Kaschierte Unsicherheit

Schriften zu Zeitschriften: Der „Mittelweg 36“ beschäftigt sich noch einmal mit Adorno – mit seinen Briefen an die Eltern und den Noten zur Literatur

„Möchten die Horst Güntherchen in ihrem Blut sich wälzen und die Inges den polnischen Bordellen überwiesen werden, mit Vorzugsscheinen für die Juden“, schrieb Theodor W. Adorno kurz vor der Niederlage NS-Deutschlands aus Kalifornien an seine Eltern in New York. Er freute sich, nun endlich sei „alles eingetreten, was man sich jahrelang gewünscht hat, das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot, wahrscheinlich dem Volk das Genick gebrochen, sodass es als Subjekt aus der Geschichte ausscheidet“.

Christian Schneider, der in der Literaturbeilage der aktuellen Ausgabe von Mittelweg 36, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Adornos Briefe an die Eltern vorstellt, zeigt sich befremdet über diese hasserfüllten Wendungen ins „(Pseudo)Persönliche der Namen“. Schneider erklärt sich das personifizierte antideutsche Ressentiment damit, dass Adorno zeitlebens ein Kind geblieben sei. Die Welt sei dem Philosophen immer schon als „Ort einer Nachträglichkeit“ erschienen, die der „eigentlichen“ Erfahrung der kindlichen Schrecken – etwa die sadistischen Hänseleien ehemaliger deutscher Schulkameraden, die er später in den Minima Moralia beim Namen nennen sollte – nichts Wesentliches hinzuzufügen gehabt habe.

Als Paradebeleg für diese Regression in die antizipatorische Perspektive des Kinds führt Schneider den „mit Diminutiven ausgepolsterten und von Wundertieren bewohnten Kleinkosmos“ der Elternbriefe vor. Doch hat die fixe Idee Schneiders, derartige Intimitäten als „verstörend infantile[s]“ Prinzip auf Adornos Philosophie projizieren zu müssen, etwas Küchenpsychologisches an sich. Schneider schließt seine Besprechung mit der abschätzigen Bemerkung, die Form, in der Adorno seinen greisen Eltern detaillierte Auskünfte über seine missglückten erotischen Beziehungen mitteilte und diese obendrein auch noch von seiner Frau Gretel tippen ließ, sei „Teil eines nicht nur infantilen, sondern perversen Kosmos“.

Jan Philipp Reemtsma behandelt Adornos literarische Aufsätze in seinem im selben Heft abgedruckten Vortrag zur Frankfurter Adorno-Konferenz vom September vorigen Jahres mit fundierterer Kritik. Freilich lässt auch er sich nicht lumpen und hält Adorno posthum mangelhafte Belesenheit vor. „Er kannte sich aus, wie es sich nicht anders gehört hätte, aber über den Kanon hinaus war ihm wenig bekannt, zumindest nicht geläufig“, schreibt Reemtsma, um in bester Arno-Schmidt-Tradition zu mahnen: „Man kann die Form Roman nur dann wie Adorno präsentieren, wenn man für den angelsächsischen Roman die Namen Sterne und Melville, für den französischen Diderot, für den deutschen Wieland und Jean Paul schlankweg vergisst oder ignoriert.“ Reemtsma will eine „kaschierte Unsicherheit“ in Adornos von so großer „Formulierungsautorität“ geprägten Literaturessays entdeckt haben. Die hätten im schlimmsten Fall dazu geführt, dass der Philosoph selbst in Stilblüten verfallen sei, die er in seiner scharfsinnigen Heidegger-Polemik, dem „Jargon der Eigentlichkeit“, längst der Lächerlichkeit preisgegeben hatte. Auch Adornos berüchtigtes Diktum, nach Auschwitz sei es barbarisch, Gedichte zu schreiben, wird mit dem Hinweis abgefertigt: „Dabei wäre alle Diskussion über diesen Satz überflüssig gewesen, hätte man beizeiten eingesehen, dass wenn eine solche Verfügung rechtens ergehen könnte, sie schon bei geringerem Leid hätte ergehen müssen.“

Doch den härtesten Schlag versetzt Reemtsma dem Glanzstück der „Noten zur Literatur“. Adornos berühmter Essay über Becketts „Endspiel“, ein „in vielerlei Hinsicht begeisternder Text“, mache das Grundproblem seiner „Arbeiten zur Literatur deutlich, wie kaum ein anderer: zu beweisen, dass dort, wo der Theorie nach nichts mehr zu beweisen ist, tatsächlich nichts mehr zu beweisen ist“. Adornos Literaturbetrachtungen als eine einzige, mit großem stilistischem Aufwand notdürftig camouflierte Tautologie? Tatsächlich: Adorno habe den Deutungskontext „so beschränkt, dass von großen Kunstwerken am Ende immer nur dasselbe zu sagen übrig bleibt“. Schließlich sei die Literatur von Adorno zu einer Subform der Musik herabgestuft worden: abgekoppelt von der Welt des Diskursiven, des Sagbaren und des Sinns. Wo jedoch solche Kategorien nicht mehr existieren, gibt es laut Reemtsma „keine Literatur, und überall dort, wo Adorno literarische Werke zu unvollkommenen musikalischen macht, entstehen bei ihm Deutungsredundanzen“.

Es spricht für Reemtsma, dass er trotz alledem betont, gerade Adornos Weigerung, dieses Dilemma zur Kenntnis zu nehmen, habe zu Texten geführt, die faszinierender blieben, „als diejenigen mancher, die zu jener Erkenntnis allenfalls fähig gewesen wären“. Ein kritischer „Mittelweg“ also. Ganz wie die Zeitschrift.