Das Web der Maschinen

Die Vision der Konzernstrategen: Web Services sollen dank XML, Nachfolger des Webseitenstandards HTML, alle Daten einheitlich verpacken und sie damit zwischen allen Rechnern austauschbar machen

Das Internet hat seine Revolutionen hinter sich, könnte man meinen: das World Wide Web, den grafischen Browser, kostenlose E-Mail-Dienste, das File Sharing … Der letzte große Wurf, Napster, ist schon über drei Jahre her. Weltbewegendes passiert derzeit nur im „Krieg gegen den Terror“. Im Netz dagegen: Alltag mit Google, Instant-Nachrichten, ein bisschen Online-Shopping und Musik-Runterladen. Wie öde!

Doch unter der Haube ist die nächste Umwälzung bereits in Gang: die Technik der „Web Services“. Auch wenn das nicht gerade aufregend klingt, wird sie doch das Netz von heute irgendwann so alt aussehen lassen wie das Eisenbahn-getriebene Industriezeitalter des 19. Jahrhunderts. Erstmals haben wir es hierbei mit einer Vision zu tun, die nicht in den Köpfen von Wissenschaftlern oder Freaks entstand, sondern von Konzernstrategen. Denn obwohl Computer seit den 60ern in alle Branchen einzogen, waren sie für das Web der 90er weitgehend unbrauchbar.

Tausende von Firmendatenbanken mit aktuellen Produktinformationen fanden zunächst keinen Weg ins Netz. Sie glichen Felsinseln ohne Hafen im Ozean: unzugänglich für Websurfer – also potenzielle Kunden –, aber auch für andere Unternehmen, weil die Datenformate nicht zusammenpassten. Obwohl die New Economy ausgerufen wurde, entwickelte sich das Web nicht zu einem Wirtschaftsraum, in dem auf sich ständig verändernden Märkten Informationen ausgetauscht werden können. Neue Programmiersprachen wie Java oder Perl bringen Online-Shops oder die Suche nach Last-Minute-Tickets nur oberflächlich zum Laufen. Die Informationen dazu holt sich ein Server aus der Datenbank des Betreibers – aber leider nur aus der eigenen. Soll eine andere Quelle mitgenutzt werden, muss erst eine Verbindung programmiert werden.

Inseln verbinden

Das hieße aber, zwischen verschiedenen Dateninseln jedes Mal eine eigene „Fährlinie“ einzurichten, was ineffizient und teuer ist. Besser wäre ein universelles System, das alle Inseln verbindet, so wie heute sämtliche Güter der Welt in Einheitscontainern über die Weltmeere geschippert werden. Genau das ist die simple Idee eines Web Services: Wenn alle Daten einheitlich verpackt werden, können sie zwischen allen Rechnern der Welt hin- und hertransportiert werden. Die zugrunde liegenden Standards für dieses Web der Maschinen sind inzwischen alle vorhanden.

Wichtigster Baustein ist der Nachfolger des heutigen Webseitenstandards HTML, das 1998 vom World Wide Web Consortium auf den Weg gebrachte XML (Extensible Markup Language). Es kann im Seitencode genau unterscheiden, ob etwa mit „1,0312“ der Euro-Dollar-Wechselkurs oder der Benzinpreis gemeint ist. Damit lässt sich sicherstellen, dass zwei verhandelnde Computer nicht aneinander vorbeireden.

XML wird von drei weiteren Standards ergänzt, die leider, wie so oft in der Kultur der Netzingenieure, kryptische Kürzel haben: SOAP, UDDI und WSDL. SOAP, das Simple Access Object Protocol, legt fest, wie die Nachricht eines Web Services für einen Datentransport durch das Internet verpackt wird. UDDI, für Universal Description, Discovery and Integration (for Business on the Web), ist ein einheitliches Verzeichnis angebotener Web-Dienstleistungen von Unternehmen, inzwischen auch die „gelben Seiten für Web Services“ genannt. Und WSDL, die Web Services Description Language, gibt eine Gliederung für die Beschreibung der neuen Dienste vor.

Dass hier so häufig von Sprachen die Rede ist, hat seinen Sinn. Denn diese vier stellen zusammen eine Art Daten-Esperanto für jegliche Hard- und Software dar, die sich mit dem Internet verbindet.

Das große Pokern

Das Konzept kommt für die gebeutelte Wirtschaft, in der sich in den vergangenen Jahren viele Unternehmen an Investitionen in Netzwerke und Internet-Anbindung verausgabt haben, eigentlich gerade recht. Denn Web Services können Kosten offensichtlich dramatisch senken. Ein auf 800.000 Dollar veranschlagtes Software-Projekt habe für 30.000 Dollar realisiert werden können, weil statt des üblichen Bündels aus Schnittstellen nur eine Web-Service-Umsetzung programmiert werden musste, sagte John McKinley, CTO von Merryl Lynch, unlängst in einem US-Online-Magazin. „Mit den Web Services nähern wir uns dem Heiligen Gral der Software-Community: wiederverwendbarer Software.“

Bei dieser Gralssuche sitzt die Computerindustrie in der Zwickmühle: Zur Einigkeit verdammt, damit Web Services künftig wirklich universell funktionieren, will doch jeder einen Vorsprung vor der Konkurrenz retten und den Gral alleine finden. Allen voran Microsoft mit seiner ehrgeizigen Web-Services-Strategie „. net“ (sprich: „dotnet“). Die wurde vor zweieinhalb Jahren gleich zur raison d’être des Konzerns für das neue Jahrzehnt ausgerufen. Die „Nettifizierung“ sämtlicher Microsoft-Produkte wie „office.net“, „windows.net“ etc. sorgte für Spott wie für Unruhe. War das jetzt der ultimative Griff von Bill Gates nach dem ganzen Internet?

Einerseits verschrieb man sich in Redmond kompromisslos dem offenen XML-Standard, andererseits setzte das Dot-net-Konzept auf die neue Programmiersprache C+. Das war ein klarer Angriff auf das etablierte Java von Konkurrent Sun, das Teil von Suns Web-Services-Konzept „ONE“ (für „Open Net Environment“) ist. Im Februar 2002 wurde zwar eine Art Schlichtungsgremium eingerichtet, die Web Services Interoperability Organisation (WS-I), die ein Schisma der neuen Technik schon im Frühstadium verhindern sollte. Doch gelangte einige Monate später ein Memo von Gates an die Öffentlichkeit, in dem er Anweisung gab, Suns Mitarbeit in der WS-I zu blockieren, wo immer es gehe. Bis jetzt ist der Dot.net-Java-Zwist nicht endgültig beigelegt. IBM hält sich mit seinem „WebSphere“ nach beiden Welten hin offen.

Weitere Mitspieler sind Hewlett-Packard mit „HP NetAction“, Oracle mit „DotNow“ sowie spezialisierte Firmen wie Cape Clear, BEA oder IONA. Sie alle kämpfen um einen Markt, dessen Volumen sich laut dem Marktforschungsunternehmen Gartner Group bis 2005 auf 21 Millliarden Dollar verzehnfachen soll.

An der Gabelung

Mit einer „Nettifizierung“ des Webs rechnet allerdings niemand mehr. Microsoft hat mangels potenzieller Kunden sein ehrgeiziges Programm „.net my services“ auf Eis gelegt, in dem User ihr gesamtes digitales Leben hätten verwalten können. „Wir haben das Dot-net-Konzept wohl nicht verständlich genug rübergebracht“, räumte Microsoft-Chef Steve Ballmer denn auch vor einiger Zeit ein. Vorläufig werden kleinere Brötchen gebacken. Dazu gehören MapPoint.net, mit dem Online-Reisebüros Landkarten in ihre Seiten einblenden können, ohne selbst eine entsprechende Datenbank betreiben zu müssen; das umstrittene Authentisierungssystem Passport oder das Web-basierte Büro Sharepoint (www.microsoft.com/sharepoint), das gerade für Kleinstfirmen und Existenzgründer ein billiges virtuelles Mini-Intranet ermöglicht – nahtlos integriert mit dem Windows-Rechner.

Die meisten Experten erwarten dennoch, dass Web Services in diesem Jahr ihren Durchbruch haben werden. Zwar gilt die Sicherheit der universell zugänglichen Daten noch als das größte Hemmnis. Andererseits stellen sie die logische Konsequenz des elektronischen Handels zwischen Unternehmen dar. Werden etwa bei der Bestellung von Ersatzteilen an sich inkompatible Datenbanksysteme beispielsweise von SAP und von IBM mittels XML-Technik verbunden, entfallen banale manuelle Vorgänge wie das Faxen einer Bestellung. Die komplette Beschaffung wird über das Netz abgewickelt und macht sogar eine Lagerhaltung überflüssig. Die hier gepriesenen „Kosteneinsparungen“ entpuppen sich hinter vorgehaltener Hand allerdings als Personaleinsparungen. Die „Just in time“-Produktion erhält bei realen Gütern so noch einmal einen weiteren Push, und für digitale Dienstleistungen wird sie durch Web Services überhaupt erst möglich.

Auch auf der Userseite ist Bewegung: Ende November haben Amazon und Google eigene Web Services herausgebracht. Das Angebot des Suchspezialisten (www.google.com/apis) kann jeder kostenlos in seine eigene Website einbinden.

Anders als bei bisherigen Suchformularen zum Einbauen reicht es hier allerdings nicht mehr, HTML-Codeschnipsel hinzuzufügen. Man muss sich schon durch XML und WDSL fummeln, kann dafür aber die Suchergebnisse völlig neu präsentieren wie in der Karte von Touchgraph.com. Möglich, dass Web Services so im nichtkommerziellen Netz eine neue Welle der Kreativität auslösen – und nicht nur die ultimative Effizienz im Datenaustausch zwischen Maschinen darstellen.