„Alle Mächt den Räten!“

Vor 85 Jahren wurde die Räterepublik Bremen auf SPD-Befehl niedergeschlagen. Rote Fahnen auf dem Rathaus, der Marktplatz voller Arbeiter und Arbeiterinnen, die ihre Lebensverhältnisse selbst in die Hand nehmen wollen

24 Soldaten, 28 Arbeiter und weitere 18 an den Kämpfen unbeteiligte Männer, fünf Frauen und sechs Kinder starben in Bremen am 4. Februar vor 85 Jahren. An diesem Tag wurde die Bremer Räterepublik mit einem von der Regierung veranlassten Militärschlag endgültig Geschichte. Dabei hatte sich die Räterepublik wenige Tage zuvor bereits formal selbst erledigt, als der Arbeiter- und Soldatenrat Wahlen zu einer Volksvertretung zugestimmt hatte. Die Wahlen waren eine Forderung des Bremer Bürgertums – das in Verwaltung und Justiz nach wie vor stark vertreten war.

Seit dem Ausbruch der Revolution am 6. November 1918 hatte es in Bremen ein Nebeneinander von bürgerlichen Organen und Arbeiter- und Soldatenräten gegeben. Zwar wurde am 7. November 1918 ein Arbeiter- und Soldatenrat gewählt, doch ausgerufen wurde die Räterepublik erst zwei Monate später, am 10. Januar 1919 vom Balkon des Bremer Rathauses. „Die beste Regierungsform für das Proletariat ist das Rätesystem“, so damals der Sozialist Adam Frasunkiewicz voller Hoffnung.

Der Revolutionär auf dem Balkon: „Die beste Regierungsform für das Proletariat ist das Rätesystem.“

Während in Berlin Reichskanzler Friedrich Ebert (SPD) „Ruhe und Ordnung“ als erste Bürgerpflichten propagierte, fühlte man sich in Bremen trotz der revolutionären Umtriebe sicher. Die Machtübernahme verlief unblutig, aber auch deutlich erfolgloser als beim Vorbild der russischen Oktoberrevolution. Schon nach einer Woche sperrten die Banken, die ungestört ihren Geschäften nachgehen durften, der Räterepublik den Kredit. Die Bremer Revolutionäre waren obendrein isoliert, nachdem mit der Liquidierung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 der Spartakus-Aufstand in Berlin niedergeschlagen worden war.

Dennoch statuierte die Reichsregierung an den Bremer Revolutionären ein Exempel – waren sie doch nach den Münchnern am erfolgreichsten mit dem Versuch gewesen, in Deutschland einen sozialistischen Rätestaat zu gründen. Das Ziel: eine Welt ohne Kapitalismus und Imperialismus. Bremen galt außerdem als kommunistische Hochburg: Noch vor Gründung der KPD Ende 1918 gab es hier die „Internationalen Kommunisten Deutschlands“, die später in der KPD aufgingen, und mit der „Bremer Bürgerzeitung“ (BBZ) ein wichtiges kommunistisches Organ, in dem auch Rosa Luxemburg, Karl Radek und Franz Mehring veröffentlichten.

Gründe genug für die Regierung, den „Bremer Sonderweg“ zu beenden, der für Friedrich Ebert „längst zu einer Prestigesache geworden“ (Weserzeitung, 2.2.1919) war. Auch auf Bitten der bürgerlichen Kreise in der Hansestadt ließ der als „Bluthund“ bezeichnete SPD-Reichswehrminster Gustav Noske auf Bremen marschieren. Militärisch waren die Revolutionäre weit unterlegen. Seine Begründung: „Bei unseren Überlegungen kamen wir zu dem Resultat, wenn Bremen nicht in Ordnung gebracht werde, könne die Regierung sich als erledigt betrachten, weil niemand sie respektiere.“

So endete nach drei Monaten die Zeit der Räte – mit über 80 Toten und dem Verbot der Zeitung „Der Kommunist“. Die überlebenden Revolutionäre flohen oder wurden verhaftet. Damit waren die Bremer noch glimpflich davon gekommen: In München starben weit über 1.000 Arbeiter und Arbeiterinnen, nachdem es dort im April 1919 einen weiteren Versuch gegeben hatte, einen Rätestaat einzuführen. Standgerichte ließen binnen weniger Tage die Köpfe der Bewegung exekutieren. Die Arbeiterbewegung in Deutschland war vernichtend geschlagen worden.