Die Supermutterpowertochter

von HEIKE HAARHOFF

Wer sich so wehrt wie Lutz von der Heide, der muss sich wirklich grob ungerecht behandelt fühlen: Vor zwei Gerichte zog der CDU-Abgeordnete aus Niedersachsen, um seine Kandidatur für den Landtag gegen den Willen der Partei doch noch durchzusetzen. Vergeblich. Ein Jahr ist das her.

„Chancengleichheit“, sagt Lutz von der Heide heute, um Gelassenheit bemüht. „Sie wissen doch, wie die Gesellschaft funktioniert.“

Es ging um eine Stimme. Die fehlte ihm. Ihm: Seit 1990 hatte der Industriekaufmann Lutz von der Heide seinen Wahlkreis Burgdorf/Lehrte/Uetze kontinuierlich im Parlament in Hannover vertreten. Nichts sprach dafür, dass sich daran etwas ändern sollte. 55 Jahre wird er in diesem April, in der CDU ist er seit mehr als 20 Jahren, er war doch beliebt.

Bis sie kam. Sie, gerade mal seit einem Jahr in der Kommunalpolitik aktiv, aber eben „mit der Aura der Tochter ihres Vaters“. Sie, „mit dem natürlich günstigeren Umfeld“. Sie, „mit ihrer Dynamik und ihrem Lächeln.“ Es hört sich verzagt an, wenn er solche Sätze sagt.

Hat den Tochterbonus, hat Beziehungen, hat Personal, hat Geld, hat gut reden

Er focht die parteiinterne Kandidatenaufstellung an. Die Kandidatenwahl wurde wiederholt. Da ließen sie ihn so richtig durchrasseln. Morgen wird sie in Hannover als Ministerin für Familie, Frauen, Soziales und Gesundheit im neuen CDU-FDP-Kabinett vereidigt: Ursula von der Leyen, 44, Tochter des früheren Ministerpräsidenten Ernst Albrecht.

Ilten, Vorort von Hannover, Dorfidylle. Ein backsteinroter Altbau in einer ruhigen Seitenstraße. Im Vorgarten ein Heuhaufen und ein Stall für Pony und Ziegen. An der Haustür Ursula von der Leyen, geborene Albrecht: gepflegte lange, blonde Haare, locker mit einer Spange am Hinterkopf zusammengehalten, mädchenhafte Gestalt, und dazu ein Lächeln wie jemand, der immer auf der Sonnenseite gestanden hat: offen, gewinnend, großzügig. Beinahe ist man versucht zu denken: eine aristokratische Erscheinung. Aber vielleicht liegt das auch nur an dem Pony im Stall.

„Kommen Sie herein, kommen Sie herein!“, ruft sie fröhlich. So als kenne man sich seit Jahren. Sie verschwindet in der Küche – „möchten Sie einen Espresso mit aufgeschäumter Milch, wir haben da so eine tolle neue Maschine“ –, derweil ihr Besuch es sich gemütlich machen soll im Wohnzimmer: an den Wänden Ölporträts ernst dreinblickender Edelmänner aus dem 18. Jahrhundert, Vorfahren ihres Ehemanns. Bis unter die Decke reichende Bücherregale. Auf der Fensterbank eine Puppenstube, auf anderen Schränkchen ein Bauernhof vom Flohmarkt sowie eine Weihnachtskrippe, die auf den nächsten Advent zu warten scheint. Dann ist der Kaffee fertig und Ursula von der Leyen aus der Küche zurück. Laut spricht sie aus, was ihr durch den Kopf geht: „So ein Regierungswechsel hat ja keine eigenen Spielregeln.“ In ein paar Tagen wird sie ihren ersten richtigen Arbeitstag haben im Ministerium. Und keine Ahnung, wie sie den am besten gestaltet. „Beim ersten Schultag oder beim Sommerfest, da weiß man, wie das abläuft.“

Natürlich: Ursula von der Leyen und ihr Mann, Medizinprofessor Heiko von der Leyen, haben sieben Kinder zwischen dreieinhalb und fünfzehn Jahren. Aber was tun, wenn eine, die viele Jahre Ärztin und Mutter und in den USA gewesen ist, ihren politischen Spät- zum Senkrechtstart ummünzt und, kaum wieder in Deutschland eingelebt, von jetzt auf gleich Landesministerin von Niedersachsen wird? Soll sie eine Rede halten? Kuchen mitbringen? Sie ist unentschlossen. Nur eines ist sicher: Wofür immer sie sich entscheiden wird, naiv-unbeholfen, gar hölzern oder auch nur schüchtern wird ihr Debüt nicht sein.

Dafür gehören politischer Instinkt und öffentliche Auftritte dann doch zu sehr zu ihren Kindheits- und Jugenderinnerungen: „Bei uns zu Hause wurde viel über Politik geredet.“ Es konnte wohl kaum ausbleiben: 14 Jahre lang, von 1976 bis 1990, war ihr Vater Ministerpräsident von Niedersachsen. Ernst Albrecht ist der Nachkomme eines hohen Beamten des letzten regierenden Welfenkönigs. Als CSU-Chef Franz Josef Strauß 1979 seine Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur deutlich machte, erklärte CDU-Parteichef Helmut Kohl Albrecht zum Kandidaten der Union. Der feinsinnige norddeutsche, intellektuelle Taktiker Albrecht gegen den bayerischen Haudegen und Lebemann Strauß – Albrecht unterlag. Seiner Popularität im Land tat das keinen Abbruch.

Und nun, ein knappes Vierteljahrhundert später, ist Strauß‘ Tochter Monika Hohlmeier in Bayern Kultusministerin, von der Leyen in Niedersachsen wird Sozialministerin, und beiden Frauen wird Höheres zugetraut: „Wer erbt von deutschen Machtpolitikern Machtinstinkt und Ellenbogen““, fragte die Welt am Sonntag rhetorisch, um die Antwort zu liefern: „Die Töchter.“

Ursula von der Leyen sagt, die Erwartungen seien „exorbitant“, im Positiven wie im Negativen. „Ich habe keine Chance, im stillen Kämmerlein zu üben.“

CDU-Mitglied wurde sie erst 1990. Es war das Jahr, in dem Niedersachsen ihren Vater abwählte und Gerhard Schröder in der Staatskanzlei Platz nahm. „Schweinerei, so nicht, dachten wir Kinder und sind in die CDU eingetreten.“

Sosehr sich ihr Vater seither jeglicher Öffentlichkeit entzieht, so sehr ist er seiner Tochter heute „ein wunderbarer Ratgeber“, wie sie sagt: „Ich habe an ihm immer seine Toleranz geschätzt, wir teilen diese gemeinsame Grundüberzeugung.“ Diese gemeinsame Grundüberzeugung: geprägt von einem christlichen Menschen- und traditionellem Familienbild, von ehrenamtlichem Engagement und der Haltung, dass jeder seines Glückes Schmied ist und der Staat nicht alles regeln kann und soll.

Und so sieht dann auch das politische Leitbild aus, wie es Ursula von der Leyen für ihre Amtszeit skizziert: „Die größte Herausforderung der nächsten Jahre wird sein, wie wir unser kostbares Sozialsystem erhalten können und es zugleich nicht überfrachten.“

Unser kostbares Sozialsystem.

Seinen Wert, sagt sie, habe sie erst da richtig begriffen, als sie 1996 nach vier Jahren mit ihrer Familie in Kalifornien vor einer Lebensentscheidung stand. Ihr Mann hatte dort ein Stipendium, und sie musste nun wählen: zurückkehren oder für immer in den USA bleiben – mit allen Konsequenzen: die Krankheiten ab sofort Privatrisiko, die Ausbildung der Kinder womöglich sämtliche Ersparnisse verschlingend, und Drogen an Schulen, ein Alltag, dem sie sich nicht gewachsen fühlte. „Andererseits“, sagt sie, „muss man auch gucken, was ein Staat leisten kann.“

1994 war sie seit zwei Jahren in den USA und hatte schon drei Kinder, sechs, vier und zwei Jahre alt. „Und dann Zwillinge.“ Und keine Behörde, kein Sozialdienst, deren Hilfe sie, der alles über den Kopf wuchs, in Anspruch hätte nehmen können. „Aber das Wetter war zauberhaft.“

Plötzlich kreuzten die Nachbarn auf. Nachbarn, die sie zuvor bestenfalls knapp gegrüßt hatte. Nachbarn, von denen sie genau das erwartete, was sie in Deutschland von Nachbarn erwartet hätte: wenig. Und nun bekochten diese Unbekannten sie reihum und täglich, einen ganzen Monat lang, als wäre es selbstverständlich.

Es ist diese Mischung aus Wohltätigkeit, Ehrenamt, Gemeinnützigkeit und Selbsthilfe, die Ursula von der Leyen nun auch in Deutschland stärken will. Immer schwingt ein Hauch ihrer Losung namens charity mit, ob sie nun ruft: „Kinder dürfen nicht mehr das größte Armutsrisiko in Deutschland sein!“, ob sie fordert: „Schluss mit der Fehlsteuerung der letzten 30 Jahre in der Familienpolitik!“, ihre eigene Partei eingeschlossen. Alle dürften so leben, wie sie wollten, aber alle müssten auch mit anpacken.

Und selbst wenn es künftig so sein soll, dass in Niedersachsen das dritte Kindergartenjahr beitragsfrei ist, es für Frauen Kontakthalte- und Wiedereinstiegsprogramme in den Beruf gibt und Erziehungsjahre als Qualifikation anerkannt werden, dann, betont die künftige Sozialministerin, sei das alles nicht ausschließlich auf Kosten des Staates zu haben. Aktive Mithilfe aller sei erwünscht.

Christlich-traditionelles Familienbild. Sozialstaat? Ja, aber plus Selbsthilfe

Ist sie nicht die Erste, die mit leuchtendem Beispiel vorangeht? Hat sie nicht sieben Kinder bekommen? Nebenher immer gearbeitet? Klar, die Finanzen stimmten seit Generationen auch ohne ihr Zutun, aber trotzdem. Ist sie nicht sogar jetzt, als Ministerin, bereit, sich in Nachbarschaft, Schule, Kindergarten zu engagieren? Na also. Ursula von der Leyen, Supermutterpowerfrau.

Frauen, deren Alltag anders aussieht, platzt da schon mal der Kragen. „Alles läuft bei ihr über Geld und Beziehungen“, klagt die SPD-Ratsfrau Regina Runge-Beneke, die Ursula von der Leyen ein Jahr lang im Stadtrat von Sehnde erlebt hat. „Hätte sie nicht diese reiche Familie und das viele Personal, sie würde ganz anders reden.“ Runge-Beneke, 54 Jahre, ist seit 15 Jahren in der Kommunalpolitik, sie hat drei Kinder und musste ihre volle Lehrerinnenstelle auf eine halbe reduzieren, „um alles unter einen Hut zu kriegen“.

Auch in der eigenen Partei gibt es Widerstände. Ihre Forderung nach Ganztagsschulen beispielsweise, in denen Eltern nachmittags einen Teil der Betreuung ehrenamtlich übernehmen sollen, wird von den Traditionalisten der Union nur deswegen knurrend toleriert, weil die Frau mit diesem berühmten Vater eben trotz allem ein Zugpferd bleibt. Und der neue Ministerpräsident Christian Wulff gehört ja auch dem eher liberal-aufgeschlossenen Lager an.

Ursula von der Leyen genießt ihren Kaffee. Sie sagt: „Die Partei ist gut beraten, auch Seiteneinsteiger mit neuen Ideen zuzulassen.“ Sehr forsch, das.

Ja, sie kennt ihren Wert. Und dann lächelt sie wieder ihr Sonnenseitenlächeln. Irgendein Wässerchen getrübt? Aber nicht doch.