine Besitzansprüche zu erklären und Investitionen zu versprechen, sollte man ihm die Mine geben. Krall-Anwalt Eggenburg dementiert, dass die Krall-Delegation zur Untermauerung ihrer Forderungen in Kinshasa eine halbe Million Dollar ausgegeben habe: Man habe „eigentlich“ nichts gezahlt, und auch die Ausgaben hätten sich nur auf „ein paar hunderttausend“ summiert – im Kongo (jährliches Prokopfeinkommen unter 100 Dollar) komme man halt beim Restaurantbesuch „unter 800 Dollar nicht raus“.

Es nützte wenig. Die zuständigen Ministerien in Kinshasa bestätigten den Eigentumstitel der Somikivu. Dabei sprang die deutsche Regierung Albers bei, der nach wie vor wegen angeblich illegaler Rohstoffgeschäfte am Pranger der UNO steht. Als Doretta Loschelder, Botschafterin in Kinshasa, der Aufforderung aus Berlin nachkam, für Albers einzutreten, schrieb Krall ihr einen wütenden Brief über „Ihre unangebrachte Intervention bei den kongolesischen Behörden“ und drohte, er werde den dadurch verursachten Schaden „gegenüber der Bundesrepublik Deutschland geltend machen“.

Mehr Glück hatte Krall in Goma. Die lokalen Rebellenbehörden ließen sich davon überzeugen, dass Albers ein Gangster ist – nachdem sie jahrelang mit ihm zusammengearbeitet hatten. Am 15. Januar 2004 nahmen sie Albers’ deutschen Techniker vor Ort, Johannes Wontka, wegen „Plünderung natürlicher Ressourcen“ fest. Bis heute sitzt Wontka unter Hausarrest. Als Albers am 27. Januar anreiste, nahm man auch ihm die Papiere ab. Der Frieden erweist sich für die Deutschen im Ostkongo als gefährlicher als der Krieg.

Albers’ Festsetzung in Goma hat noch einen anderen Hintergrund. Im Januar 2003 starb einer seiner engsten kongolesischen Mitarbeiter im Coltanhandel, Paul R., bei einem Autounfall in Uganda. Eine auf ihn laufende Lebensversicherung über 87.500 Euro wurde ausbezahlt – an Albers. Das Geld ist seitdem weg.

Die geschlossene Mine

Die Parteinahme der Provinzregierung von Nordkivu für Krall ist allerdings weniger ein Akt der Freundschaft gegenüber Österreich als ein Akt der Aufsässigkeit gegenüber Kinshasa. Provinzgouverneur Eugène Serufuli gilt als heimlicher Rebell gegen die neue Friedensordnung. Wie alle Provinzregierungen der ehemaligen Rebellengebiete sträubt er sich, seine Einnahmen an die Zentralregierung abzuführen, und verlangt weiterhin Abgaben von den auf seinem Gebiet tätigen Unternehmen. „Gekasper“ nennt das Albers: „Wir können nicht in Goma zahlen, wenn Kinshasa sagt, dass wir auch dort zahlen müssen.“

Schon letztes Jahr stoppte Albers daher die Pyrochlorexporte aus Lueshe. Die letzte Lieferung von 21,6 Tonnen gab es im Oktober – von Somikivu an Masingiro, also sozusagen von Albers an Albers. Seitdem ist Schluss. Weil Exportstopp herrscht, werden auch keine Gehälter oder Lieferanten mehr bezahlt. Ausstehende Rechnungen bis heute: über eine halbe Million Dollar. In die Enge getrieben, stellte der Deutsche die Förderung in Lueshe im Januar komplett ein. Die Mine, die in Kongos Krieg wieder auferstand, überlebt Kongos Frieden nicht.