„Die Vorsehung war gnädig mit mir“

Fermin Rocker: Anarchistenkind, Exilant, Zeichner. Erst als Pensionär begann er zu werden, was er immer sein wollte: ein Maler. Ein Portrait

Er hat graue, noch recht dichte Haare. Trägt einen roten Pullover und darüber eine blaue Strickjacke, denn alte Menschen frieren leichter, und in London ist es für diese Jahreszeit recht kühl. Dass er eben 95 Jahre alt geworden ist, sieht man ihm nicht an.

Fermin Rocker wurde 1907 im Londoner Stadtteil Stepney geboren. Sein Vater war Rudolf Rocker, der Anarchist aus Mainz, seine Mutter Milly Witkop stammte aus einer jüdischen Familie in der Ukraine. Wegen seiner politischen Überzeugungen musste Rocker senior 1892 aus Deutschland fliehen, zunächst nach Paris, zwei Jahre später nach London. Milly Witkop kam im selben Jahr nach London, um die Emigration ihrer Familie vorzubereiten. Beide lernten sich bei der Arbeit für eine anarchistische Gruppe kennen. Rudolf Rocker organisierte die jüdischen TextilarbeiterInnen im East End und gab eine jüdische Zeitung heraus, den Arbaiter Fraind.

Fermin ist ein merkwürdiger Name für den Sohn eines Deutschen und einer Ukrainerin, der in London geboren ist. „Ein Freund meines Vaters hieß Fermin Salvochea und stammte aus einer reichen Familie. Er war sogar Bürgermeister von Cadiz, aber er gab sein ganzes Geld der anarchistischen Bewegung. Nach ihm bin ich benannt.“

Rocker spricht akzentfrei deutsch, er benutzt eine gewählte, manchmal altmodische Ausdrucksweise, weil er die Sprache nur noch selten benutzt, denn mit seinem Sohn und dessen Familie spricht er Englisch. Er kann nicht mehr so gut laufen und hört etwas schwer, aber ansonsten ist er erstaunlich agil.

Das kleine Wohnzimmer in seiner Londoner Wohnung ist mit einem Tisch, ein paar Stühlen und einem Sofa recht voll gestellt. Zwei Bilder zeigen die Familie bei der Hausmusik, auf einem großformatigen Bild aus dem Jahr 1937 sind sein Vater, seine Mutter und sein Halbbruder porträtiert.

„Mein Halbbruder Rudolph war mein erster Zeichenlehrer“, sagt Rocker. „Er war mehr ein Onkel als ein Bruder, denn er war vierzehn Jahre älter als ich. Als ich aufwuchs, war man besonders in ärmeren Kreisen auf einen festen Beruf bedacht. Man sah es aber gerne, wenn ein Kind Talent zeigte.“

Und Talent hatte er. Nachdem die Familie 1918 aus England ausgewiesen und nach Berlin gezogen war, machte Fermin Rocker eine Lehre als Lithograf und besuchte abends die Städtische Kunstgewerbeschule am Schlesischen Tor. „Mein Lieblingskünstler ist Daumier“, sagt er. „Er war Lithograf. Das wollte ich auch werden.“ Rockers Frühwerk besteht aus Skizzen, Aquarellen und grafischen Arbeiten.

Im Haus seiner Eltern im Berliner Bezirk Neukölln lernte Rocker die meisten bedeutenden Anarchisten kennen – Kropotkin und Malatesta, Augustin Souchy, Emma Goldman und Alexander Berkman, Erich Mühsam, Nestor Machno und Buenaventura Durruti. 1929 begleitete er seinen Vater auf eine Vortragsreise durch die USA. „Ich hatte keine besonderen Pläne“, sagt er. Er blieb vierzig Jahre in den USA.

Als die Nazis an die Macht kamen, flohen die Eltern aus Berlin, zunächst nach Süddeutschland, dann folgten sie ihrem Sohn Fermin nach New York. „Meine Mutter war Jüdin, und meinem Vater wäre es wegen seiner Politik auch sehr dreckig ergangen“, sagt Rocker.

Rocker erzählt die Geschichten von früher, als hätten sie sich jüngst zugetragen: „Mühsam und mein Vater waren sehr verschiedene Menschen, aber beide waren Romantiker. Mühsam war mehr Dichter, mein Vater mehr Politiker, und er war von einer Nüchternheit, die dem Arbeiter eigen ist. Er stammte aus einer Proletarierfamilie und war Buchbinder. Viele Anarchisten verwarfen die Gewerkschaftsarbeit, weil sie die Revolution hinausschieben könnte, doch mein Vater war der Meinung, dass man das Leben heute so erträglich wie möglich machen müsse.“

Fermins Eltern zogen in die anarchistische Mohegan Colony in Crompond, sechzig Kilometer nördlich von New York am Hudson River. Fermin blieb in New York und arbeitete zunächst als Grafiker für den Graphic Survey, dann viele Jahre als Cartoonkolorateur. 1946 erhielt er den Preis des Philadelphia Print Club für seine grafischen Arbeiten, die später von der Kongressbibliothek aufgekauft wurden.

Seine Frau Ruth Robins, Spross einer kalifornischen Zahnarztfamilie, lernte er in New York kennen. Sie heirateten 1952. Im selben Jahr starb Fermins Mutter, sein Vater drei Jahre später. „Wir haben uns in den USA nie richtig eingelebt“, sagt Fermin, „aber ich kann das Land nicht verdammen. Es ist paradox: Das erzkapitalistischste Land mit einer Antianarchistenklausel in den Einwanderungsvorschriften hat meine Eltern nicht nur aufgenommen, nein, sie konnten auch ihre Sache vertreten.“

Fermin Rocker hatte aber Sehnsucht nach Europa. 1965 besuchte er zum ersten Mal seit fast einem halben Jahrhundert sein Geburtsland, weil das Archiv seines Vaters dort lagerte.

Rockers Frau Ruth gefiel es so gut, dass sie 1970 eine zweite Englandreise machten. „New York wurde immer teurer und hässlicher“, sagt Rocker, „und dann die Kriminalität. Eine ganze Reihe unserer Nachbarn sind bei Überfällen schwer verletzt worden. Obwohl die USA so groß sind, gibt es doch wenig Alternativen. Kalifornien hätte mir vielleicht zugesagt, aber so wurde es London. Wir hofften, dass das Leben dort wenigstens ein bisschen erträglicher wäre, aber es war dann sehr viel angenehmer, nachdem wir das Problem mit der Wohnungssuche gelöst hatten.“

Nach dem Umzug nach London illustrierte Rocker Bücher für die Oxford University Press und hatte nebenbei genügend Zeit für die Malerei. Ein befreundeter Galerist organisierte Ausstellungen für ihn. „Auf einer dieser Ausstellungen lernte ich John James, einen Landschaftsmaler, kennen“, sagt Rocker. „James kannte viele Menschen, auch Mick Jagger, und eines Tages stand der vor meiner Tür. Er entpuppte sich als Kenner. Ich hatte gerade ein Bild von Flüchtlingen gemalt. Für Privatkäufer sei das uninteressant, dachte ich, aber er kaufte es und zahlte einen anständigen Preis: viertausend Pfund. Es hängt jetzt in seinem Haus.“

Während er früher vorwiegend Landschaften gemalt hatte, zeigen seine in London entstandenen Ölbilder Menschen und Dinge des täglichen Lebens, etwa Reisende in der U-Bahn, Wirtshausszenen und Familienbilder, aber auch politisch motivierte Bilder. Ein Thema, das darin immer wiederkehrt, sind Flüchtlinge. Seine Farbgebung hat sich im Laufe der Jahre geändert. Ursprünglich hat er in wärmeren Farben gemalt, im Alterswerk ist der Ton der Bilder heller und kühler.

„Als ich 65 wurde und wir genügend Pension bekamen, konnte ich mich endlich ganz der Malerei widmen“, sagt Rocker und gießt sich einen Sherry ein. Mit der modernen Kunst hat er sich nie anfreunden können. „Schon in den USA versuchten sie mich ins moderne Fahrwasser zu locken. Es sei viel weniger Arbeit, sagten sie. Aber wozu soll ich einen Stil übernehmen, der mir unsympathisch ist? Das wäre Heuchelei.“

Rocker, seit vierzehn Jahren Witwer, malt immer noch. „Die Vorsehung war sehr gnädig mit mir: Ich kann noch zeichnen und malen.“