fast wie im richtigen agenturleben von GERALD FRICKE

„Das ziehen wir jetzt mal grade“, sagt Julia, die Art-Directorin in der großen Internet-Agentur. „Haben wir eigentlich schon das finale Go?“. Das „o“ wird dabei von ihr über drei Stockwerke gezogen. Am meisten ärgert es Julia, wenn der Texter jetzt sagt: „Mal da doch schnell noch ’n paar Bildchen rein!“ Julia ist nämlich keine Dienstleisterin, sondern eine aber so was von Künstlerin. Der gierige Kunde, der die Frechheit besitzt, schon mal „was sehen“ zu wollen, wird mit ein paar „Moods“ hingehalten und abgefertigt. Die „Moods“ beschreiben in gespielter Bescheidenheit erste vorläufige „Stimmungen“ des zu fertigenden Kunstwerks; die „Moods“ geben Auskunft über das „Look and Feel“.

Die Art-Directorin definiert sich jedoch nicht über die „Moods“, sondern über ihre Arbeitszeit. Sie erscheint mittags um halb zwölf in der Agentur, denn vormittags hat sie eine „kreative Blockade“, sie bleibt bis etwa halb zwölf abends. In dieser Zeit „arbeitet“ sie ungefähr anderthalb Stunden, dazwischen gibt es Meetings, Telefonate und „Flurfunk“. Geht schon gut rum, der Tag.

Ein Höhepunkt im Agenturalltag ist der „Pitch“. Hier „pitchen“ diverse Agenturen um einen Auftrag oder den Gesamtetat eines Kunden. Ein Schaulaufen und Balkenbiegen vor dem Herrn. Und das geht so: Die Agentur erfährt sechs Monate im Voraus den Termin. Fünfeinhalb Monate lang passiert nichts. In der Nacht vor der Präsentation bastelt der „Senior Concept Developer“ eine „Präse“ zusammen und geht um fünf Uhr morgens nach Hause. Die Art-Directorin lässt sich einen Salat vom Pizza-Dienst kommen und macht ihre „Moods“ um acht Uhr fertig. Dann wartet sie, bis die Programmierer kommen, die stets als Erste um 9.03 Uhr erscheinen. Dann schreibt sie drei Mails und fährt auch nach Hause, mitsamt ihrer schrägen Umhängetasche und dem Gefühl sagenhafter Bedeutung. Die Programmierer raunen später den reintröpfelnden Leuten zu: „Du, die Julia hat gestern schon wieder durchgemacht!“

Derweil präsentiert sich der unausgeschlafene „Senior Concept Developer“ beim überkritischen Kunden einen Wolf und weist darauf hin, dass es sich bei den Bildern selbstverständlich nur um „erste Entwürfe und Stimmungen“ handelt. So fällt auch keinem auf, dass das vorgestellte Navigationskonzept nicht die Erbse dazu passen will. Meistens aber gibt es einen vorwitzigen Adlaten des Kunden-Geschäftsführers, dem doch etwas auffällt: „Äh, sagen Sie, dieser eine Text da …“ – „Ja, ganz recht, das ist natürlich noch Blindtext. Den müssen Sie bitte nicht lesen, haha.“ Erst jetzt bemerkt auch der Präsentator, dass der „Junior Copywriter“ ihm wieder einen Porno untergejubelt hat, und klickt schnell eine Seite in der „Powerpoint-Präse“ weiter.

Abends fällt sich das Team in die Arme und beglückwünscht sich gegenseitig zum „Top-Job“. Die Art-Directorin trägt ein Glas mit Prosecco spazieren, schickert und gickert frech durch die Gegend. Der „Senior Concept Developer“ vergisst die ganze Scheiße. Jetzt gefällt ihm sogar wieder Julias „Look and Feel“. Eben ein ganz normaler Tag in der Agentur.