Konservierte Bewegung

Das Bremer Archiv der sozialen Bewegungen sammelt seit drei Jahren linke Geschichte. Im Keller des Infoladens lagern auf 300 Regalmetern brisante Schriften neben Flugblättern und Plakaten

Hinter bunten Mauern in der Bremer St.-Pauli-Straße gibt es seit drei Jahren eine Einrichtung, von der nur wenige etwas wissen: Das Archiv der sozialen Bewegungen sammelt haufenweise Dokumente, die im Staatsarchiv eher nicht zu finden sind. Brisante Publikationen heutiger Spitzenpolitiker findet man – nach längerer Suche – genauso, wie die ersten Schriften der RAF.

„Archivare messen ihren Bestand in Regalmetern. Wir haben etwa 300“, sagt Bernd Hüttner, Diplompolitologe und Initiator des privaten Archivs. In einem kleinen Raum und im Keller des Infoladens lagern in hohen Regalen 1.300 Bücher, 600 Zeitungs- und Zeitschriftentitel, 200 Aktenordner gefüllt mit Artikeln, Flugblättern und Broschüren, sowie unzählige Plakate.

Was Joschka Fischer 1981 zum Nahostkonflikt schrieb

Angefangen hat es mit der Sammlung des Bremer Infoladens, der dem Archiv die Räume mietfrei zur Verfügung stellt. Hinzu kamen Materialspenden von anderen Archiven, Privatleuten oder Einrichtungen wie der Leihbücherei im Sielwallhaus. Aus Hamburg und Oldenburg kannte Hüttner die Idee der Bewegungsarchive und sah die „Notwendigkeit“, in Bremen, einer Stadt, „in der es eine vielfältige linke Szene gibt“, ein ähnliches Projekt zu schaffen.

Gerade arbeiten Hüttner und sein Mitstreiter Ben Christ, seit dem letzen November dabei, daran, den Bestand neu zu sortieren und in Pappschachteln zu packen. „So kann der Alterungsprozess der Dokumente verlangsamt werden.“ Denn die Lagerung im feuchten Keller ist nicht gerade ideal. Das Sortieren ist eine langwierige Aufgabe: Oft bleiben die beiden beim Durchschauen hängen und lesen sich in den Texten fest. „Ich hab gestern ‘ne interessante Publikation von Joschka Fischer über den Nahostkonflikt gefunden – von 81!“ erzählt Christ.

Die Themen reichen von Antifaschismus bis zur katholischen Arbeiterbewegung. „Eine Art Gedächtnis für die Linke“ will Hüttner schaffen. Die Vielfalt ist ihm dabei besonders wichtig. „Graue Literatur“, also halbillegale Veröffentlichungen ohne ISBN-Nummer, gehört genauso zum Bestand, wie Ausgaben der taz. „Damals dachte ich, in sechs Monaten hätte ich das alles fertig.“ Schnell musste er feststellen, dass sein „Leidenschaftsprojekt“ etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Dokumente sortieren, Zuschüsse und Spenden besorgen oder Öffentlichkeitsarbeit betreiben – zumindest letztere blieb auf der Strecke, denn viele Besucher waren noch nicht da. Aber das soll sich jetzt mit der Einrichtung einer festen Öffnungszeit ändern. Mittwochnachmittags können Interessenten unter der Anleitung von Hüttner recherchieren und stöbern. Dabei müssen sie sich jedoch etwas Zeit nehmen, denn eine elektronische Datenbank zur Erleichterung der Suche gibt es bisher nicht. Dafür aber „oral history“: Gern erzählt der Politologe aus der Geschichte der sozialen Bewegungen. Von den Anfängen der Ökologiebewegung oder großen Demonstrationen weiß Hüttner mit leuchtenden Augen zu berichten.

Für ein Lieblingsstück in der Sammlung will er sich nicht entscheiden. „Ich finde es besonders interessant, wenn man so sieht wo Leute, die heute bei der FAZ sind, 1976 publiziert haben“, sagt Hüttner verschmitzt. In der Tat liegt in seinem Keller die Vergangenheit vieler, die jetzt nicht mehr so gern daran erinnert werden. Laura Ewert

Archiv der sozialen Bewegungen, St.-Pauli-Str. 10-12, geöffnet mittwochs von 16 bis 18 Uhr