FALL METZLER: DIE FOLTER-DEBATTE IST UNBEQUEM – UND NÖTIG

Schmutzige Entscheidungen

Sollen Polizisten manchmal foltern? Letzte Woche noch hätte die Frage hierzulande Empörung ausgelöst. Gemeinhin kennt der deutsche Rechtsstaatsbürger Folter nur aus Berichten von amnesty international – und also als Ausdruck von Barbarei in fremden Ländern. Das Echo auf den Fall der Frankfurter Vernehmungsbeamten ist darum erstaunlich. In der Berichterstattung der letzten Tage wie in Gesprächen bei der Arbeit, in der U-Bahn oder am Küchentisch ist viel Verständnis anzutreffen für die Gewaltdrohung der Polizisten, um von einem Entführer das Versteck seines zwölfjährigen Opfers zu erfahren. Spricht daraus Verrohung, lauert dahinter ein Plädoyer für Folter?

Nicht unbedingt. Ein Gutes hat die Debatte: Sie hat uns vor Augen geführt, wie fragwürdig unsere Selbstgewissheiten sind. Wir merken daran, wie schwer es ist, richtige Entscheidungen in einer unübersichtlichen Welt zu treffen. Wie schnell, wie eilfertig sind deutsche Kommentatoren sonst mit einem Urteil zur Hand: wenn in Israel diskutiert wird, wie weit die Polizei gehen darf, um von palästinensischen Terrorverdächtigen Details über geplante Anschläge zu erfahren; wenn sich die US-Justiz eine Grenze sucht zwischen Terrorvorbeugung und Rechtsbeugung.

Deart harte Entscheidungen blieben den Bundesbürgern bisher weitgehend erspart. Deutschland ist Sofaland, ein gut gepolstertes Idyll, in dem die Härten konkreter Bedrohungen nur gedämpft zu spüren sind. Folglich genießen Politik und Öffentlichkeit den Luxus, die Welt aus dem Lehnsessel heraus zu unterteilen in Menschenrechtsanwälte wie uns und Menschenschinder anderswo. Das macht das deutsche Urteil nicht immer falsch, aber oft etwas bequem.

Weil im Frankfurter Fall das Tun wie das Unterlassen hätte fatal sein können, erinnert er an eine Realität, die wir uns im Wohlstandsparadies gern vom Leibe halten: den Zwang zu schmutzigen Alternativen, zu Entscheidungen, die keinen sauberen Ausweg lassen. Sich dieser Realität zu stellen ist ein Fortschritt – zumal für ein Land, das Selbstgewissheit im Übermaß besitzt und mit der Erkenntnis, dass es manchmal keine perfekte Lösung gibt, eher unterversorgt ist. PATRIK SCHWARZ