Der unglückliche Dritte

VON INES KAPPERT

„Der Mann in der Krise“ ist seit gut einer Dekade eine populäre Figur in der Massenkultur. Er hat sich zu den Erfolgstypen à la Josef Ackermann und Brad Pitt als unglücklicher Dritter gesellt. Ausgerechnet ihm ist es zum Großteil zu verdanken, dass die Frage, wann ein Mann als Mann akzeptabel ist, heute nicht mehr nur in den Universitäten oder am Frauenstammtisch diskutiert wird.

Ob in Talkshows, den Feuilletons, Hollywoodfilmen, internationalen Bestsellern oder in der Ratgeberliteratur: Das Verhältnis von ganz normalen Männern zu ihren vorhandenen oder möglichen Kindern, ihrem Beruf, ihrem Kaufverhalten, ihrer Sexualität und Körperpflege wird wie nie zuvor in der breiten Öffentlichkeit als Problem diskutiert. Denn irgendwie läuft es nicht gut; immer mehr Männer artikulieren Überforderung und werden als verunsichert, in Härtefällen gar als realitätsuntüchtig wahrgenommen. Zudem birgt die Frage der krisengeschüttelten Maskulinität ordentlich Aufregungspotenzial. „Da ist Musik drin“, wie man in Journalistenkreisen gerne sagt. Warum eigentlich?

Immerhin sind die Verdienstmöglichkeiten und die Aufstiegschancen des Durchschnittsmannes nach wie vor in aller Regel besser als die von gleich oder besser qualifizierten Frauen. Erst diesen Sommer machte eine OECD-Studie auf das Einkommensgefälle zwischen Männer und Frauen aufmerksam. Überall in Europa verdienen Männer deutlich mehr, in Deutschland im Durchschnitt knapp 25 Prozent. Da unter kapitalistischen Bedingungen gesellschaftliche Teilhabe über Geld gewährleistet und geregelt wird, sind solche Einkommensunterschiede kein Pappenstiel.

Auch im sozialen Gefüge stellen normale Männer mitnichten das Schlusslicht dar. Im Gegensatz zu offen schwulen Geschlechtsgenossen oder Männern mit sogenanntem Migrationshintergrund müssen sie sich gemeinhin keines sozialen Rassismus erwehren. Zwar tut sich etwas an der Erziehungsfront, doch bei aller Diskussion über die neuen Väter wird die Erziehungsarbeit weiter de facto mehrheitlich von Müttern geleistet. Zumal sie nicht in urbanen Ballungszentren leben. Doch Empirie und entsprechendes Zahlenmaterial können die Krise „des Mannes“ nicht kurieren, sie werden bei der Diskussion über aktuelle Männerprobleme immer systematisch ausgeblendet.

„Der Mann in der Krise: Ein Gockel, der so gerne größer wäre“, Rezension, FAZ, 22. 6. 2008 / „Männlichkeit: Kerle in der Krise“, Rezension, Tagesspiegel, 29. 5. 2008 /„Mann oh Mann“, Themenabend bei Arte, 9. 9. 2008: „Die Männer sind desorientiert, zornig, aufgebracht, entrüstet, frustriert, ironisch, kastriert und wer weiß was noch alles“ / „Problemzone Mann“, Titelgeschichte, Focus, 18. 4. 2005 / Wenn Männer keine Gefühle haben“, Teil 1 + 2, Der Spiegel, 7. 3. 2005 / „Angeknackste Helden“, Titelgeschichte, Der Spiegel, 17. 5. 2004 / Eine Krankheit namens Mann“, Titelgeschichte, Der Spiegel, 15. 9. 2003 / „Krise des weißen Mannes“, Bericht, Die Weltwoche, 15. 5. 2003 / „Risikofaktor Mann. Der starke Anstieg der Gewalt“, Essay, taz, 8. 3. 2003 / „Die Beschwörung der Väter“, Bericht, Psychologie heute, Februar 2002 / „Nach den Männerbünden kommen die einsamen Herren“, Bericht, FAZ, 5. 9. 2001 / „Expedition ins Land Maskulinia“, Titelgeschichte, Focus, 2. 6. 2001 / „Der Mann in der Krise“, Bericht, FAZ, 2. 6. 2001 / „Lassen Sie uns über Männer reden“, Bericht, Frankfurter Rundschau, 12. 8. 2000 / „Was vom Manne übrig ist“, Rezension, FAZ, 10. 11. 1999 / „Die ‚Mühlen der Entmannung‘ “, Bericht, Frankfurter Rundschau, 13. 10. 1999

Das gleichwohl rege öffentliche Interesse hängt wesentlich mit drei Faktoren zusammen. Zum einen repräsentiert „der Mann“ ohne besondere Kennzeichen nach wie vor die Mitte der Gesellschaft. Ist er in der Krise, dann bedeutet das: Etwas Wesentliches ist aus der Balance geraten. Eine bürgerliche Gesellschaft nämlich, die nicht in der Lage ist, ihrem normalsten Vertreter eine Glücksmöglichkeit zu bieten, hat ihre Legitimation verspielt. Bei der Diskussion über den „Mann in der Krise“ geht es folglich um die Gesellschaft im Ganzen, ihre Ordnung, ihre Zukunft. Wen sollte das kaltlassen? Insofern ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich der Krisendiskurs beharrlich mit einer Kritik an der radikalen Ökonomisierung der sozialen Beziehungen verknüpft. Der zunehmende Druck auf alle Menschen, ihr Leben nach Effizienzkriterien auszurichten, bedeutet für die allermeisten eine Einbuße an Lebensqualität. Gemeinsam mit gewachsenen Ansprüchen in Sachen Fitness und sozialer Verantwortung bedeuten diese Entwicklungen eine merkliche Verengung von Spielräumen auch für den Vertreter der Mittelschicht. Und der Krisendiskurs ist ein Mittelschichtsphänomen.

Zweitens ist das Prinzip Männlichkeit traditionell mit Eigenschaften der Stärke und nicht der Schwäche belegt. Und drittens war die Verhandlung von Männlichkeit bislang ein Thema der Männerkritiker, mithin Topos der Feministinnen und der Schwulen- und Lesbenbewegung, die den heterosexuellen Mann als Role Model nicht hinnehmen mochten. Seine nun ausgestellte Schwäche, seine Thematisierung als Opfer, führt zu gravierenden Irritationen auf der symbolischen Ebene, verletzt sie doch das Grundgesetz männlicher Dominanz. „A man’s got to do what a man’s got to do“ – erinnern wir uns kurz an den berühmten Ausspruch des Prototyps des „Mann-Mannes“: John Waynes. Ein Mann handelt, und zwar wie ein Mann. Er wirbt nicht um die Akzeptanz der ihm zugewandten Frau oder gar um die des schwulen oder schwarzen Mannes auf der anderen Seite des Ufers. Er setzt seine Vormachtstellung voraus, immerhin hat er den Feind im Blick. Und über Probleme reden tut er auch nicht.

Nun aber ist die ironiefreie Identifikation mit diesem Helden für den Normalmann nicht unmöglich, aber schwerer geworden. Denn für ihn gilt allzu oft: „Am Wochenende verkehre ich in der Regel mit niemandem. Ich bleibe zu Hause, räume ein wenig auf und kultiviere eine kleine Depression.“ Sex, Abenteuer, Superfrauen haben die Brad Pitts und Josef Ackermanns, der Durchschnittsmann dagegen bringt es dramatisch selten zum Verkehr; meist scheitert er in seiner eigenen Wahrnehmung schon beim Erstkontakt mit dem anderen Geschlecht. Glaubt man dem Erfolgsschriftsteller Houellebecq, führt er ein herzerweichend freudloses Leben.

Michel Houellebecqs Antihelden zählen zu den bis heute berühmtesten Verlierertypen in der Belletristik. Dass der französische Autor in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurde und unlängst auf der Shortlist für den Literaturnobelpreis stand, dürfte er just der Ausformulierung dieses spezifischen Lebensgefühls von Verlust, Wut und Verlorenheit verdanken. Sowohl in „Ausweitung der Kampfzone“ und „Elementarteilchen“ als auch in „Plattform“ gilt sein Furor ebenso dem Verdruss über die männliche Schwäche wie der unzumutbaren Dumpfbackigkeit seiner Mitmenschen. Vor allem die systemkonformen Karrierefrauen rauben ihm den Nerv. Gleichzeitig eignet diesem wütenden Leiden ein nostalgisches Moment. Früher – das bedeutet für Houellebecq vor der sexuellen Revolution, vor der Legalisierung von Abtreibung und Pille, mithin vor der Entfesselung der weiblichen Sexualität und des zunehmenden Machtstrebens von Frauen –, da gab es sie noch, die richtigen Männer. Da machten Filmhelden ihnen noch Spaß und erhöhten ihr Selbstwertgefühl. Heute fühlt sich der normale Mann nur mehr als Karikatur seiner Exhelden. Das macht weniger Spaß. Von der Herablassung der weiblichen Kollegen gar nicht zu reden. Konsequenterweise lässt Houellebecq seine Icherzähler aus der Gesellschaft aussteigen. Allerdings nicht als traurige Rebellen, wie es etwa noch ein James Dean tat, sondern als Patienten. Seine Hauptfiguren sind schwer depressiv, überleben weder ihren Herzklappenfehler noch ihren Liebeskummer. Die Inszenierung des „Mannes in der Krise“ ist unversöhnlich.

Natürlich handelt es sich bei Houellebecqs Texten wie auch denen anderer Autoren der Krise um Überzeichnungen; niemand würde das schneller zugeben als die Verfasser selbst. Die Realität ist weder so eindeutig noch so düster. Dessen ungeachtet bleibt die Frage, warum es so attraktiv ist, sich als Opfer zu inszenieren; warum diese und ähnliche Narrationen so viele – vor allem männliche – Leser und Zuschauer finden. Was genau ist gewonnen, wenn „normale Männer“ sich zunehmend als überfordert, verloren und verwirrt adressieren lassen?

Es ist zweifellos riskant für die männliche Aufführung von Geschlecht, das „Doing Gender“, sich als schwach, unglücklich und ratlos zu präsentieren. Riskant deshalb, weil das Menetekel der Verweiblichung droht. Für keinen Mann ist es ein Spaß, das Etikett „weibisch“ verpasst zu bekommen. Die Grenze zum anderen Geschlecht sollte nur im souveränen Sinne, etwa im Sinne des Metromannes, überschritten werden. Siehe David Beckham. Beim „Mann in der Krise“ aber findet eher eine Hausfrauisierung statt. Eine Szene aus dem Roman „Ausweitung der Kampfzone“ versinnbildlicht diese Entwicklung: Der männliche Angestellte bleibt wie früher die Hausfrau allein zu Hause zurück. Das Draußen, die weite Welt, ist die Bühne, auf der sich die anderen tummeln.

Doch halten wir erneut fest: Das aktuell diskutierte Drama männlicher Identitätsbildung findet statt vor dem Hintergrund, dass der Heteromann in all seiner Durchschnittlichkeit und Krisenanfälligkeit natürlich auch auf der Bühne des Draußen präsent ist, er ist nur nicht mehr ausschließlich unter seinesgleichen. Einige Heterofrauen und einige offen dem eigenen Geschlecht zugetane Männer und Frauen sind hinzugekommen, auch der ein oder andere Migrant tritt mit ihm heute in Konkurrenz. Außerdem soll er sich zusätzlich um seine Kinder kümmern. Und zwar nicht nur am Wochenende. Das zehrt, und es fehlen die Vorbilder. Wir haben es also mit einer Ambivalenz zu tun: Einerseits wird dem Bild des starken Mannes die offene Flanke der Unsicherheit und des Defizitären zugefügt. Kritik ist nicht neu, ungewohnt jedoch ist die Explizitheit, auch die Aggression, mit denen sich Autoren der Krise über den trotteligen Mann lustig machen.

Genau aber diese Mischung aus Vormachtstellung und Niederlage, der Mix aus Den-Überblick-Haben und Teil-des-Problems-Sein, macht schon den ganz durchschnittlichen Mann in seiner Klage über die eigene Überforderung (wieder) zum Seismografen einer tatsächlichen gesellschaftlichen Schieflage. Denn wer wollte bestreiten, dass der Geschlechtervertrag der Korrekturen bedarf und dass der allgegenwärtige Leistungsdruck die Mittelschicht reihenweise der Depression in den Rachen wirft? Ein Tor, wer in dieser Position nicht lauthals Kritik anmeldete.

INES KAPPERT, 1970, ist taz-Redakteurin im Meinungsressort. Soeben erschien ihr Buch „Der Mann in der Krise oder: Kapitalismuskritik in der Mainstreamkultur“. transcript Verlag, 2008, 250 Seiten, 27,80 Euro