Das lange Solo da da danach

Peter Behrens steht am Tresen und stochert im Nebel. Der Nebel hängt in seinem Kopf. Ab und zu blinkt ein flaues Licht aus dem Grau, „nichts Konkretes“, sagt Behrens. Er wartet. Wenn der Nebel sich lichtet, könnte sich etwas Großes zeigen. Eine neue Sache, die alles verändert. „Eine Startrampe für irgendwas“, sagt Behrens. Er nimmt einen Schluck Bier aus der Flasche. An der Wand hinter ihm flimmert ein Spielautomat.

Bis der Nebel verschwindet kann Behrens nichts machen. „Suchen hat keinen Zweck“, meint er. Peter Behrens kann nur hier in Wilhelmshaven in einer Kneipe stehen und warten. Ein kleiner, unauffälliger Mann, Mitte 50, der am Hinterkopf eine Glatze bekommt. Er kann hier nur am Tresen stehen, eine Zigarette nach der anderen rauchen und von früher erzählen. Als sich schon einmal so etwas wie eine Startrampe aufgetan hat.

Es gab eine Zeit, da war Peter Behrens ein bekannter Mann. Er war der Schlagzeuger von Trio. 1982 hatte die Band mit ihrem Lied „Da da da“ einen großen Hit. Nicht nur in Deutschland, wo die Neue Deutsche Welle die Hitparade überrollte. Mit „Da da da“ wurde Trio in der ganzen Welt berühmt. Die Leute in Feuerland, Belgien, Hongkong, Brasilien und Texas schalteten ihre Radios ein und hörten das Lied. Sie rannten in die Läden und kauften die Platte.

Trio traten in der Musiksendung „Top of the Pops“ in England auf. Das hatte noch keine deutsche Band vor ihnen geschafft. Bei einem Konzert in Verona spielte Trio vor 30.000 Italienern, die sie wie Helden feierten. „Irgendwann ab da liefen dann auch die Gelder“, sagt Peter Behrens.

So fing die Sache an. Er stand am Schlagzeug, denn das war sein Markenzeichen: dass er sein Schlagzeug im Stehen spielte, nicht im Sitzen. Peter Behrens trommelte, und das Geld kam zu ihm. Es hatte lange auf sich warten lassen. Aber warten müssen Rock ’n’ Roller wohl immer. Denn so geht die Legende: vom Staub, der an den Stiefeln klebt, von vergeblicher Liebe, Alkohol und Tränen im Schmutz. Am Ende verkauft der Verdammte dem Teufel seine Seele und bekommt dafür den Blues mit auf den Weg. „Als Rock ’n’ Roller strampelst du dir jahrelang den Arsch ab und kriegst keine Kohle“, knurrt Behrens. Bevor Trio kam, hat er in einer Krautrock-Band gespielt, er hat Tanzmusik gemacht, Swing- und Schlagerstücke begleitet. „Du musst richtig durch die Scheiße gehen.“ Es war nicht leicht. Auch die Stimme hat Schäden zurückbehalten, so rau wie sie klingt.

Weiber, Alkohol, Kokain

Das Geld hätte die Lösung sein können. Es wäre eine kurze, glückliche Geschichte gewesen, darüber, wie drei Männer aus Ostfriesland in einem Schweinestall ein Lied aufnehmen, über Nacht einen Hit landen und fortan ein angenehmes Leben in Wohlstand und Zufriedenheit führen. Tatsächlich ist die Sache für die anderen beiden Bandmitglieder ungefähr so ausgegangen: Der Sänger Stephan Remmler lebt heute mit seiner Familie auf Teneriffa. Der Gitarrist Kralle Krawinkel bewohnt eine Finka in Südspanien.

Für Peter Behrens ist es nicht so gut gelaufen. Auf den spontanen Ruhm, folgten ein schneller Abstieg und ein langes, saures Aushalten. Wenn die Geschichte kurz gewesen wäre, stünde Behrens jetzt nicht in Wilhelmshaven am Tresen mit einer Bierflasche in der Hand. Vielleicht hatte das Geld damals zu lange auf sich warten lassen. Vielleicht waren die Versuchungen zu groß. Vielleicht ist ein Schlagzeuger immer irgendwie ein sentimentaler Held.

Es war ein schöner, kurzer Rausch. Er hat das Geld ausgegeben. „Es hat, verdammt noch mal, Spaß gemacht, die Kohle rauszuschmeißen!“, ruft Behrens. Er ruft es gegen die Wand. Er hat eine Million durchgebracht in ein paar Monaten. „Das Geld ist weg. Weiber, Alkohol, Kokain.“ Er hatte eine teuere Freundin in München. Er hat ein halbes Jahr Urlaub gemacht auf den Seychellen. Er hat die vornehmsten Skiorte dieser Welt besucht, hat Champagner getrunken, Drogen genommen. Er hat sich seine Knochen versichern lassen. Alten Musikerfreunden hat er Geld geliehen. „Das Geld wollt ich nie wiederhaben, is doch Ehrensache“, ruft er und nimmt einen neuen Schluck Bier.

Irgendwann fingen die Probleme an. Es war alles zu plötzlich gegangen. Mit einem einfachen Lied waren sie berühmt geworden, jetzt hatten sie auf einmal Konzerte mit Yoko Ono und wohnten im Ritz-Hotel in New York, die Welt drehte sich immer schneller, sie kamen nicht mehr mit. Die Luft bei Trio war irgendwie raus. Sie fingen an, sich gegenseitig zu nerven. „Man denkt immer, man verändert sich nicht. Aber bei den anderen bemerkt man die Veränderungen und die stören einen dann“, brummt Behrens. Er fing an zu trinken. Die zweite Platte verkaufte sich weniger gut. Sie drehten einen Film. Der Film lief nicht so richtig. Die Band fiel auseinander. Peter Behrens trank mehr. „Um den Stich nicht zu spüren, dass es zu Ende ist“, sagt er. Er guckt in die Luft, schaut seinem Satz hinterher.

Das Finanzamt meldete sich und wollte 300.000 Mark haben. Alle drei Jahre kamen jetzt die Steuerbeamten und forderten solche Summen. Ein Schlagzeuger ist kein Buchhalter. Peter Behrens hatte kein Geld mehr. Er versuchte es mit einer Solokarriere. Seine Platten verkauften sich nicht. Er spielte in ein paar Filmen mit. Die Filme wurden alle kein großer Erfolg.

Es ist schwer herauszufinden, was danach kam. Die Geschichte versinkt in einem dunklen Loch aus Alkohol und Verdrängung. Wie viele angefangene Versprechen, wie viele abgebrochene Beziehungen in dem Loch gelandet sind, ist nicht zu ermitteln. „Ein blödes Spiel und wo steh ich?, darum ging es“, nuschelt Behrens. Das ist alles, was er dazu sagt. Er raucht und schweigt.

Arbeitslos, ABM, Sozialhilfe

Ein halbes Jahr arbeitete Behrens als Clown beim Roncalli-Zirkus am Einlass. Danach trat er in Wilhelmshaven eine ABM-Stelle als Sozialarbeiter an, er lief durch die Straßen, verteilte Kondome und erzählte den Junkies von Aids. Einmal half er bei einer Irish-Folk-Band aus. Der Schlagzeuger der Band war krank geworden, und Peter Behrens sprang ein. Der Schlagzeuger von Trio bei einer Irish-Folk-Band! Das Engagement lief nur ein paar Monate. Er trudelte von einer halben Sache zur nächsten. Zwischendurch war er immer wieder arbeitslos und lebte von Sozialhilfe. „Ich war keinen Abend nüchtern“, sagt er.

Den Alkohol hat er jetzt im Griff, erklärt Behrens und guckt vor bei an der Flasche, die vor ihm wartet. „Das Suchtpotenzial ist bei mir nicht mehr vorhanden, sagt mein Arzt.“ Man muss das nicht glauben bei einem, der sich zwei Zimmer über einer Kneipe gemietet hat und der schon mittags unten am Tresen steht und Biere trinkt. Die Dinge haben sich verlangsamt. Von den Bandkollegen hat er seit über zehn Jahren nichts mehr gehört. Beim Finanzamt hat er immer noch Schulden, aber die Beamten wissen: Bei ihm ist nichts zu holen.

Mit einer Band tingelt Behrens gelegentlich über die Dörfer. Sie spielen Bon-Jovi-Hits nach oder was von Trio. Die Band hat noch einen anderen Schlagzeuger. Behrens spielt nur mit, wenn die Veranstalter unbedingt wollen, dass er dabei ist. Einmal die Woche gibt er Schlagzeugunterricht für Jugendliche. Ab und zu drückt ihm jemand einen Schein in die Hand. Sonst passiert wenig. Er steht in der Kneipe, Leute kommen rein, er winkt. Behrens ist ganz froh, dass nicht zu viel los ist.

Es gibt diese Anspannung in seinem Kopf. Etwas baut sich auf, das spürt er ganz deutlich. Die Erwartung auf das, was kommt, wenn der Nebel sich lichtet. „Ich seh da was auf mich zukommen, was ich noch nicht beurteilen kann“, sagt er. Er lacht. Eine Heiterkeit, die man lange nicht mehr bei ihm gesehen hat. Es wird kommen im neuen Jahr, vielleicht ganz bald schon. Peter Behrens wirkt ganz gelöst jetzt. „Es wird etwas mit Musik sein und Bühne“, sagt er. Nur was? Behrens weiß es auch nicht, aber er ist optimistisch. Dann werden andere die Interviews mit ihm arrangieren müssen, nicht er selbst, sagt er. Er wird besser mit dem Ruhm klar kommen diesmal, er hat ja gelernt, meint er. Er redet schnell, wie ein Profi auf einmal, und es ist deutlich: Im Kopf hat er den Nebel übersprungen und ist schon beim Erfolg angekommen.

Eine gewagte Landung. Aber vielleicht ist Peter Behrens einfach so wie alle Menschen im Land. Es geht ihnen schlecht, eine Besserung ist nicht in Sicht, vielleicht lichten sich die Nebel nie mehr, aber alle reden von Aufschwung. Peter Behrens ist jedenfalls bereit. Er steht am Tresen und wartet.