Die gebrechlichen Viertel schätzen

Eine subtile Kommentierung der politischen Verhältnisse Hamburgs am Leipziger Beispiel: Der Dokumentarfilm „Die Liebe zum Schrott und andere Leidenschaften“ von Bernhard Wutka und Thomas Doberitzsch kartiert „Problemstadtteile“

Der Blick in die Ferne schärft manches Mal die Wahrnehmung für die unmittelbare Umgebung. Den Beleg für diese Behauptung liefert die Dokumentation Die Liebe zum Schrott und andere Leidenschaften von Bernhard Wutka und Thomas Doberitzsch, die morgen das 3001-Kino erstmals in Hamburg zeigen wird.

Der Film ist ein Portrait des Stadtteils Leipzig-Ost, das zwischen 2000 und 2002 entstand. Leipzig-Ost, das steht im politischen Diskurs der sächsischen Metropole für einen „Problemstadtteil“, in dem Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Drogen und Kriminalität den Alltag beherrschen. Ein Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf, diagnostizierten die politisch Verantwortlichen und legten entsprechende Förderprogramme auf. Grund für Wutka, Wahl-Leipziger aus Hamburg, und sein Team, genauer hinzuschauen und dem Alltag im verrufenen Viertel nachzuspüren.

Herausgekommen ist das Porträt eines Quartiers, das jenseits von Ost-West-Klischees seltsam vertraut erscheint. Da ist die Leipziger Eisenbahnstraße, eine Einkaufsmeile, die ihre großen Tage seit 1989 hinter sich hat und ebenso in Ottensen liegen könnte wie die Neue Große Bergstraße. „Wir brauchen Optimismus“, erklärt eine Vertreterin der in Leipzig-Ost in einer Interessengemeinschaft organisierten EinzelhändlerInnen mit dem verzweifelten Mut der vom Konkurs Bedrohten. Denn seit der Wende sind auch in Leipzig-Ost keine blühenden (Stadt-)Landschaften entstanden. Die Klage über den Niedergang des deutschen Einzelhandels ist kaum zu unterscheiden vom Lamento der westdeutschen Kollegen, denen Ramschläden und Großhandelsketten den Garaus machen. Der Wunsch nach Sauberkeit und Ordnung zieht sich durch die Statements alteingesessener Leipziger ebenso wie das „Befremden“ über in der Nachbarschaft lebende MigrantInnen.

Doch das Stereotyp des rassistischen „Ossis“ bedient der Film keineswegs, denn hier äußern sich gesamtdeutsche Befindlichkeiten, die z. B. in Hamburg in Form der politischen Programmatik der Schill-Partei regierungstauglich sind. Die Qualität des Dokumentarfilms besteht darin, hier Differentes zu zeigen. Umgeben von Kindern der Nachbarschaft, zehrt ein in die Jahre gekommener Nazi-Skin im Interview von Legenden über „die da oben“, die zuließen, dass Ausländer deutsche Kinder von Drogen abhängig machten. Die zu Opfern stigmatisierten Jugendlichen dementieren gleich die Projektionen ihres Nachbarn als Phantasien, die nicht stimmten.

Wutka und Doberitzsch stellen Menschen des vermeintlichen Problemstadtteils vor und zeigen, dass das Problem eher in der Existenz von Nischen besteht, die sich der Kontrolle durch Politik und Stadtplanung entziehen. Ein Professor aus München engagiert sich zum Beispiel für ein Künstlerhaus, das sich in den Stadtteil einfügen soll und eben nicht durch Aufwertung den Zuzug der „sozial besser Gestellten“ forcieren soll.

Auch ein ortsansässiger Schrotthändler ist Teil eines sozialen informellen Gefüges und unterstützt SchrottsammlerInnen, von denen es in Leipzig an die 60 gibt. Einer von ihnen ist Werner Seifert, den die Filmemacher ein Jahr lang immer wieder besucht haben. Nach einem Aufenthalt in einem Krankenhaus, in das ihn Alkoholprobleme brachten, stellt er fest, er sei dort wohl zum „Entsorgen“ gewesen. Sich nicht unterkriegen zu lassen, ist auch das Credo jenes Reisebürobesitzers, den lediglich sein Büro davor bewahrt, nach dem Verlust der Wohnung auf der Straße leben zu müssen.

Wutkas Film ist so auch eine Kommentierung der politischen Verhältnisse Hamburgs. „Eine Stadt, die auch ihre gebrechlichen Viertel schätzt, ist eine gute Stadt.“ Dieser Wunsch Wutkas, auf Leipzig-Ost bezogen, muss auch für eine Stadt wie Hamburg gelten, die meint, sich zehn Bauwagen im Karolinenviertel nicht leisten zu können.