Sendungsbewusst

Vor fünf Jahren ging Richard Dill nach Priština, um dort einen Radiosender aufzubauen. Seine Erfahrungen legt der ARD-Mann nun in einem Buch vor

Wer sich 1999 in Priština aufhielt, musste auf alles gefasst sein: „Du gehst auf der Straße. Ein kleiner Junge fragt dich nach der Uhrzeit, auf Serbisch. Du willst freundlich sein, antwortest auf Serbisch. Peng, Kopfschuss.“ So erinnert sich der Journalist Richard Dill. Das war die Zeit der Gründung von „RTK – Radio Television Kosovo“. „Kosovo“ heißt es auf Serbisch, auf Albanisch „Kosova“. Ein kleiner, aber bedeutsamer Unterschied. Die Vereinten Nationen (UN) gingen vom Fortbestand der serbischen Föderation aus, also „o“. Die Albaner hatten die Serben verjagt, also „a“. Wer „o“ sagte, war ein Feind oder Verräter.

Schicksalsfrage

Ohne Verständigung ist die menschliche Koexistenz nicht zu schaffen. Der Aufbau eines kosovarischen Rundfunks, der in Albanisch und Serbisch sendet, wurde zu einer Schicksalsfrage. Bernard Kouchner, Kosovo-Beauftragter der UN, sagte damals: „Ich brauche den Rundfunk. Ich muss mit den Menschen reden können.“ Gründungsbeauftragter des neuen Radiosenders wurde ein pensionierter Rundfunkmann aus Deutschland, Richard Dill, der die ARD von 1965 bis 1996 als Auslandskoordinator in der „EBU – European Broadcasting Union“ vertreten hatte. Er legt seine Erfahrungen aus dem Kosovo nun in einem Buch vor.

Dill musste klein anfangen, mit 40 Mitarbeitern. US Aid, die amerikanische Behörde für Entwicklungs- und Nothilfe, gab kein Geld dazu. An die 1.000 albanische Rundfunkmacher, zuvor von den Serben vertrieben, hofften auf eine Wiedereinstellung. Ihr Sprecher Petar meinte zu Dill: „Wir erlauben nicht, dass du hier sendest. Wir verlangen, dass ihr nach Hause geschickt werdet, und wir unseren eigenen Sender betreiben, wie wir wollen. Serben oder Serbisch wird es bei uns natürlich nicht geben.“ Unmittelbar vor Sendebeginn fragte ihn Dill: „Was ist, wirst du mich morgen in die Luft sprengen?“ Petar: „Weiß ich noch nicht. Bei unserer internen Abstimmung war immer noch die Mehrheit gegen den Programmstart. Aber ich denke, es wird nicht zur Gewaltanwendung kommen.“

Nach zwei Jahren ging RTK in kosovarische Hände über. Monate später kam Richard Dill erneut in den Kosovo, um ein Seminar für Journalisten abzuhalten. Vibrierend vor Empörung seien die Redakteure erschienen, erinnert er sich. Und dass Kouchner eine Zeitung gemaßregelt habe, die einem Serben, der für die UN arbeitete, die Beteiligung an Kriegsverbrechen zugeschrieben hatte. „Wenige Tage später war der Mann erschossen“, schreibt Dill. „Bei den Journalisten keinerlei Betroffenheit, sie hätten doch investigativen Journalismus der Aufklärung betrieben. Für die Folgen sei man nicht verantwortlich.“ Hierin erkennt Richard Dill jedoch einen Fortschritt: „Vor einem Jahr haben sie unsere Seminare schweigend über sich hinwegrieseln lassen. Jetzt reden sie schon mit uns über das, was sie tatsächlich empfinden.“

Anlass zur Hoffnung

Richard Dill hat seine ganze Kraft und Erfahrung in den Kosovo eingebracht und im Rückblick ein persönliches und ehrliches Buch geschrieben. Seine Darstellung, wie sich alle Partikularinteressen gegen den unabhängigen Rundfunk richten, ist entmutigend. Seine Tricks aber, mit denen er diesen Rundfunk gegen alle Widrigkeiten durchsetzte, sind anregend und geben Anlass zur Hoffnung.