„Heute weiß ich, was ich schuldig war …“

Der konservative Schriftsteller und Geograf Albrecht Haushofer fand erst spät zum Widerstand gegen Hitler. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden

von PHILIPP GESSLER

Kann ein Gedicht Schuld aufwiegen? Eines, das vielleicht an Ehrlichkeit, womöglich an Größe den Schreiber überragt?

Betrachtet man ihn wohlwollend, den Geografen und Schriftsteller Albrecht Haushofer, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, kann man zu diesem Urteil kommen. Kurz vor seiner Hinrichtung durch die SS in der Nacht zum 24. April 1945 auf einem Trümmergrundstück in der Nähe des Lehrter Bahnhofs hat er geschrieben:

Albrecht trat in die Fußstapfen seines Vaters, eines Freundes von Rudolf Heß

„Ich klage mich in meinem Herzen an: / Ich habe mein Gewissen lang betrogen, / ich hab mich selbst und andere belogen – / ich kannte früh des Jammers ganze Bahn – / ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar! / Und heute weiß ich, was ich schuldig war …“

Wer war dieser Albrecht Haushofer, dessen Leben weder in die Schubladen „Held“, „Schurke“ oder „Opportunist“ zu passen scheinen? War er ein Widerstandskämpfer gegen die Nazis, weil er Kontakte zu den Hitler-Attentätern des 20. Juli 1944, ja zur kommunistischen „Roten Kapelle“ pflegte – und diese Kontakte am Ende mit seinem Leben bezahlte? War er als Berater des Hitler-„Stellvertreters“ Rudolf Heß und des Außenministers Joachim von Ribbentrop ein Nazi im Hintergrund? Oder war er schlicht ein Intellektueller, der sich opportunistisch dem braunen Zeitgeist anpasste und so Zugang zu höheren Kreisen in Politik und Wissenschaft im Hitlerreich erhielt, ehe er der Geister nicht mehr Herr wurde, die er selber gerufen hatte? Ein Hendrik Höfgen der Politik, wie ihn Klaus Mann in „Mephisto“ beschrieben hat?

Zunächst: Albrecht Haushofer war kein Demokrat – und familiär mehr als vorbelastet: Sein Vater war der General und „Geopolitiker“ Karl Haushofer, ein Brigadekommandeur im Ersten Weltkrieg. Karl Haushofer führte als Geografie-Professor in München die „Lebensraum“-Theorie von Friedrich Ratzel (1844–1904) fort, spitzte sie, mehr oder weniger wissenschaftlich unterfüttert, expansionistisch zu. Hitler machte aus diesen Lehren und dem damals kursierenden Schlagwort vom „Volk ohne Raum“ die Grundfeste seiner Kriegspolitik – und ließ außer acht, dass Karl Haushofer auch eine gewaltlose und maßvolle Ausdehnung des Deutschen Reiches nach Osteuropa und Übersee für möglich hielt.

Sohn Albrecht trat in die Fußstapfen seines Vaters, der ein väterlicher Freund von Rudolf Heß war. Vater Haushofer hatte seinen früheren Studenten Heß nicht nur nach dem gescheiterten „Hitler-Ludendorff-Putsch“ vom 9. November 1923 eine Zeit lang auf dem Familienhof „Hartschimmel“ in Oberbayern versteckt. Er besuchte ihn auch noch mehrmals während der Haft, die Heß und sein „Führer“ in der Festung Landsberg verbrachten. Hitler hatte die Haushofers mehrere Male besucht. Auch zwischen Albrecht Haushofer und Heß scheint sich im Laufe der Zeit ein vertrauensvolles Verhältnis entwickelt zu haben.

Die beiden verband die in konservativen Kreisen recht übliche Ablehnung der Weimarer Republik: Albrecht Haushofer, der schon mit 21 Jahren in Geografie promoviert hatte (Doktorvater war der Polarforscher Erich von Drygalski), bezeichnete sich in diesen Jahren einmal als „Antidemokrat aus Prinzip“. Aber der Sohn des einflussreichen Professors hatte nach Jahren auf Reisen in Skandinavien, Nordamerika und in die UdSSR etwas Weltmännisches erworben – weshalb er mit der tumben Deutschtümelei der Nazis nichts anfangen konnte: So schrieb Albrecht Haushofer nach der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 in einem privaten Brief: Politisch sehe er nun „so schwarz wie noch nie“.

Doch Heß ahnte nichts von der innerlichen Distanz Albrecht Haushofers zum Naziregime: Mit Hilfe des „Stellvertreters des Führers“ konnte er nach seiner Habilitation an der Berliner Hochschule für Politik Geografie und Politik lehren. Albrechts Großvater mütterlicherseits war ein Jude: Heß sorgte dafür, dass dies keine Rolle spielte. Die Haushofers blieben wegen der Protektion von, fast, ganz oben auch von den Folgen der NS-Rassegesetze verschont.

Besser noch: Albrecht Haushofer machte Karriere auch im politischen Raum. Ab 1934 war er zeitweilig Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes unter Staatssekretär Ernst Freiherr von Weizsäcker (dem Vater des späteren Bundespräsidenten). Für das Auswärtige Amt übernahm Haushofer geheime politische Missionen, unter anderem nach Großbritannien und Japan. Er wurde Mitarbeiter von Ribbentrops und nahm 1938 als geografischer Experte an der Münchner Konferenz teil, die um des (scheinbaren) Friedens willen die Zerschlagung der Tschechoslowakei zugunsten Hitlers beschloss. Der Höhepunkt der Karriere Albrecht Haushofers war erreicht, als er 1940, ganz der Sohn des Vaters, in Berlin die Professur für politische Geografie und Geopolitik erhielt. Er war ein gemachter Mann.

Doch schon hier begann Albrecht Haushofers Stern zu sinken: Mit Kriegsbeginn 1939 entfernte er sich geistig immer weiter vom Naziregime. Schon seit Jahren schrieb er historische Dramen, die man als versteckte Kritik an der Maßlosigkeit des „Führers“ lesen kann. Sprache und Pathos der Stücke sind heute kaum mehr erträglich. Zeitloser sind manche Gedichte, die er nebenher verfasste. In einem, „Die Mücke“, heißt es etwa ironisch-leicht:

„Ein Rüssel … schlag ich zu? / Mißgönn ich ihr den Tropfen Blut, der solches Wesen nährt? / Den leichten Schmerz, den mir der Stich gewährt? / Sie handelt, wie sie muß. Bin ich ein Tier?“

Der Anfang vom Ende Albrecht Haushofers nahte mit dem, was er als sein Meisterwerk in der Politik erhofft haben mag: dem mysteriösen Flug von Heß nach Großbritannien. Auch wenn bis heute unklar ist, was der Hitler-Stellvertreter mit seiner Nacht-und-Nebel-Aktion im Mai 1941 genau wollte und ob er tatsächlich ganz auf eigene Faust handelte: Albrecht Haushofer lieferte Heß Kontakte im Vereinigten Königreich und Ideen für dessen Plan, zwischen Deutschland und Großbritannien einen Separatfrieden auszuhandeln. Er hätte die Expansion der Nazis im Osten erleichtert, den gefährlichen Zweifrontenkrieg beendet.

Doch die Initiative des naiven Hitler-Stellvertreters scheiterte grandios. Heß wurde entweder als Irrer oder Verräter hingestellt. Sein Helfer Albrecht Haushofer wurde aus dem Auswärtigen Amt entlassen, landete für mehrere Wochen in Haft und wurde seitdem von der Gestapo überwacht. In einem Buch des „Haus am Checkpoint Charlie“-Gründers und Haushofer-Schülers Rainer Hildebrandt erinnert sich Rainer Haushofer, ein Neffe Albrechts, an eine Geschichte, die sein Vater ihm erzählt hat und in dieser Zeit gespielt haben muss: Karl Haushofer sagte bei einer Diskussion mit seinem Sohn Albrecht am Hartschimmelhof über das Problem des Tyrannenmordes: „Non licet, non licet.“ Albrecht Haushofer antwortet: „Man darf nicht, aber man muss.“

In der Hand des toten Albrecht Haushofer findet man seine „Moabiter Sonette“

Und offenbar tat Albrecht Haushofer etwas. Nach dem Fehlschlag des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 ahnte Albrecht Haushofer, dass ihm die Kontakte zu den Verschwörern gefährlich werden könnten. Er tauchte bei einer Bäuerin in Mittergraseck bei Partenkirchen unter, wurde aber auch hier im Dezember 1944 entdeckt, verhaftet und ins Gefängnis Moabit an der Lehrter Straße gebracht. In der Haft schrieb er auf eingeschleustem Papier innerhalb eines Vierteljahres in strenger Versform 80 Sonette. In ihnen setzte er sich, teils selbstkritisch, teils entschuldigend, mit der eigenen und seines Volkes Schuld an der mörderischen Diktatur und dem Krieg auseinander. Die Gedichte kursierten zwischen den Zellen der Haftanstalt, eine Handschrift dieser „Moabiter Sonette“ wurde herausgeschmuggelt.

Während des letzten großen Bombenangriffs auf die Hauptstadt schließlich, vom 23. auf den 24. April 1945, wurde Albrecht Haushofer mit rund einem Dutzend Mitgefangenen von einer SS-Einheit aus dem Gefängnis geführt. Auf einem Trümmerfeld vor dem heutigen Lehrter Bahnhof wurden sie im Lärm des Endkampfes um die Hauptstadt durch Genickschuss getötet. In der Hand Albrecht Haushofers findet sein Bruder Heinz später eine blutbefleckte Abschrift seiner „Moabiter Sonette“. Mit bloßen Händen begräbt er ihn auf dem alten Friedhof der Johanneskirche in Moabit.

Die Sonette Albrecht Haushofers wurden in der Nachkriegszeit zuerst von US-Offizieren veröffentlicht. Sie erlangten große Popularität, da die Gedanken des konservativen Patrioten, sein Schwanken zwischen Opportunismus, Mitmachen und Widerstand in der Nazizeit, so recht in die Gefühlslage vieler Deutscher Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre passten. Vor einem Jahr wurde im Beisein von Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) nahe seinem Ministerium in Moabit ein Denkmal zu Ehren Albrecht Haushofers enthüllt. Schily sagte damals: „Die Erinnerung an ihn sollte uns mahnen, unser Gewissen wach zu halten.“

Die „Moabiter Sonette“ wirken heute verstaubt. Doch die Umstände ihrer Niederschrift und das Schicksal ihres Schreibers ergreifen. Albrecht Haushofer war einer, der sein Gewissen erst spät entdeckte. Aber er ist dem Ruf dieser Stimme schließlich gefolgt. Bis in den Tod.