Alice im Leseland

VON JOCHEN SCHIMMANG

Dies ist ein zauberhaftes Buch. Natürlich fängt man mit einem solchen Satz keine seriöse Kritik an, allerhöchstens dürfte er am Ende stehen. Ich möchte es aber gleich vorweg sagen und bin dabei trotzdem ganz seriös.

Zauberhaft heißt nicht märchenhaft und nicht versponnen. Sylvie Schenks Roman über den Tod eines Buchhändlers und seine Folgen bleibt auf den gesamten gut 150 Seiten immer auf der Erde. Es geht darin auch nicht immer ganz gesittet zu. Da wird zum Beispiel hinter der Ladentheke gevögelt, ein erfolgreicher Schriftsteller muss auf dem Bahnsteig kotzen, und nicht alle, die um den Toten trauern, sind sich untereinander grün. Aber im Lauf der Geschichte wird uns ganz beiläufig und ohne jede pädagogisch-lesefördernde Geste erklärt, was wir eigentlich tun, wenn wir lesen oder auch nur zwischen Bücherregalen verschwinden und zu blättern beginnen.

Ein Buchhändler ist also gestorben, „zu früh“, wie die Standardformel heißt, nach Herzinfarkt und anschließendem längeren Wachkoma. Seine Tochter Alice steht nun vor der Frage, ob sie den hochverschuldeten Laden fortführen soll oder nicht. Diese Alice ist im Wunderland der Buchhandlung aufgewachsen, bei ihrem Vater, der im Selbstgespräch zwischen den Regalen auf und ab läuft: „Hinter ihm her flatterte die dunkle Jacke, in der er schwamm. Er war der schwarz gekleidete, würdevoll schreitende Meister, ein ausgezehrter Prediger mit funkelnden Augen und leidendem Ausdruck.“

Wir sehen schon, wir haben es nicht mit jemandem zu tun, der einfach Bücher verkauft, sondern mit einem Besessenen, einem Meister eben, scharf in seinen Urteilen und nicht immer freundlich im Umgang, ausgenommen Autoren. „Die Güte in Person warst du nicht“, sagt seine Tochter im stummen Dialog mit dem Toten. „Aber du warst eins, mit dir, mit deinem Beruf, mit deiner Leidenschaft, auch mit deiner Bosheit. Du konntest einen nicht enttäuschen, weil du dich selbst nicht ändern konntest. Du warst stur und zuverlässig.“

Dass dieser posthume Dialog einseitig ist, unterscheidet ihn eigentlich kaum von denen, die der Buchhändler noch zu seinen Lebzeiten mit seiner Tochter geführt hat. „Es gab viel Schweigen, viel Musik. Die Bücher hatten die private Kommunikation ersetzt, die täglichen Gespräche wurden zum professionellen Austausch über diese Bücher und ihre Botschaften.“ Auch auf den Umgang mit den Kunden trifft das zu: „Er hatte sich für deren Leben überhaupt nicht interessiert, und diese hatten es umso leichter akzeptiert, als sie meistens keines hatten.“

Sylvie Schenk verfällt also nicht dem Missverständnis, dass Bücher die Kommunikation und das Verständnis der Menschen untereinander befördern. Sie weiß, dass es keine asozialere und dabei glücklichere Figur auf der Welt gibt als den manischen Leser. Dessen Kommunikation mit sich selbst wird allerdings durch die Lektüre erheblich auf Trab gebracht. Paul, der erfolgreiche Autor (dessen Frau ihn gerade verlassen hat), erklärt Alice (die in ihn verliebt ist), als es um die Fortführung der Buchhandlung geht: „Du musst dem Kunden sein eigenes Ich verkaufen. (…) Ein Leser will nicht nur ein Buch entdecken. Etwas in ihm möchte vom Buch entdeckt werden und mit ihm eine Art von stummem Dialog führen.“ So ist das wahre Verhältnis wiederhergestellt: Lesen heißt vor allem, sich um sich selbst zu kümmern.

Nun besteht dieser Roman nicht vorrangig aus dem Austausch kluger Sentenzen. Es geht vielmehr um die Personen, die der Buchhändler zurückgelassen hat: um seinen Lebensgefährten Roberto (denn eines Tages hat er seine Frau verlassen und sich als schwul geoutet), um die ewig in ihn verliebte, unattraktive Kundin Veronika, die nach seinem Tod eine Gedenkveranstaltung im Theater der Stadt organisiert, deren Erlös dem Buchladen zugute kommt, um den Schriftsteller Paul und dessen Kollegen Dirk Sommer, um den ehemaligen Automechaniker Heiko, der über den zweiten Bildungsgang zum Lesen gekommen ist, derzeit als Werbetexter arbeitet und sich nie entscheiden kann, es aber immerhin dann kurz entschlossen mit des Buchhändlers Tochter hinter der Ladentheke treibt. Es ist allerhand los in diesem Roman, und über allem regiert der Schnee.

Sylvie Schenk, die einmal Sylvie Gonsolin hieß und ihre Lyrik noch immer in französischer Sprache schreibt, aber seit Jahrzehnten im Rheinland lebt, hat erst mit 22 Jahren Deutsch gelernt. Offenbar führt das zu einem sparsamen, disziplinierten Umgang mit der neuen Sprache (man kennt das von Becketts Französisch), und dessen Resultat ist Schönheit. Der Roman entsteht übrigens erst, während er gelesen wird (auch das ein zutreffendes Verhältnis zwischen Buch und Leser), und hier und da gibt es kritische Anmerkungen seiner Autorin Alice, ohne dass dies manieriert wirkt.

Nun ist dieser Roman zwar erfunden, wie es sich gehört. Den Buchhändler aber hat es gegeben, wenn er auch nie eine Tochter hatte. Es handelt sich um den legendären Buchhändler Peter Klein aus Aachen, der 1999 an seinem 50. Geburtstag nach längerem Koma gestorben ist, nachdem er sich sein Leben lang hauptsächlich von Büchern, Kaffee und Zigaretten ernährt hatte. Wer immer als Autor einmal, viermal oder noch öfter in seinem schmalen Laden im Aachener Zentrum gelesen hat (und ich gestehe, ich gehöre dazu), wird ihn vermutlich als den Buchhändler in Erinnerung behalten. Auch die Gedenkveranstaltung im Aachener Theater mit geladenen Autoren hat wirklich stattgefunden, wenn sie auch ganz anders abgelaufen ist als in diesem Roman.

Den sollten allerdings nicht nur die Eingeweihten lesen, sondern alle, die manische Leser sind. Bevor wir uns zur Messe dann all den anderen Neuerscheinungen mit den großen Themen zuwenden, sollten wir uns von Sylvie Schenk zeigen lassen, was Bücher eigentlich sind.

Sylvie Schenk: „Die Tochter des Buchhändlers“. Roman. Picus Verlag, Wien 2008. 153 Seiten, 16,90 Euro