Der Stein bestimmt das Bewusstsein

Sie träumen von gemeinsamem Lebensraum. Doch als am 21. September 1981 ein BVG-Bus den Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay vom Leben zum Tode befördert, radikalisiert sich die Szene. Eine kleine Geschichte der Hausbesetzung

„Die meisten Leute können nicht squatten, sie lassen sich schon von einem Stuhl korrumpieren.“

(Santu Mofokeng, Künstler aus Soweto)

„Von kommunistischer Hand zentral gesteuert, finden in diesen Tagen über ganz Deutschland verteilt Hausbesetzungen statt“, heißt es in einem Flugblatt, das der RCDS 1981 in Berlin-Kreuzberg verteilte. Auch die Springerstiefel-Presse gefiel sich in dieser antikommunistischen „Hetze“, nur ging es diesmal nicht gegen internationalistische Studenten, sondern gegen eher „kiez-“, d. h. freiraumversessene Hausbesetzer/Punks.

Hausbesetzung (damals: „Instandbesetzung“) ist die Inbesitznahme leerstehenden Wohnraums gegen oder ohne Berücksichtigung des Willens des Eigentümers. Die Hausbesetzerszene Westdeutschlands war insbesondere Ende der 1970er und in den 1980ern aktiv. Im Osten in den 1990ern. Das erste Haus im Nachkriegsdeutschland wurde vermutlich im Herbst 1970 im Frankfurter Stadtteil Westend durch Studierende, Familien aus Obdachlosensiedlungen und ausländische Arbeiter in der Eppsteiner Straße 47 besetzt. In Westberlin, vor allem im Stadtteil Kreuzberg, herrschte um 1980 infolge der Flächensanierungspolitik des Senates Wohnungsknappheit. Daher wurden leerstehende („entmietete“) Häuser von der Hausbesetzerszene „instandgesetzt“. 1980/81 waren etwa 160 Häuser besetzt. Die Hausbesetzer mussten ihren Lebensraum gegen die Polizei in Häuser- und Straßenschlachten verteidigen. Bekannteste besetzte Häuser (u. a.): Das Georg-von-Rauch-Haus (Berlin-Kreuzberg), Häuser in der Mainzer Straße (Berlin-Friedrichshain), die Hafenstraße (Hamburg-St.-Pauli), die Rote Flora (Hamburg), das Richard-Epple-Haus in Tübingen.

Aber auch hierbei: Nicht nur in Deutschland, auch in England, in Italien und in anderen Ländern motivierte „Moskau“ die Jugendlichen, Häuser zu besetzen – selbst in der Schweiz: Für kurze Zeit führt Zürich sogar die diesbezügliche „Randale-Hitliste“ an, die von der taz eine Zeitlang geführt wurde. Damals bestand die komplette Berliner Lokalredaktion aus „Hausbesetzern“. Sie zählten im Gegensatz zur Inlandsredaktion allerdings zu den „Verhandlern“. Und der Redakteur und spätere Chefredakteur Michael Sontheimer wohnte nicht einmal in einem besetzten Haus. Als der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay am 22. September 1981 (Wikipedia schreibt „1881“) in Schöneberg bei einer polizeilichen Räumungsaktion von einem BVG-Bus überfahren wurde, radikalisierte sich die „Bewegung“, die genaugenommen mit der „Ku’damm-Randale“ 1980 begonnen hatte.

Rattay geriet ihr dabei zu einer Art Märtyrer. „Der Stein bestimmt das Bewußtsein!“ Einmal verwüsteten die Autonomen die taz-Lokalredaktion, die ein ganzes Journal zu diesem brennenden „Thema“ zusammengestellt hatte – mit einem Steinewerfer auf dem Cover, den sie einem Wandbild des besetzten Zentrums „KuKuCK“ am Anhalter Bahnhof entnahm. Die FAZ sprach analog in Bezug auf diese ganzen Immobilienkämpfe vom Geschäft des „in Steinen angelegten Geldes“. In Westberlin lebte die halbe Frontstadt davon. Deswegen lag Berlin dann doch schnell in puncto Hausbesetzungen vorne – trotz oder gerade wegen der harten CDU-„Lummer-Linie“, benannt nach dem damaligen Innensenator Lummer.

Im Sommer 2008 besuchte ich ein beschauliches Tal im Baskenland – und erfuhr dort als Erstes vom Lokalredakteur, dass es im Tal die ersten zwei Hausbesetzungen gegeben habe, aber nicht zum Wohnen, sondern als Kultur- bzw. Jugendzentrum.

In Bremen hatten wir 1981 eine leerstehende „Faber-Castell-Fabrik“ als ein solches Zentrum besetzt gehabt. Aber das war ein großer Fehler: Die Stadt war nur allzu froh, dass sich 50 und mehr linke Idioten dieses innerstädtischen Schandflecks annahmen – und ihn kostenlos aufhübschten. Eigentlich brauchte damals in Bremen kein Schwein solch ein „Kultur- bzw. Jugendzentrum“. Anders in Zürich. Dort ging es seit den „Opernkrawallen“ Ende Mai 1980 um das Autonome Jugendzentrum AJZ und die „Rote Fabrik“. „Züri brennt!“, drohten sie. Heute ist das Fabrik-„Kollektiv“ eine konventionelle Veranstaltungsmaschine mit Seeblick und Angestellten, denen die Entstehungsgeschichte „ihres“ Dienstleistungsunternehmens am Arsch vorbeigeht.

In Bremen ging es mit dem dortigen Juwel der Hausbesetzerbewegung, der Faber-Fabrik, so zu Ende, dass 80 Kartons mit blauen Faber-Kugelschreibern, die bei der Besetzung im Keller gefunden worden waren, nach nebenan in das ebenfalls von allen Besetzerinnen verlassene „Frauenzentrum“ geschafft wurden, wo nur noch der Gründer des anarchistischen Bremer „Impuls-Verlages“, Jimmy, mit seinem Schäferhund Maro ausharrte.

Der harte Besetzer-Kern, Männer wie Frauen, erwog unterdes, ob man statt der gerade hinter sich gebrachten BluBo-, sprich: Immobilien-Lösung nicht doch eine „nomadische Kriegsmaschine“ hätte bilden sollen – wie sie damals bereits mit den Wohnwagenleuten (den Rollheimern) und den französischen Theoretikern Gestalt annahm. Zu diesem Zweck rüstete man erst einmal eine Expedition ins hinterste Anatolien aus – unter der Führung des einst von dort nach Bremen geflüchteten maoistischen Lehrers Suleymann. Dieser bestand aber darauf, dass die Karawane in seine Heimat alle Faber-Castell-Kartons mitnehmen müsse – und konnte sich auch mit diesem „Wahnsinn“ durchsetzen. Schon gleich hinter der Grenze startete er eine gigantische Alphabetisierungskampagne auf Privatbasis, indem er überall Kugelschreiber verteilte. Und das erwies sich dann als ein wahrer Segen – vor allem für die hinter Suleymann Herfahrenden: Immer wenn die Verbindung zwischen den Autos riss, brauchten sie bloß nach Leuten zu suchen, die mit einem blauen Kugelschreiber in der Hemdtasche herumliefen, schon wussten sie, dass sie auf dem richtigen Weg waren.

Die Hausbesetzerbewegung bestand nicht aus obdachlosen Jugendlichen. Es ging den meisten Beteiligten um die Schaffung eines gemeinsamen Lebensraumes. So sah das zynischerweise auch der damalige Berliner Kripoleiter Schenk: „Es ist doch prima, wenn die jungen Leute sich dabei handwerklich in sinnvoller Weise betätigen: Da lernen die was – und kommen nicht auf dumme Gedanken.“

Die Nichtverhandler begriffen denn auch die ganze Hausrenoviererei als eine üble Form der „Entpolitisierung“ – sie drängten darauf, die Bewegung weiter zu radikalisieren und auszuweiten. Ihr Sprachrohr war u. a. die Zeitschrift radikal, die einst von Benny Härlin mit gegründet worden war, der aber nun als taz-Lokalredakteur zu den „Verhandlern“ zählte und deswegen von den autonomen Militanten mehrmals angepisst wurde. So dass es mehr als eine Ironie der Geschichte war, dass die Polizei dann ausgerechnet ihn – in seiner Eigenschaft als alter radikal-Veinsvorsitzender – in Haft nahm.

Die Grünen (AL) stellten ihn jedoch flugs als Europa-Kandidaten auf, und als er die Wahl gewann, war er für die Westberliner Justiz immun. Das Problem aber, um das es dabei ging, hatte bereits der Sowjet-Pädagoge A. S. Makarenko umrissen, als er Mitte der Zwanzigerjahre über die von ihm gegründeten „Kinder-Kolonien, die ihre Motivationsbilanz auf das Handwerk aufbauen“, schrieb, dass die Jugendlichen als angehende Schuster, Tischler, Maurer etc. immer mehr „Elemente des Kleinbürgerlichen“ annahmen.

Und diese stehen der Entwicklung eines revolutionären Kollektivs entgegen, wie er es anlässlich des Umzugs der Gorki-Kolonie in eine größere in der Nähe von Charkow sogar an sich selbst bemerkte – nachdem sie ihr knappes Hab und Gut zusammengepackt hatten und eine Menge sauer erworbenes bzw. organisiertes „Eigentum“ zurückließen: „All diese ungestrichenen Tische und Bänke allerkleinbürgerlichster Art, diese unzähligen Hocker, alten Räder, zerlesenen Bücher, dieser ganze Bodensatz knausriger Sesshaftigkeit und Wirtschaftlichkeit war eine Beleidigung für unseren heldenhaften Zug … und doch tat es einem leid, diese Dinge fortzuwerfen.“

Die taz löste sich in der „chaotischen“ Hausbesetzerzeit langsam von der „Bewegung“ und bemühte sich, ideell und materiell „autonom“, d. h. „professionell“, zu werden. Ironischerweise half ihr dabei mehrmals der „Nichtverhandler“ Armin Meyer, dessen Hausbesetzer-Sohn Mao später eine taz-Kolumne mitbestritt, obwohl auch er seit 1981 davon überzeugt war: „taz lügt!“

Inzwischen ist neben Armin Meyer noch ein gutes Dutzend Hausbesetzerkollektiv-Reste aus der Oranienstraße nach Niederfinow aufs Land gezogen – und das BKA gleich mit: Die Beamte installierten ihre Überwachungskameras dort 2006 in einem leerstehenden Brunnenhäuschen.

Hausbesetzer gelten als strikt antikapitalistisch – und verhalten sich dennoch streng ökonomisch. Sie investieren zwar meist kein Geld, dafür aber Zeit und Leidenschaft – und kalkulieren auch das Risiko mit ein, mit der Staatsmacht konfrontiert zu werden. Dafür gewinnen sie im Erfolgsfall einen leeren Raum, den sie als Freiraum ausgestalten konnten.

Das galt in den frühen Achtzigern in West-Berlin genauso wie zehn Jahre später im Ostteil der Stadt. Und das gilt im Prinzip noch immer. Wenn Besetzer heute dennoch Exoten sind, dann liegt das am ökonomischen Wandel. Juristisch hat sich nichts geändert. Ein „Squat“ ist genauso illegal, genauso legitim wie vor 20 Jahren. Doch Angebot und vor allem die Nachfrage haben sich radikal gewandelt.

Leerstehende Stadtviertel sind Mangelware. Die mag es in sterbenden Städten in Ostdeutschland zwar geben, doch anders als etwa dem Kreuzberg der 80er Jahre fehlt es ihnen an einer Restattraktivität. Das Fehlen einer Massenbewegung erhöht zudem das Risiko, von der Gesellschaft unverstanden zu bleiben und von der Polizei verjagt zu werden. Nicht zuletzt lassen sich experimentelle Freiräume heute legal erobern, da Eigentümer längst erkannt haben, dass eine offizielle „Zwischennutzung“ leerstehender Objekte deren Wert sogar erhöhen kann. Die Besetzung eines Hauses ist daher heute eine kaum noch lohnende Investition.

Auch das Kapital selbst wurde flexibel: Ulrich Möller, Ex-Staatsanwalt in den Reihen der Moabiter Politgarde, hatte 1988 als Besitzer des „Stuttgarter Hofes“ am Anhalter Bahnhof direkt neben dem früheren KuKuCK, das er einst durchsuchen ließ, nichts mehr dagegen, dass künstlerische Besetzer die Ruine in Beschlag nahmen: „Die nicht zahlenden Gäste“ durften bleiben. Und aus der Idee – revolutionäre Wandgemälde – machte der beim größten Westberliner Baulöwen Klingbeil in die Lehre gegangene Architekt Reinhard Müller Blow-up-Werbeplakate, die er seit 2001 über alle Baudenkmäler der Stadt verhängt, um sie dahinter kostenlos zu renovieren: Seinen Gewinn schöpft er aus den üppigen Werbeeinnahmen.

Auch das Kulturzentrum „Tacheles“ in der Oranienburger Straße war erfolgreich: Dank der vielen Berlin-Touristen wurden die Besetzer so reich – aber auch bekokst –, dass sie sich jetzt in Hunderten von Prozessen gegenseitig verklagen. Aber nicht nur die Kollektive, auch die Hausbesetzungen sehen heute ganz anders aus: Dänen, Irländer, Engländer, Österreicher, US-Fonds, kanadische Investorengruppen – sie alle kaufen billige Immobilien in Berlin, hübschen sie mit bulgarischen Handwerkern auf, erhöhen die Miete, säubern die langjährig gewachsenen Mieter-„Zusammenhänge“ hinaus – und verkaufen die Häuser anschließend mit Gewinn. Angelegt war diese Sauerei schon bei den noch halbwegs illegalen Hausbesetzungen: Da bezog eine Gruppe ein Haus am Klausenerplatz in Charlottenburg, sofort rief einer seinen Architektenvater zu Hause in Stuttgart an – und der prüfte daraufhin die Bausubstanz. Anschließend riet er den „Kids“, ein besseres Objekt zu besetzen. Das war 1981.

Bei den zwei derzeitigen Berliner Prestigeobjekten der Linken, dem „New Yorck“ im Künstlerhaus Bethanien und der „Köpi“, die trotz aller Radikalität erfolgreich „verhandelten“, ist die Zukunft noch offen: Schmiert sich ein folgsames Räderwerk ein oder bereitet sich da eine Höllenmaschine vor? Um es poetisch zu formulieren.