Unter deutscher Leitung

„Kauft nicht in jüdischen Warenhäusern“: Vor 70 Jahren ordneten die Nazis in Hamburg den antisemitischen Boykott an. „Arische“ Unternehmer entließen jüdische Beschäftigte

„Der Judenboykott beginnt – Morgen Schlag 10 Uhr!“ verlangte das Hamburger Tageblatt am 31. März 1933. Die Tageszeitung der Hitler-Diktatur veröffentlichte Richtlinien für den Boykott von Geschäften mit jüdischen Besitzern, auch die Praxen von Ärzten und Rechtsanwälten sollten unter Druck gesetzt werden. Das „Zentralkomitee zur Abwehr jüdischer Greuel- und Boykott-Propaganda“ publizierte eine 14 Punkte umfassende Anordnung, in der es unter Ziffer 11 hieß, dass es am Abend des 31. März 1933 Massenkundgebungen und Demonstrationen gegen die Juden geben solle. An den Ladentüren der boykottierten Geschäfte war das Aufstellen von Tafeln mit einem gelben Fleck vorgesehen. Lastautos oder Möbelwagen sollten u. a. mit folgenden Transparenten durch die Straßen rollen: „Kauft nicht in jüdischen Warenhäusern“ oder „Die Juden sind unser Unglück!“

„Deutsche Geschäftsleute“ sollten, so die Aufforderung, durch Spenden die Boykottbewegung finanzieren. „Schlagt den Weltfeind“ überschrieb der „Leiter der deutschen Boykottbewegung“ und Herausgeber des antisemitischen Blattes Der Stürmer, Julius Streicher, einen Hetzartikel, der auch im Hamburger Tageblatt erschien. Hamburgs brauner Innensenator Alfred Richter forderte von den „arischen“ Unternehmern in Hamburg, sie sollten auf einem Plakat an ihren Verkaufseinrichtungen versichern, „daß das Geschäft kein jüdisches Unternehmen ist, daß in ihm keine jüdischen Angestellten beschäftigt werden und daß es frei von jüdischem Kapital ist“. Falsche Angaben sollten dazu führen, dass der Laden umgehend geschlossen würde.

Zahlreiche Ladeninhaber befolgten diese Anordnung der NS-Polizeibehörde, für die es keine gesetzliche Grundlage gab. In Erklärungen und Zeitungsanzeigen überboten sich „arische“ Geschäftsleute in ihren Bekenntnissen. Die Schuhfabrik „Salamander“ betonte, dass sie „unter deutscher Leitung steht, nur deutsches Material verbraucht und nur deutschen Arbeitern Lohn und Brot gibt“ und der Drogeriegroßhändler Iwan Budnikowsky verkündete ebenfalls im Tageblatt, er sei in Perleberg geboren, evangelisch-lutherisch und preußischer Staatsangehöriger und wolle durch seine Stellungnahme „falschen Gerüchten über meine Person begegnen“.

Als Zeitzeugin schrieb die frühere Lehrerin Luise Solmitz am 1. April 1933 in ihr Tagebuch: „Häßliche rote Plakate kennzeichnen die jüdischen Läden, ‚Kauft nicht beim Juden‘ usw. Manche Scheiben mit roter Ölfarbe beschmiert: ‚Achtung, Juden!‘ Viele Geschäfte bezeichnen sich als ‚altchristlich‘ ... Man schämte sich vor jedem bekleisterten Geschäft und vor jedem Juden.“

Drogeriegroßhändler Iwan Budnikowsky versicherte, er sei evangelisch-lutherisch und preußisch

Mit deutscher Gründlichkeit und Pünktlichkeit marschierten die Braunhemden der SA (Sturm-Abteilung der NSDAP) am 1. April 1933 vor Geschäften und Praxen auf, die jüdischen Besitzern gehörten. Sie sollten mögliche Kundinnen und Kunden davon abhalten, in den boykottierten Läden einzukaufen. Die SA-Posten waren besonders in der Innenstadt aufmarschiert, aber auch am Steindamm in St. Georg wollten sie Käufer daran hindern, Geschäfte zu betreten, die Juden gehörten. Bis zum Jahre 1938 „arisierten“ oder liquidierten die braunen Machthaber elf Geschäfte oder Betriebe, die sich im Steindamm befanden.

Die Karstadt AG entließ zum 1. April 1933 sämtliche jüdischen Angestellten fristlos, weil sie „keine vollwertigen und gleichberechtigten Staatsbürger“ seien und daher auch „keine vollwertigen Mitarbeiter“ mehr sein könnten. Sechs jüdische Aufsichtsratsmitglieder traten zurück, um die Entlassungen nicht billigen zu müssen. Die Deutsch-Südamerikanische Bank warf bis August 1933 sämtliche jüdischen Angestellten hinaus. Ihr Vorsitzender war Hermann Victor Hübbe, Mitglied der Hitler-Partei seit 1931. Kuze Zeit später wurde er Präses der Handelskammer, die ab 1935 „Gauwirtschaftskammer“ hieß. Bereits 1933 mussten aus der Handelskammer 17 Mitglieder ausscheiden, dazu gehörten sämtliche jüdischen oder „halbjüdischen“ Personen.

Der Intendant des Deutschen Schauspielhauses, Karl Wüstenhagen, entließ im Frühjahr 1933 jüdische Schauspieler, am 31. März 1933 mussten jüdische und politisch links orientierte Lehrer die Schulen verlassen.

Der Schlosser Dagobert Biermann – Vater des Liedermachers Wolf Biermann – wohnte damals in St. Georg. Dort verhafteten ihn die Faschisten im Mai 1933, weil er mit anderen Widerstandskämpfern die illegale Zeitung der KPD, die Hamburger Volkszeitung herausgegeben hatte. Biermann wurde mehrmals zu Haftstrafen verurteilt, schließlich ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort 1943 ermordet.

Im Jahre 1933 lebten nach den Angaben der Volkszählung in den damaligen Städten Hamburg, Altona, Harburg und Wandsbek 19.410 Juden (1,2 Prozent am Anteil der Gesamtbevölkerung), nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur im Mai 1945 waren es 650.

Der Künstler und Schriftsteller Ari Goral-Sternheim kommentierte drei Jahrzehnte später in seiner Publikation „Im Schatten der Synagoge“ die Ereignisse: „Nach dem 1. April 1933, dem Judenboykottag, wurde deutlich genug, dass die Öffentlichkeit alle Aktionen hinnehmen würde, die sich gegen die Juden richteten. Es konnte nur eine Konsequenz noch geben: von Deutschland und der Emanzipation Abschied zu nehmen. Aber wer wollte und konnte diese Konsequenz ziehen? Die Masse der Juden glaubte immer noch, daß sie die politische Kultur im Land der Dichter und Denker doch noch durchsetzen würde.“