„Für viele Türken kein Thema“

Dogan Akhanli führt Jugendliche türkischer Herkunft durch das Kölner EL-DE-Haus. Er möchte damit zum Verständnis nicht nur der deutschen, sondern auch der türkischen Vergangenheit beitragen

taz: Herr Akhanli, warum führt ein Deutscher türkischer Herkunft seit einem Jahr Jugendliche türkischer Herkunft durch das Kölner EL-DE-Haus?

Dogan Akhanli: Ich habe die Türkei verlassen, weil ich dort politisch verfolgt wurde. Ich saß im Gefängnis, wurde gefoltert. In Deutschland fühlte ich mich frei. Mit der deutschen Vergangenheit wurde ich konfrontiert, als ich vor sechs Jahren mit meiner Tochter den Film „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni gesehen hatte. Als wir danach auf der Straße standen, sagte meine damals 9 Jahre alte Tochter drei Sätze: „Das Leben ist überhaupt nicht schön. Die Eltern von Wolfgang haben bestimmt nicht mitgemacht. Ein Glück, dass wir keine Deutschen sind.“ Was die Eltern von Wolfgang, bei dem wir damals lebten, betrifft: Die haben nicht mitgemacht. Und wir sind zwar keine Deutschen, sagte ich meiner Tochter, aber auch die Türken müssen sich für einen Genozid verantworten: den an den Armeniern. Der ist für die meisten Türken kein Thema, viele wissen nichts davon. Damit begann meine Beschäftigung mit der deutschen Geschichte, die ich bis dahin nur aus Büchern kannte. Und ich stellte fest, welche Mühe sich die Deutschen in der Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte machen.

Und so kamen sie zum EL-DE-Haus...

Ja, nachdem ich eine Studienfahrt ins Konzentrations- und Todeslager Majdanek gemacht habe. Man unterstellt der deutschen Gesellschaft heute wieder Rassismus – in Majdanek kann jeder sehen, wohin Rassismus führt. Sich an so einem Ort mit der Vergangenheit zu beschäftigen, ist der einzige Weg, eine Wiederholung zu verhindern.

Die Teilnahme an einer Führung durchs EL-DE-Haus als eine Möglichkeit zur Integration in die deutsche Gesellschaft?

Eine schöne Idee. Aber so geht das natürlich nicht. Doch wir – damit meine ich jetzt alle mit Migrationshintergrund, egal ob deutsche Staatsbürger oder nicht – sind Teil dieser Gesellschaft. Deshalb müssen wir uns mit der deutschen Geschichte auseinander setzen. Das hilft auch, sich mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen. Für Türken heißt das: mit dem Völkermord an den Armeniern 1915 und der Gewalt und den Folterungen, die es bis heute in türkischen Gefängnissen gibt. Das EL-DE-Haus mit seinen engen Gefangenenzellen kann helfen. Übrigen vermisse ich in deutschen Geschichtsbüchern den Hinweis auf den Völkermord in Armenien. Nicht nur, weil damals das Deutsche Reich darin verwickelt war, sondern auch, weil türkische Jugendliche in Deutschland zur Schule gehen und hier etwas über ihren Ursprung erfahren müssen.

Erzählen Sie während der Führungen auch Ihre eigene Geschichte?

Ich sage, dass ich im Gefängnis saß und gefoltert wurde. Das reicht. Ich erlebe immer wieder, dass viele türkische Jugendliche erst in dieser Atmosphäre akzeptieren, dass auch „ihr“ Staat, die Türkei, eine dunkle Vergangenheit hat, mit der man sich auseinander setzen muss, um seine eigene Identität zu finden.

Relativieren Sie nicht dadurch den Holocaust?

Nein, der Holocaust ist einzigartig. Aber ich bewundere die Deutschen, sie stellen sich wie kein anderes Land auch den negativen Seiten ihrer Geschichte.

Beobachten sie auch den viel diskutierten neuen islamischen Antisemitismus?

Im Osmanischen Reich gab es keinen offiziellen Antisemitismus, wohl aber – seit ihrer Gründung – in der türkischen Republik. Insofern ist das nichts Neues. Unsere Führungen durchs EL-DE-Haus helfen, dieses Tabu anzusprechen. Und über diesen „neuen“ Antisemitismus gibt es immer wieder heftige Diskussionen. Es ist gut, darüber zu reden. Eine Führung allein jedoch kann das Problem nicht lösen.