Sudans Politik der verbrannten Erde

Der Krieg im westsudanesischen Darfur treibt immer mehr Menschen in die Flucht Richtung Tschad, zumeist Frauen und Kinder. Die Vertriebenen berichten von täglichen Luftangriffen und verbrannten Dörfern. Hilfswerke mit der Versorgung überfordert

Die Geschichten der Flüchtlinge gleichen sich. Bewaffnete haben ihre Dörfer überfallen, alle Hütten angezündet, Kindern die Kehle durchgeschnitten, Frauen bei lebendigem Leibe verbrannt und Männer erschossen. Hunderttausende von Menschen sind in Darfur, dem westlichen Teil des Sudans, vor dem eskalierenden Krieg zwischen Regierungsarmee und Rebellen an den Rand der Städte geflohen. Sie haben tagelange Märsche hinter sich und mussten oft all ihre Habe zurücklassen. Wenn sie in improvisierten Lagern ankommen, sind viele von ihnen an Malaria und Durchfall erkrankt. Die Rate schwerster Unterernährung unter Kindern ist hoch. Aber Hilfe gibt es kaum, und selbst in den Lagern sind sie nicht sicher. Die 10.000 Bewohner des Lagers „Intifada“ am Rande der Stadt Nyala zogen es am 15. Januar vor, zu fliehen, statt von den Behörden umgesiedelt zu werden. Wo sie sind, ist nicht bekannt.

Der Krieg in Darfur zwischen der Regierungsarmee und verbündeten tribalen Milizen auf der einen Seite und den beiden Rebellenbewegungen „Sudan-Befreiungsbewegung“ (SLM) und „Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit“ (JEM) auf der anderen wird immer brutaler. Von den vier Millionen Einwohnern der drei Darfur-Provinzen sind über 600.000 vertrieben, mehrere tausend Dörfer sollen zerstört worden sein. Was im Februar 2003 als Guerillaaufstand gegen die Willkür regierungstreuer Milizen begann, hat zu einem Vernichtungskrieg geführt, begleitet von Luftangriffen – so wie im Südsudan, bevor dort 2002 Friedensgespräche begannen.

Je weiter der Friedensprozess für den Süden des Sudans kommt, desto schlimmer wird der Krieg im Westen. Die Stadt Dereish, normale Bevölkerung 5.000, hat 10.000 Vertriebene aufgenommen, für die es nicht die geringste Versorgung gibt. Im Ort Mornay wuchs die Zahl der Vertriebenen in den letzten vier Wochen von 7.000 auf nahezu 25.000; die meisten Dörfer der Umgebung sind verbrannt. Hilfswerke haben nirgendwo in Darfur ungehinderten Zugang zu Bedürftigen.

Inzwischen leben über 110.000 Bewohner Darfurs als Flüchtlinge im Tschad. Allein seit Anfang letzter Woche hätten 18.000 Menschen die Grenze überschritten, berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Dienstag. Die neue Massenflucht sei Ergebnis eines Luftangriffs auf die einzige Wasserstelle des Grenzorts Habilah, der von berittenen Bewaffneten ausgeplündert worden sei. „Als andere Dorfbewohner davon hörten, packten sie ihre Sachen“, erklärte das UNHCR. Eine Sprecherin sagte gegenüber der BBC: „Es ist nicht wie die Fluchtbewegungen früher aus Ruanda oder Kosovo, wo hunderttausende auf einmal flohen. Die Leute sind schwer zu finden. Man kann wenige Meter von ihnen an einem Baum vorbeigehen und nicht merken, dass sie da sind.“

Von den erfassten 110.000 Darfur-Flüchtlingen im Tschad, fast alle in diesem Monat angekommen, sind rund 50.000 Kleinkinder, und von den Erwachsenen sind drei Viertel Frauen. Nur 25.000 von ihnen werden laut UNHCR bislang von Hilfswerken versorgt. Besonders dramatisch soll die Lage um den Ort Tiné direkt an der Grenze sein. Auf der tschadischen Seite Tinés leben rund 34.000 Flüchtlinge, und jeden Tag kommen 50 bis 100 neue an. Nach Angaben des tschadischen Roten Kreuzes fliegt Sudans Luftwaffe seit dem 9. Januar jeden Tag Luftangriffe auf den sudanesischen Teil der Stadt und die Umgebung, vorzugsweise nachts. Die Antonov-Flugzeuge würden dabei tschadischen Luftraum verletzen, hieß es. Seit 19. Januar wurden in der Klinik von Tiné 66 Menschen mit schweren Verletzungen durch Luftangriffe eingeliefert.

Sudans Regierung hätte ein Interesse daran, den Tschad zu destabilisieren. Tschads Präsident Idriss Déby gehört der Ethnie der Zaghawa an, die auch das Rückgrat der Darfur-Rebellen bilden. 1990 war Déby an der Spitze einer Zaghawa-Rebellenarmee aus Darfur im Tschad einmarschiert und hatte die Macht ergriffen, was ihm lange Zeit den Ruf einbrachte, eine Marionette des Sudans zu sein. Heute kehren Zaghawa-Kämpfer aus den Tschad nach Darfur zurück, um den Rebellen beim Kampf gegen Sudans Regierung zu helfen.

Diese Woche riefen Darfurs Rebellen zu einer internationalen Vermittlung auf. Es habe in den letzten vier Wochen 2.000 Tote gegeben, und jeden Tag würden 15 bis 25 Dörfer aus der Luft bombardiert, erklärte JEM-Führer Abubker Hamid Nour in Tiné. „Es wird keinen Frieden im Sudan ohne eine Lösung des Problems in Darfur geben“, sagte er. Eventuell heißt das, dass es gar keinen Frieden im Sudan gibt.