Die Neonazis aus A-Stadt

Es passiert nicht oft, dass sich Sozialwissenschaftler so weit von Bibliotheken und Seminarräumen entfernen und sich so nah an ihr Forschungsobjekt heranpirschen wie Andreas Klärner. Mit den Methoden eines Ethnologen hat der Rostocker Soziologe mehr als ein Jahr lang akribisch die rechtsextreme Szene einer ostdeutschen Universitätsstadt erkundet. Er hat sich in einer Plattenbausiedlung eingemietet, er hat sich mit Taxifahrern und Imbissbudenbetreibern unterhalten, in rechten Internetforen mitdiskutiert, er hat bei Neonazis daheim auf der Couch gesessen und ein gutes Dutzend rechtsextremer Aktivisten sowie deren örtliche Gegenspieler interviewt. Herausgekommen ist eine erfreulich unkonventionelle Lokalstudie.

Zwar möchte man das Buch beim Blick auf die Zeitangaben zunächst am liebsten zum Altpapier geben. Denn zwischen der Vorort-Recherche des Soziologen und der Veröffentlichung der Ergebnisse sind inzwischen sieben Jahre verstrichen. Aber es lohnt sich, trotzdem über das erste Kapitel hinaus dabei zu bleiben. Denn die Untersuchung liest sich erstaunlich aktuell.

Wo genau der Soziologe vom Rostocker Max-Planck-Institut recherchiert hat, bleibt sein Geheimnis. In dem Buch heißt das Forschungsgebiet schlicht „A-Stadt“ – alle Personen- und Ortsnamen sind verfremdet. Klärner erwähnt nur, dass er eine Kommune ausgewählt hat, die noch nicht als braune Hochburg in den Schlagzeilen war.

Was er über die politischen Prozesse in „A-Stadt“ berichtet, spielt sich bis heute ganz ähnlich in vielen anderen Kommunen ab. Wer um die Entwicklungen in der Sächsischen Schweiz, im östlichen Mecklenburg-Vorpommern oder einigen Regionen in der brandenburgischen Provinz weiß, erkennt die Muster wieder. Viele Entwicklungen, die Klärner bereits im Jahr 2001 beobachtete, werden sogar heute noch gerne als neue Trends verkauft.

Zum Beispiel die Tatsache, dass man viele Neonazis nicht mehr an kahl rasierten Schädeln und Springerstiefeln erkennt, dass sie mit Palästinensertuch herumlaufen oder wie harmlose Spießer aussehen. Oder dass Kameradschaften bewusst auf Gewalt verzichten und lieber versuchen, als rechtschaffene Kommunalpolitiker bei den Wählern zu punkten.

Klärner porträtiert wichtige Protagonisten der rechtsextremen Szene in „A-Stadt“; er zeichnet in nüchternem Ton nach, wie ein kleiner NPD-Verband in enger Zusammenarbeit mit der örtlichen Neonazi-Kameradschaft und losen rechten Cliquen agiert – und welchen Einfluss die demokratischen Akteure auf die Erfolge beziehungsweise Misserfolge der Rechten haben. Interessant ist, dass in „A-Stadt“ schon in den 80er-Jahren, also noch zu DDR-Zeiten, eine lose rechtsextreme Szene existierte und sich diese seither kontinuierlich weiterentwickelte. Auch der inzwischen wichtigste NPD-Funktionär der Stadt driftete nach eigenen Angaben noch als DDR-Teenager ins Skinhead-Milieu ab. Ein „Kinderrechter“ in Bomberjacke sei er damals gewesen, zitiert ihn Klärner.

Die in den 90er-Jahren gewalttätige Nazi-Szene in „A-Stadt“ hat sich schon im Jahr 2001 zu einer agilen Truppe weiterentwickelt, die gezielt um einen besseren Ruf wirbt. Die meisten Protagonisten sind vergleichsweise jung, fast alle stammen aus bildungsfernen Milieus, ihre Familien sind Modernisierungsverlierer – genau dieses vermeintliche Handicap schlachten sie politisch aus, indem sie sich als Anwälte einer vergessenen Jugend gerieren.

Sie treten als vom Staat sozial vernachlässigte und politisch ausgegrenzte junge Leute auf. Aus den Tätern von einst sind selbst ernannte Opfer geworden – und durchaus erfindungsreiche, kampagnenfähige kommunalpolitische Aktivisten. Sie passen sich symbolisch an die demokratischen Spielregeln an. Die demokratischen Parteien sind gezwungen, sich zur Propaganda des rechtsextremen Nachwuchses zu positionieren.

Die Frage ist: Warum führen die politischen Aktionen der Rechtsextremen in „A-Stadt“ nicht zum Erfolg? Für Klärner gibt es einen zentralen Grund: Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben sich alle „A-Stadt“-Parteien zu einer konsequenten gemeinsamen Strategie gegen rechts durchgerungen. Behörden, Bürger und örtliche Medien positionieren sich offensiv gegen die Rechtsextremen. Ein wichtiger CDU-Mann, der sich auf Verhandlungen mit den NPDlern über ein „nationales“ Jugendzentrum eingelassen hatte, muss sich öffentlich von seiner Aktion distanzieren. Klärners Fazit: Die in „A-Stadt“ praktizierte „strikte gesellschaftliche Ausgrenzung“, ergänzt durch „kontinuierliche Aufklärungsarbeit und eine Vielzahl von Gegenaktivitäten“ habe die rechte Szene an den Rand gedrängt. Auch in anderen betroffenen Städten könne man den demokratischen Kräften diesen Kurs nur empfehlen.

Das Buch hat damit eine klare Botschaft: Es gibt viele „A-Stadts“ in diesem Land. Ob sie zu rechtsextremen Hochburgen verkommen, hängt entscheidend davon ab, wie geschlossen und konsequent sich die Demokraten dem Thema stellen. ASTRID GEISLER

Andreas Klärner: „Zwischen Militanz und Bürgerlichkeit. Selbstverständnis und Praxis der extremen Rechten“. Hamburger Edition, Hamburg 2008, 348 Seiten, 25 Euro