taz-Serie Schillerkiez: Bürgerprotest

Volksbegehren gegen Tempelhof-Bebauung

Von seinem Balkon aus plant Lothar Köster den Aufstand: ein Volksentscheid gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes. Im Neuköllner Schillerkiez kommt das gut an.

Licht, Luft und Sonne sollen bleiben. Kösters Traum vom Tempelhofer Feld  Bild: dpa

Als der Flughafen noch in Betrieb war, da spazierte Lothar Köster am Zaun entlang und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Eine "Flugfeldsteppe", das wärs. Ein verwuchertes, sich selbst überlassenes Reservat auf dem riesigen Gelände. Mit Büffeln und Schafen. Drum herum ein Promenadenweg und Ausguckposten. "Eine wilde Steppe mit mongolischer Weite", hielt Köster seine Idee damals fest. "Der ungestörte Galopp der Wildpferde und das stille Staunen der Berlingäste."

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Als Lothar Köster nach der Öffnung des Zauns im Mai 2010 das erste Mal aufs Tempelhofer Feld trat, waren die Gedankenspielereien mit einem Mal verflogen. "Ein unglaubliches Gefühl", sagt der 54-Jährige bis heute. Die ausgestreckte Weite, offener Himmel, mitten in der Stadt. "Jeder, der dort gestanden hat, weiß um diese faszinierende Wirkung", schwärmt Köster. "Da war klar, das darf man nicht zerstören."

Also gründete der promovierte Kommunikationswissenschaftler eine Bürgerinitiative. "100 Prozent Tempelhofer Feld" lautet der Slogan. Die Protestler wollen das frühere Flugfeld retten. So, wie es heute ist. Ohne Bebauung, ohne die für 2017 geplante Internationale Gartenausstellung (IGA), ohne Internationale Bauaustellung 2020. Und die Initiative meint es ernst: Mit einem Volksentscheid sollen alle Nachnutzungspläne des Senats gekippt werden.

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Zwischen Tempelhofer Feld und Hermannstraße liegt der Schillerkiez. Lange galt das Viertel am Rande des einstigen Flughafens als Arme-Leute-Gegend. Menschen aus vielen Ländern leben hier, die Arbeitslosenquote beträgt über 40 Prozent, der Kiez weist die höchste Bevölkerungsdichte von Neukölln auf.

Mit der Stilllegung des Flughafens 2008 ist aus dem Viertel ein Quartier mit Potenzial für Investoren geworden. Seit Mai 2010 ist die 386 Hektar große Freifläche ein Park; hier sollen Gewerbebetriebe entstehen und Wohnquartiere.

Droht dem Schillerkiez nun eine Welle von Mietsteigerungen, wie sie weite Teile von Prenzlauer Berg und Kreuzberg erlebt haben? Sind die Studierenden und Künstler, die ins Viertel strömen, Vorboten einer Entwicklung, die in Friedrichshain und Mitte fast beendet ist? Wird das einstige Arbeiterviertel gentrifiziert?

Sicher ist: Der Schillerkiez wandelt sicht. Die taz wird diese Veränderungen in den nächsten Jahren beobachten. Seit Mai 2010 läuft das Projekt. Bereits erschienene Texte finden Sie im Netz unter www.taz.de/schillerkiez

Es ist ein Mittwochabend im September, als Köster zum ersten Treffen der Initiative lädt. Ins Café Selig, gleich neben der Genezareth-Kirche, mitten im Schillerkiez. Sechs Tische stehen zu einer langen Tafel zusammen, drum herum etwa 40 Interessierte, die meisten bürgerlich, aber auch Leute aus der linken Stadtteilinitiative. "Wir sollten nicht nur so Unterschriften sammeln", meldet sich eine Frau. "Eine Bürgerbefragung hätte viel mehr Drive." Ein Mann mit Schnauzer sagt, dass man juristischen Beistand brauche. Zwei Frauen melden sich, sie seien Juristinnen. "Na wunderbar."

Am häufigsten aber fällt der Verweis auf einen anderen Bürgeraufstand. "In Stuttgart", erklärt eine Frau, "da stimmen die jetzt erst ab, wo fast alles gelaufen ist." Auf dem Tempelhofer Feld stehe man dagegen noch am Anfang.

Lothar Köster moderiert, notiert die Ideen mit ernstem Blick. Dann blättert er in Papieren, nippt an seinem Tee. "Wir sind jetzt schon viele, und wir werden wahrscheinlich noch mehr", sagt er. Man müsse Arbeitsgruppen bilden, sich im Internet vernetzen. "Wir sollten alles prüfen. Aber ich denke auch, ein Volksentscheid ist unser Weg." Allseitiges Nicken.

Bei Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) stößt die Bürgerinitiative auf wenig Begeisterung. "Sie kommen ein bisschen spät", sagt ihr Sprecher Mathias Gille etwas spitz. Die IGA sei beschlossene Sache. In ihren Koalitionsgesprächen haben sich SPD und CDU gerade auf den Bau der Zentralen und Landesbibliothek auf dem Feld geeinigt. Es existieren Pläne für eine Parklandschaft, für Wohnsiedlungen und Gewerbe am Rand. Die Weite, schiebt Gille hinterher, bleibe aber gewahrt.

Die Entwickler des Geländes, die Tempelhof Projekt GmbH, arbeiten freilich bereits seit Monaten an Entwürfen, die auf mehr Bauflächen zielen. Laut den Grünen würde der geplante Park dadurch um mehr als 10 Hektar dezimiert. Für Köster ist das nur zusätzlicher Ansporn. Sei der Volksentscheid erfolgreich, würden die Pläne eben obsolet. "Das ist eine politische Entscheidung." Und die IGA jetzt noch abzusagen sei immer noch billiger, als sie durchzuführen. Dann lächelt er leicht. "Man hätte uns ja vorher fragen können."

Wenige Tage nach der Sitzung der Initiative steht Köster in seinem Wohnzimmer, ganz oben, im fünften Stock eines Gründerzeithauses im Süden des Schillerkiezes. Bücher drängen sich in den Regalen, ein Teleskop steht vor der Balkontür. Würde der Balkon etwas höher ragen, Köster könnte bis auf die alten Landebahnen gucken. Seit zwölf Jahren wohne er hier mit seiner Frau, sagt er. Es sei herrlich.

Der 54-Jährige pflegt einen zurückgenommenen Auftritt. Er ist ein schlaksiger Mann, kurze Haare, dezente Brille. Nichts deutet darauf hin, welch' schwärmerischer Idealist er ist. Immer wieder fallen ihm die ulkigsten Ideen ein. In seiner Schreibtischschublade liegen selbst geschriebene Krimis. Ewig könne er sitzen und Sterne beobachten, erzählt Köster. Auch hier: Weite, schiere Unendlichkeit.

Mehrmals wöchentlich zieht es Köster mit seiner Frau aufs Tempelhofer Feld zum Spazieren. "Dieser Ort ist etwas, um das uns andere Städte weltweit beneiden." Schon heute mache das Feld ein Stück Berlin-Identität aus wie der Tiergarten oder der Zoo, sei ein ideales, da begehbares Denkmal des alten Flughafens. "Das jetzt zu bebauen würde aus etwas Einzigartigem etwas völlig Gewöhnliches machen und noch dazu Abermillionen kosten." Die Kosten des Status Quo seien dagegen unschlagbar, zieht Köster einen letzten Trumpf. "Einmal im Jahr mähen, fertig."

Köster ist ein unbequemer Gegner: gebildet, eloquent, hartnäckig. Er arbeite lieber tiefgreifend und langfristig, sagt er, als sich durch Dinge hindurchzupfuschen. Bereits Wochen, bevor sich die Bürgerinitiative das erste Mal traf, klebte Köster ein Schild mit einer großen "100 Prozent" außen an seine Wohnungstür. Dann druckte er Dutzende selbst entworfene DIN-A4-Zettel und hängte sie in Hausfluren seiner Nachbarschaft aus. "Offenes Paradies oder private Stadtvillen?" stand darauf, dazu ein bedrohliches Bild eines Baggers. Die Unterschriftenlisten daneben füllten sich flott.

Auch mit dem Wassertisch habe man sich schon getroffen, erzählt Köster. Die Initiative stemmte im Februar dieses Jahres Berlins bisher einzig erfolgreichen Volksentscheid - mit der Forderung nach Offenlegung der Wasserverträge. Für einen berlinweiten Entscheid müssen die Tempelhof-Aktivisten im ersten Schritt 20.000 Unterschriften in sechs Monaten sammeln. Sobald man einen sattelfesten Gesetzentwurf formuliert habe, gehe es los, so Köster.

Senatssprecher Gille hält eine "Fundamentalopposition" für "wenig erfolgversprechend". Zudem seien die Bürger immer an den Planungen beteiligt gewesen. So werde etwa dem Wunsch nach mehr Bäumen auf dem Feld nachgekommen. Darauf angesprochen lacht Köster: "Wir durften Fragen auf Zettel schreiben, das wars." Seine Initiative lädt nun alle zwei Wochen zur "Bürgerversammlung".

Die Protestler sind sich bewusst, dass es nicht leicht wird. "Das darf kein Kiezthema bleiben, wir müssen auch die Leute in Reinickendorf überzeugen", betont ein Teilnehmer auf der ersten Sitzung. Ein älterer Herr warnt vor der Senatsverwaltung: "Das sind Profis, aber es gibt wie bei jeder Planung Schwachstellen." Und man macht sich Mut: Bisher sei noch jeder, den man angesprochen habe, dafür gewesen, das Feld zu lassen, wie es ist.

Köster lobt Vorschläge, bremst zu viel Tatendrang. Als er sagt, was man noch "verorten" müsse, unterbricht ihn ein Mann: "Nein, bitte nicht! Ich hasse dieses Wort." Die Runde lacht. "Verorten", sagt der Mann, "das ist die Sprache der Planer." Da wolle man ja nun wirklich nicht hin.

 

Die taz beobachtet die Veränderungen im Schillerkiez in Berlin Neukölln seit Mai 2010.

19. 10. 2011

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