„Die Wirtschaft verführen“

Wieland Speck, Programmleiter des Panoramas, im Gespräch über die Vergangenheit und Gegenwart des schwullesbischen Kinos – und über das Verhältnis von Markt und Nische: „Filme sind auf mehr angewiesen als auf eine kleine gesellschaftliche Gruppe“

Interview MANFRED HERMES

taz: Herr Speck, Sie sind der unangefochtene Mr. Panorama. Schaut man in Ihre Biografie, erkennt man aber diverse andere Ansätze und Projekte – und natürlich ist da Ihr eigener Film „Westler“.

Wieland Speck: Es fing eigentlich mit politischer Aktivität an. Ein wichtiger Grund für meinen Umzug nach Berlin war 1972 die HAW, die Homosexuelle Aktion Westberlin. Das war die Zeit heftigster Flügelkämpfe innerhalb der HAW und mit den Leuten von der SEW, dem Westberliner Ableger der SED, die ziemlich orthodox, aber fast alle schwul waren. Von heute aus gesehen war das eine schrille Konstruktion. Darum ging ich in den Männerrat, dem es vor allem um die Emanzipation des Mannes ging – darum, den Mann erst mal neu zu positionieren in diesem Dualismus, in dem die Schwulen keinen Platz haben, um so das schwule Problem sozusagen von selber zu erledigen.

Sie haben bei George Kuchar in San Francisco Film studiert.

Den hatten wir in Berlin im Tali, dem Vorgänger vom Moviemento, gezeigt. Dann war ich Darsteller in Praunheims „Rote Liebe“. Rosas Kameramann war Mike Kuchar, der Bruder von George, und als mich die DFFB ablehnte, habe ich gesagt, fuck you, und bei ihm in SF zu studieren begonnen. Meinen ersten 16-mm-Kurzfilm hat dann Manfred Salzgeber ins Panorama geholt.

Gab es im Panorama von vornherein diese schwullesbische bzw. seit 1980 wohl eher schwule Profilierung?

Absolut, da kam Salzgeber ja her. In den Siebzigern hat er die Off-Kino-Szene Berlins stark mitbestimmt, das Forum und das Arsenal mitbegründet. Da hat es schon eine präschwule Filmarbeit gegeben. Dann verkrachte er sich mit den Leuten vom Forum – es war der „deutsche Herbst“ – witzigerweise über ein Programm mit palästinenischen Filmen, das er machen wollte. Er wurde von Erika Gregor massiv beschimpft, und da hat er gesagt: Ich muss weg hier.

So wurde das Panorama zu einem Spiegel auch des schwullesbischen Films.

Wir wollten schon die Filme zeigen, die sonst kaum gezeigt wurden, und so hat sich das dann schnell herausgebildet, dass wir zur Anlaufstelle für viele Leute wurden, die in diesem Bereich gearbeitet haben. Das war damals eine sehr versprengte Szene. Es gab dieses Netz der Festivals ja noch nicht. So haben sich Kontakte ergeben, was den internationalen Austausch von Filmprogrammen sehr beflügelt hat.

1987 wurde der erste Teddy vergeben. Was war die Idee dieses Preises?

Wir hatten regelmäßig die Topleute auf der Berlinale, wir hatten die interessanten Filme, da haben wir gesagt: wir machen einen Preis. Das bewirkt, dass man noch mal genauer hinschaut! Es war auch eine Vermittlungsidee von schwullesbischer Filmarbeit in den Markt hinein. Im ersten Jahr ging der Teddy an Pedro Almodóvar, den damals kein Mensch kannte. Es war immer der Vorteil von Berlin, dass man hier ein hoch motiviertes Stadtpublikum hat, das auch schwierige Filme stützt. Mit dem Teddy gab es die Chance, der Wirtschaft gegenüber auch mit dem Publikum argumentieren zu können. Im Sinne von: Dieser Film könnte es schaffen, zumindest in den Arthouses.

Das Panorama als Brückenbauer zwischen Film und Auswertung …?

Absolut. Das kommt noch vom Kinomachen her, Manfred Salzgeber war Kinomacher, ich selbst habe Kino gemacht. Eine Idee hinter dem Panorama ist schon, das Filmkunst-Kino zu unterstützen. Wir versuchen, die Wirtschaft dazu zu verführen, blind reinzulaufen ins Panorama. Sie sollen wissen, dass es, egal was läuft, Haken und Ösen gibt, um weiterzuarbeiten.

Anfang der Neunzigerjahre gab es einen Schub im schwullesbischen Film, vor allem in den USA: wie die Regisseure Todd Haynes, John Greyson oder Rose Troche. Zehn Jahre später produziert deren Produzentin Christine Vachon das Material für Golden-Globe- und Oscar-Nominierungen, und auch das Fernsehen hat viel absorbiert.

Du kannst nicht ewig dabei bleiben, das ist letztlich ein zu kleiner Markt. Filme sind immer auf mehr angewiesen als auf eine kleine gesellschaftliche Gruppe. Deshalb wird das schwullesbische Filmschaffen wahrscheinlich immer von Leuten abhängen, die gerade anfangen.

Umgekehrt könnte man sich fragen, an welcher Stelle das schwullesbische Etikett aufhört, Sinn zu machen. Hat die Mainstreamisierung Auswirkungen auf das Programm?

Es betrifft vor allem die Produktionen. In Deutschland hat es dazu geführt, dass Filme nicht mehr produziert werden. Wenn jeden Abend in der Vorabendserie Schwule durchs Fernsehen laufen, dann fragen dich die Produzenten, warum du jetzt noch unbedingt einen Film mit einer Schwulenthematik machen willst. In Amerika kannst du noch eher Nischenfilme machen und zugleich eine Marktchance haben.

So viele schwullesbische US-Filme gibt es doch gar nicht mehr im Programm. Es scheint eine Art Dezentrierung emanzipatorischer Bewegung stattzufinden …

Filme wie „Mil nubes …“ von Hernández aus Mexiko sind ein Beispiel für einen kulturellen Hintergrund, wie wir ihn Mitte der Achtziger hatten. Das gilt auch für China. Wir sehen unsere Aufgabe auch darin, diesen Filmen ein gewisses Standing auch im eigenen Land zu verschaffen. Die Philippinen sind so ein Beispiel, wo das geklappt hat. Das Filmfestival Kiew hat jahrelang „Panorama“-Abende gemacht, als Vorwand, um schwule Filme zu zeigen, was sie sich sonst nicht getraut hätten. Jetzt wollen sie sogar eine Art Teddy vergeben.

Ist Panorama immer noch ein Vorreiter des schwullesbischen Films?

Das vielleicht nicht, aber die Leute kommen alle hierher. Die Vernetzung ging von hier aus, bleibt ein Bestandteil des Panoramas. Das fördern wir schon durch die Teddy-Jury. Wenn wir Leute einladen etwa aus Afrika, die gerade versuchen, selbst ein Festival auf die Beine zu stellen, dann können die hier eine Bestätigung bekommen, die nicht zu unterschätzen ist.

Gibt es eine Konkurrenz um Filme zwischen Panorama und Forum?

Das kommt manchmal vor. Dann redet man miteinander, oder wir laden den Film ein und der Produzent entscheidet, wo er hinwill. Die Profile der Programme sind ja unterschiedlich genug. Das Panorama versucht, vom kämpferischen und entschieden politischen Film bis hin zu jeder Form von Unterhaltung das Puzzle anzubieten, das die Welt auf Lager hat.