Hitzefrei an der Business-School

Schriften zu Zeitschriften: „eigentümlich frei“, ein libertäres Fanzine, geißelt den Etatismus der 68er

Auf der vorderen Umschlagseite Che Guevara, hinten Alexander von Stahl als Werbeträger für die Junge Freiheit – diesen waghalsigen Spagat muss aushalten, wer sich das Prädikat „libertär“ verdienen will. Für eine Zulassung in den exklusiven Klub scheint unbedingt erforderlich, die handelsüblichen Labels zu ignorieren und sich auf ein Abenteuer jenseits linker und rechter Verheißungen einzulassen. Schon lange spekulierte man ja darüber, was die verstreute libertäre Bewegung eigentlich im Innersten zusammenhält. Dank dem Monatsmagazin eigentümlich frei (ef) aus Grevenbroich weiß man es nun endlich: Es ist die begründete Sorge, einmal so zu werden wie die Altvorderen.

Das aktuelle Schwerpunkthema der „Streitschrift für das große Ich“ sind „Die 68er nach dem langen Marsch“. Das Timing stimmt, schließlich verweist nicht nur der Spiegel zurzeit gern auf die rot-grüne Genealogie von geläuterten Altkommunarden, lustigen Bierdeckel-Kabinetten und erzwungenem Schulterschluss mit der protestantischen Friedensbewegung. Selbstredend nutzen die Egomanischen die Gunst der Stunde, um der amtierenden Regierung das fatale Erbe von 68 unter die Nase zu reiben. Die in diesem Kontext wohl unvermeidliche Bettina Röhl unterstellt Joschka Fischer Ambitionen, zu einem parteilosen Bürgerkaiser aufsteigen zu wollen, schließlich sei er „genauso kleinwüchsig wie Napoleon“. Und im Hochgefühl, mit dem Kauf der Steuersong-CD einmal gründlich gegen die Hannes-Wader-Hegemonie angegangen zu sein, geißelt Herausgeber André Lichtschlag die „strukturelle Gewalt der neuen Regierung mit all ihrer menschenverachtenden Verstaatlichung und Politisierung aller Lebensbereiche“.

Gerhard Schröder dürfte sich freuen, öffentlich der Politisierung bezichtigt zu werden. Doch ist damit natürlich nicht seine neu entfachte Liebe zur Konfrontation gemeint, sondern allenfalls etatistische Grundübel wie Dosenpfand, Gesamtschulen, Filmförderungen und die „krakenhafte Fürsorgebürokratie“. Zu großer Form läuft ef erwartungsgemäß immer dort auf, wo die soziale Marktwirtschaft in den Mülleimer der Geschichte gekloppt werden soll. Man erhält die schönste symptomatische Lektüre, wenn die verhassten 68er-Oberlehrer von den ebenfalls durch keinerlei Selbstzweifel getrübten Lümmeln aus der ersten Reihe attackiert werden.

So zum Beispiel von einem 30-jährigen Schlipsträger namens Jens P. Meiners, der sich über die „Demokratisierung der Wirtschaft“ und das „ungepflegte Äußere“ von Woodstock-geprägten WDR-Intendanten mokiert. Man würde diesem Stirnbieter gerne besänftigend über den Kopf fahren und ihm wünschen, dass Professor Westerwelle auf der Pippi-Langstrumpf-Business-School endlich hitzefrei gibt, wenn er es nicht noch schaffte, für seinen Bannfluch gegen linkes Konformitätsdenken die Herren Fuhr, Nolte und Mahler zu bemühen. So geschmeidig sieht vorauseilende Immunisierung gegen „Gesinnungskontrollen“ aus.

Spaß habe 1968 aber auch gemacht, konzedieren die Teilnehmer eines Roundtable-Gesprächs. Die eigentlichen Feinde verortet man bei den „81ern“, welche die frivolen Aspekte des Aufbegehrens mit ihrer apokalyptischen Grundhaltung zugedeckt hätten. Deshalb, so der Befund, schreie die Machtfülle verzagter Exspontis und satter Gremienhopper nach einer neuen Kulturrevolte.

Wer immer dafür das Personal stellen soll, im Dunstkreis von ef ist es nicht zu suchen. Ein angeblicher Kreuzberger Guerillakämpfer wartet nur mit einer imposanten Fake-Biografie auf, und in einer Persiflage über die „K-Gruppen von morgen“ dürfen sich diverse ef-Autoren, schön gespalten in 13 Unterfraktionen wie „Die neoobjektivistischen Revisionisten der Objektivistischen Union (OU)“ oder „Die freiheitlich-christliche Abspaltung Kirche Kapitalismus Klaube (KKK)“, noch einmal in einem kurzen Sommer der Anarchie bräunen. Ein lustiges Sandkastenspiel für Nietzsches in Nadelstreifen; Männer mit Bauchansatz, die sich in postheroischer Pose gegenseitig die Eier schaukeln. Das ist die Szene, von der mich meine Mutter immer gewarnt hat.