The Great Gigolo Swindle

CyberfeministInnen dürften entzückt sein: Electroclash steht für Glamour, Ausschweifung und Dekadenz. Der neue Club-Hype wird von Frauen dominiert – und von Männern, die keine sein wollen

„Fuck Electroclash“ springt einem als Banner entgegen, wenn man die Website des Münchner Technolabels Disko B anklickt. Warum Electroclash sich selbst ficken soll, wird nicht erklärt, aber man kann es sich zusammenreimen. Soeben erst hat Disko B die neue Platte von Parallax Corporation aus Rotterdam veröffentlicht, der unter dem Namen I-F bereits 1998 einen überdimensionalen Clubhit mit dem Titel „Space Invaders Are Smoking Grass“ hatte. Genau dieses Stück gilt heute als einer der Blueprints für jene eigenwillige Mischung aus energetisch primitivem Electro mit Roboter-Vocals, die im Allgemeinen „Electroclash“ genannt wird. Parallax Corporation aka I-F will jedoch nicht mit dem nun schon über ein Jahr andauernden Hype um Electroclash in Verbindung gebracht werden, weswegen er auch ein im Internet kursierendes Anti-Electroclash-Manifest mit unterschrieben hat. Für ihn und die anderen Contra-Revolutionäre gilt Electroclash als Hure für Fashion-Junkies, die dem guten alten Techno samt seinen guten alten Undergroundmythen gehörig den Saft abzapft und dabei doch nur Altes frisch verpackt verkauft.

Doch kann man einem Genre, dem wie keinem zweiten der Geruch von Glamour, Geldverschwendung und Champagnerbädern anhängt, wirklich vorwerfen, dass es Techno verraten hätte? Der Hype um Electroclash im letzten Jahr war schließlich nur möglich, weil vocalfreier Techno und Subgenres wie Electronica oder Clicks & Cuts völlig verpennt hatten, dass es hier mal darum ging, etwas wirklich Aufregendes auf die Beine zu stellen. Remember: Rave-o-lution? Ja, lange ist es her. Dabei geht es doch primär um die Party, oder?

Electroclash bringt nun die aufregende Zeit nach Punk mit den Mitteln der Clubkultur der Neunziger zurück. „Nu Wave“, so nennt der Poptheoretiker Simon Reynolds Electroclash, „dreht die Uhren zurück auf das Zeitalter vor Ecstasy.“ Das bedeutet auch die Negierung eines Aufgehens in der Masse, des kollektiven Körpers. Statt gemeinschaftstiftendem Ecstasy gibt es Schampus, und Electroclash-DJs legen auch keine austauschbaren Tools auf, die die Unendlichkeit eines einzigen Tracks simulieren sollen, sondern setzen auf Stilbrüche, auf individuelle Songs und Tracks mit Wiedererkennungswert. Logisch, dass für die Ecstasy-Generation Electroclash Verrat an der Sache ist. „Der Klang der Familie“ heißt einer der legendären Techno-Tracks von 1992, der unter maßgeblicher Beteiligung von Technopapa Dr. Motte entstanden ist, und der den Gemeinschaftsgedanken der damals neuartigen Musik herausstellte. Heute dagegen erklärt DJ Hell, Vorreiter des Electroclash und Inhaber des weltweit einflussreichsten Electroclash-Labels, International Deejay Gigolos: „Bei Gigolo ist die persönliche Freiheit die erste Devise. Mach, was du willst!“

Schampus statt Ecstasy: Wer dachte, das 80er-Revival sei vorbei, hat sich geirrt

Der Begriff „Electroclash“ stammt vom New Yorker DJ und Clubbetreiber Larry Tee. Nachdem dieser eine Zeit lang im New Yorker East Village eine Clubnacht mit dem Namen „Badd Club“ schmiss, initiierte er im Herbst 2001 das erste „Electroclash“-Festival mit Peaches und jeder Menge anderen Acts der Szene. Gleichzeitig explodierten Hell und seine Bagage – Miss Kittin, Fischerspooner, Crossover, allesamt Gigolo-Acts und die Speerspitze des Electroclash-Hypes – in England, oder besser gesagt in London, wo man mit ausgestelltem radical chic und Kunstposertum noch nie große Probleme hatte.

Electroclash ist ein primär urbanes Phänomen. Seine Hauptstandorte sind New York, Berlin, München und London, Detroit liefert die musikalische Inspiration. Die Begeisterung für einen angeblichen Berlin-Trash- und Glamourfaktor ist treibender Motor des Ganzen – womit sich ein weiterer New-Wave-Trend wiederholt. Der extreme Punkschuppen in Martin Scorseses New-York-Film „After Hours“ von 1985 hieß „Berlin“; Larry Tees Electroclash-Laden in Brooklyn „Berliniamsburg“.

Seit DJ Hell und Larry Tee in ihre Rollen als Entrepreneurs des Electroclash gefunden haben, scheint die Bewegung nicht mehr aufhaltbar – zumal inzwischen fast alles, was den Kriterien Glamour, Dekadenz, Punk oder Fashion entspricht, unter der neuen Marke subsumiert wird. In Kürze erscheint eine Compilation, die den Londoner Club „Trash“ dokumentiert, der als Electroclash-Kultstätte gilt. Vertreten sind darauf unter anderem Peaches, Gonzales und Stereo Total aus Berlin, die Antifolkband The Moldy Peaches aus New York, Felix Da Housecat, die Rriot-Girl-Band Huggy Bear und die New-Wave-Ikonen The Slits. Irgendwie passt das alles auch zusammen. Man muss sich nur klarmachen, dass unter dem Banner von Electroclash immer alles zusammenpassen kann.

Wer nun dachte, mit dem Ende des Jahres 2002, dem Ende der Wiederholungen der 80er-Musiksendung „Formel 1“, dem Verschwinden von „Generation Golf“ aus den Bestsellerlisten und dem letzten Comeback des hinterletzten 80er-Stars sei das Achtziger-Revival nun endlich vorüber, der hat falsch gedacht. Und nicht damit gerechnet, dass es mangels Alternativen jetzt erst richtig losgehen wird. Hell sagt selbst: „Wer bei mir heute anfängt, der macht eine Single, eine Platte, und es kann passieren, dass er zwei Monate später bei ‚Top of the Pops‘ steht.“

Sein Gigolo-Label – das sich pikanterweise früher die Büroräume mit dem „Fuck Electroclash“-Label Disko B teilte, hat soeben einen lukrativen Vertriebsdeal mit Universal eingerichtet bekommen. Die Plattenfirma Ministry of Sound soll gar satte zwei Millionen Dollar für den New Yorker Electroclash-Act Fischerspooner hingeblättert haben. Und der britische NME schrieb jüngst, dass es jetzt erst so richtig losgehen wird: „Auch gedacht, dass jetzt alles vorbei ist? Denke um. 2003 wird sich Electroclash weltweit ausbreiten.“

Natürlich gibt es auch Befürchtungen. Acts wie Miss Kittin oder Tok Tok vs. Soffy wurden im letzten Jahr so vehement unter dem Brand „Electroclash“ vermarktet, dass dessen Durchbruch gleichzeitig dessen Todesstoß bedeuten könnte. Schon wurden Sticker gesichtet, auf denen gewarnt wird: „Electroclash could be the next grunge!“, und es kursiert die Rede vom „Great Electroclash Swindle“ (Worauf Gigolo bereits mit einem Buch angespielt hat, das „The Great Gigolo Swindle“ heißt). Dass eben erst eine Compilation erschienen ist, die da heißt „Metalliclash: An Electroclash Tribute To Metallica“, trägt auch nicht gerade dazu bei, solche Befürchtungen zu zerstreuen.

Doch kann man Electroclash plakativen Raubbau an den Achtzigern vorwerfen, so viel man will – auf längere Sicht wird dies die Clubmusik der Zukunft sein: Egal, ob man sie nun Electroclash, Nu Wave oder „vocal-oriented electronic punk-rock“ nennt, wie der Detroiter Act Adult vorschlägt. Denn die Möglichkeiten von Electroclash sind einfach zu vielfältig. Wir haben es hier mit der vielleicht postmodernsten Musik ever zu tun. Ganz nebenbei werden hier Gender-Diskurse fruchtbar, die beim Heraustreten aus dem Seminar-Ghetto auf die Tanzfläche bislang meist kläglich scheitern mussten.

Seit dem jungen David Bowie gibt es zwar den Prototyp des androgynen Popstars, und spätestens seit den Raincoats existiert selbstbestimmte Rockmusik von Frauen. Doch weder androgyne Popstars noch selbstbestimmte Frauen beherrschen heute in irgendeiner Szene wirklich das Geschehen. Auf der „Trash“-Compilation dagegen finden sich mehr Frauen-Acts – oder Acts mit Frauen – als reine Männercombos. Dasselbe Bild bietet sich auf der eben erschienenen, stilprägenden zweiten „Electroclash“-Compilation, die von Larry Tee zusammengestellt wurde: Hier heißen die Frauenbands auch noch „Hungry Wives“, und die Tracks tragen Titel wie „Do I look like slut?“ (Avenue D.) oder „Hold me, touch me“ (W.I.T.).

Electroclash wird von Frauen dominiert – und von Männern, die keine sein wollen. Der neue Gigolo-Act Mount Sims, dessen Platte „Ultrasex“ eben erschienen ist, steht nicht nur für schwülstigen Lack- und Leder-Sex. Seinen Electropop nennt Matt Sims aka Mount Sims, der sich als androgyner Cyberpunk inszeniert, auch gleich „Technosex“, und meint über sein Werk: „Es ist eine Platte, die Leute aller sexuellen Orientierungen berühren soll, und sie ist für Leute, die Maschinen lieben. Ich glaube, das ist die Zukunft.“ Cyberfeministinnen dürften entzückt sein.

Ebenfalls frisch in den Regalen steht eine Mix-CD von Tiga, die im Rahmen der renommierten DJ-Kicks-Reihe erscheint. Der Kanadier, der zusammen mit Zyntherius den riesigen Electroclash-Hit „Sunglasses At Night“ hatte – eine Coverversion des Achtziger-One-Hit-Wonders Corey Hart –, räkelt sich auf dem Cover als androgynes Zwitterwesen. Nicht zufällig mixt er Tracks von Gender-Aktivistinnen wie Le Tigre, Tracks mit Titeln wie „She Male“ (Sir Drew) oder einen eigenen mit dem Titel „Madame Hollywood“ in sein Set.

Electroclash dreht, im Geist der Clubkultur, die Uhren zurück auf die Zeit nach Punk

Gender-Elektronik im Electroclash-Style scheint überhaupt der neueste Trend zu sein. Drew Daniel, eine Hälfte des Björk-Produzentenduos Matmos, hat als The Soft Pink Truth mit „Do you party?“ gerade sein Debüt herausgebracht. Gleich der zweite Track der Platte heißt „gender studies“. Und das Konzept, die Stimmen von R-&-B-Diven und übervirilen HipHop-MCs zu schreddern, setzt die Dekonstruktion von Geschlechteridentitäten in Sounds um.

Kritische Stimmen merken gerne an, dass es beim Electroclash doch immer nur um das eine gehen würde: Um das, was bei den Berliner Electroclash-girls Chicks On Speed als „Fashion rules“ verkündet wird, und was Miss Kittin & The Hacker als „Sniffing in the VIP Area“ zusammenfassen. Also um billiges Gepose, dekadenten Glamour und Party-Oberflächlichkeiten. Außerdem sei das Ganze musikalisch ja viel zu primitiv – so findet jedenfalls eine recht witzige Website, welche die Schritte zum Electroclash-Ruhm aufzählt, die da – im Schnelldurchlauf – lauten: Besorg dir ein paar Kraftwerk-, New-Order- oder Visage-Platten. Besorg dir einen billigen Sampler und einen billigen Synthie und kopier so viel wie möglich von den oben genannten Artists. Besorg dir einen Vocoder für Robot-Vocals und pack ein paar Bleeps vom Commodore C 64 mit dazu. Bastel dir Lyrics zusammen mit folgenden Schlüsselwörtern: Cocain, Glamour, Glitz, Jetset, Sex, Lipstick, Champagne, Nightlife, Trash, Fashion, Style, Neon, Futuristic, Robots. Verkünde, dass du schwul oder zumindest bisexuell bist.

Der Verfasser der Website versteht seine Aufzählung als ironische Bastelanleitung, die Electroclash ausreichend als wertlos und unoriginell offenbart. Dabei setzt Electroclash nur jenes Credo um, das bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat: dass Popmusik möglichst einfach zu produzieren und Mitmachmusik für alle sein sollte. Auch wenn man das ganze Electroclash-Konzept als Promomasche vom Obergigolo Hell und seinem New Yorker Kollegen abtun möchte, so bleibt doch die Tatsache, dass Electroclash das erste Popgenre in der Popgeschichte überhaupt ist, das – zumindest was die Akteure angeht – von Frauen dominiert wird. Diedrich Diederichsen schreibt im Vorwort seines eben neu aufgelegten Buchs „Sexbeat“ aus dem Jahre 1985, in dem es um New Wave Anfang der Achtziger geht, dass „Frauen als Handelnde in der Popmusik so was von abwesend“ waren. Während Larry Tee heute sagt: „Electroclash scheißt darauf, ob du schwul oder straight bist, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß. Das könnte das erste Genre sein, bei dem Sexualität keine Rolle mehr spielt.“